In jedem Renault Kadjar steckt ein Gutteil Nissan Qashqai – sprich: erprobte und bewährte SUV-Technik, die dort bereits in der zweiten Generation läuft. Der neue SUV der Franzosen, mit 4.449 mm Länge in der Modell-Hierarchie über dem Renault Capture angesiedelt, hat im nicht sichtbaren Bereich rund 60% Gleichteile mit seinem Bruder aus Japan, im sichtbaren Bereich sind es auch immer noch fünf Prozent. Gut versteckt also – wenn er so da steht, sieht man ihm die enge Verwandschaft praktisch nicht an.

Deutlich flotter mit dem Diesel

Die Karosserie des Kadjar kommt mit ausgeprägtem Schwung und durchaus athletischen Formen daher – ausgeformte Kotflügel, eingezogene Flanken, gespannte Linienführung. Gelegentlich stört das fast schon: So sind die vorderen Kotflügel etwa so hoch über die Linie der Motorhaube gezogen, dass sie die Sicht schräg zur Seite behindern. Typische Designelemente des Kadjar: die schwarz eingefassten Radhäuser, der optische Unterfahrschutz vorne und hinten. Die Fahrzeugfront wird optisch bestimmt von den “C”-förmigen LED-Tagfahrlichtern und der großen Renault-Raute im Kühlergrill. Der Kadjar gehört zu den immer rarer werdenden Autos, die ein Gesicht haben. Und ein breites Grinsen dazu. Als Option sind auch Hauptscheinwerfer in Voll-LED-Technik erhältlich.

Renault liefert den Kadjar mit drei Motorisierungen zur Wahl aus: ein Benziner und zwei Diesel. Der Vierzylinder-Benziner hat 96 PS/130 PS Leistung. Doch das ist eher was für den beschaulicheren Alltag. Er kommt nur widerwillig in die Puschen und will dann mit ordentlich viel Drehzahl bei Laune gehalten werden. Kein Wunder: Das maximale Drehmoment liegt gerade mal bei 205 Nm. Entsprechend braucht der Benzin-Kadjar 10,1 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 – offiziell, gefühlt ist es deutlich mehr. Die Höchstgeschwindigkeit liegt immerhin bei 192 km/h, der offizielle Durchschnittsverbrauch bei 5,6 Liter Super je 100 Kilometer.

Viel Platz vorne

Deutlich flotter ist man da mit dem Diesel-Katjar unterwegs – zumindest, wenn man nicht die 110-PS-Variante wählt. Der stärkere der beiden Selbstzünder liegt zwar in der reinen Leistungsausbeute mit 96 kW/130 PS auf gleicher Höhe mit dem Benziner – aber das maximale Drehmoment macht den erfahrbaren Unterschied. Der Diesel hängt erkennbar lustvoller am Gas, reagiert schneller und spurtet los, als ob es dafür Fleißkärtchen gäbe. Und deutlich fixer, als es laut dem technischen Datenblatt aussieht. Dort ist er mit 9,9 Sekunden für den Spurt aus dem Stand auf 100 notiert. Die Höchstgeschwindigkeit liegt mit 190 km/h nur geringfügig unter der des Benziners. Der offizielle Verbrauch: 4,3 Liter Diesel auf 100 Kilometern. Das verschafft ihm eine Reichweite von immerhin 1.279 Kilometern mit einer Tankfüllung. In der Praxis dürfte auch der Diesel-Kadjar deutlich eher zur Zapfsäule drängen – nach etlichen Kilometern Fahrt zeigte der Bordcomputer einen Verbrauch von gut sechs Litern an, bei einem ausgedehnten Ausflug mit der Allradversion ins Gelände waren in der Anzeige auch mal deutlich mehr als acht Liter nachzulesen (statt der offiziellen 4,9 Liter der 4×4-Version).

Vor allem als Selbstzünder ist der Kadjar ein sehr angenehmes Auto sowohl für längere Strecken als auch für den Alltag in der Stadt. Die Geräuschdämmung ist hervorragend – weder der Motor macht übermäßig auf sich aufmerksam, noch stören Außengeräusche die Unterhaltung der Passagiere. Tieffliegende Militärjets? Sehen? Ja. Hören? Nein. Auch die Windgeräusche halten sich bis 140 km/h sehr im Rahmen, Einzig, wer durch’s Gelände brettert, der hört die Qual der Reifen. In der Allradversion ist der Kadjar bei einer Bodenfreiheit von 200 mm zumindest für leichteres Gelände und holprige Pfade gut geeignet – solange es nicht durch Bachläufe und Schlammlöcher geht. Erst recht fällt der Kadjar auf Asphalt durch seine kommode Federung auf.

Preise ab 19.990 Euro

Das Platzangebot ist vorne sehr gut, auch größere Passagiere werden kein Problem haben, sich in den weit verstellbaren Sitzen häuslich einzurichten. Selbst in der zweiten Reihe kommt man mit Kopf- und Kniefreiheit gut klar, sitzt allerdings ein wenig arg tief. Die Sitze vor allem vorne sind komfortabel und bequem, mit dicken, gut ausgeformten Polstern. Der Seitenhalt ist nahezu perfekt, der “Ermüdungsquotient” selbst auf langen Fahrten gering. Das Lenkrad ist in Tiefe und Neigung verstellbar, der Hebel der 6-Hang-Handschaltung gut erreichbar. Auf Wunsch gibt es zumindest den “kleinen” Diesel auch mit einem Doppelkupplungsgetriebe. Aber wozu? Die Handschaltung ist gut abgestimmt und lässt zumindest beim 130-PS-Diesel schaltfaules Fahren zu.

Rundum macht der Innenraum einen gediegenen und qualitativ hochwertigen Eindruck. Man merkt, dass sich die Designer bei Materialauswahl und -mix nicht einfach aus dem nächst erreichbaren Regal bedient, sondern eigene Ideen eingebracht haben. Eigentlich nerven nur zwei Dinge. Die Abstellfläche links im Fußraum des Fahrers ist so üppig bemessen, dass man mit breitem Schuhwerk schon mal am Kupplungspedal hängen bleibt, das man eigentlich bedienen wollte. Und: Der Mitteltunnel liegt von der Höhe her so ungünstig, dass es Druckstellen am Gasbein geben kann. So viel Platz die Passagier haben, so viel Platz hat ihr Gepäck. 472 Liter sind es im Normalfall, mit umgeklappten Rückbanklehnen sind bis zu 1.478 Liter unterzubringen. Der Nissan Qashqai ist da ähnlich geschnitten: Sein Kofferraumvolumen liegt zwischen 430 und 1585 Litern. Die Sitze selbst lassen sich im Kadjar einfach umklappen und bilden dann mit dem Kofferraumboden eine plane Ebene.

Bleibt der Preis. Der beginnt für den 130-PS-Benziner in der einfachsten Ausstattungsvariante bei 19.990 Euro. Wer allradgetrieben und mit der teuersten Ausstattung unterwegs sein will, der wird allerdings schon mindestens 33.490 Euro los. Der Basispreis liegt damit exakt auf dem des einfachsten Nissan Qashqai. Dort beim Bruder aus Japan ist preislich bei 29.350 Euro Schluss.