Land Rover machte es Anfang der 70er Jahre vor, und zumindest in Europa folgte fast niemand. Der Range Rover war die artgerechte automobile Haltung für den britischen Landadel und Großgrundbesitzer, die durch Schlamm und über Weiden den Weg zum eigenen Gehöft finden wollten. Ein gewöhnlicher Land Rover kam dafür nicht in Frage. In den USA hatte der Jeep Grand Wagoneer eine ähnliche Ausrichtung, wenngleich nicht eine derart exquisite Kundschaft. Doch auch bei ihm gehörten Luxus und Gelände untrennbar zusammen. In Europa wandelte auf gleichen unwegsamen Pfaden allenfalls der Montiverdi Sahara, der ab 1976 in kleinen Stückzahlen bei Fissore als ungleicher Bruder des Amerikaners International Scout gebaut wurde. Die zarte Knospe Luxus und Gehölz zu einen, scheint sich erst 40 Jahre später zu einem neuen Edelsegment zu entwickeln.

Nachdem BMW längst an einem X7 arbeitet, am Horizont ein Maybach-SUV auf der Plattform der kommenden Mercedes GLS-Plattform hervorlugt und Lamborghini an einem sportlichen SUV tüftelt, dürfen auch Bentley und Rolls-Royce nicht fehlen, um neue Kunden zu locken. Rolls-Royce unternimmt wilde Klimmzüge, um die Kommunikation des stotternden Luxus-SUV langsam in die Gänge zu bringen, um gegen den Erzrivalen Bentley nicht wieder den Kürzeren zu ziehen. So gab es kürzlich einen offenen Brief der beiden Rolls-Royce-Verantwortlichen Torsten Müller-Ötvös und Peter Schwarzenbauer, dass man sich auf ein neues Auto vorbereite, das von Kunden seit einiger Zeit gefordert würde. Der Begriff SUV oder gar Geländewagen wird bei Rolls-Royce gemieden, hatte Torsten Müller-Ötvös die die Symbiose aus Emily und Schlamm doch vor Jahren ausgeschlossen. Doch der verwirrende offene Brief zeigt auch ohne Zeigefinger, wohin die Reise für ein Auto geht, das intern den Namen Cullinan trägt und die Verkaufszahlen zumindest mittelfristig an die 7.500er-Marke tragen soll.

Bentayga soll als echter Bentley zu erkennen sein

Weniger hölzern lässt es Bentley angehen. Der Bentayga als Noblesse-Bruder von VW Touareg, Porsche Cayenne und Audi Q7 soll nicht nur mit seinem abgedrehten Namen verwirren, sondern zum Bestseller der britischen Marke werden. „An meinem dritten Arbeitstag bin ich einen Prototyp des SUV gefahren und war begeistert“, blickt Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer zurück, „ich habe den Fahrerarbeitsplatz 1:1 wiedergefunden. Am Frontdesign hat sich jedoch einiges verändert. Hier wollten wir mit der Genf-Studie seinerzeit bewusst provozieren und das ist voll aufgegangen. Das Serienmodell wird das typische Gesicht der Marke Bentley tragen.“

Dürheimer macht im Gegensatz zur Konkurrenz in Goodwood keinen Hehl daraus, dass er mit dem Luxus-SUV Bentayga an die Spitze des Segments, vorbei an Range Rover, Mercedes GLS oder Cadillac Escalade, in die Einfahrten wohl betuchter Kunden aus den USA, Asien, dem Orient und Europa will. „Unser Wagen tritt einem ins Kreuz, wie es eben nur ein Zwölfzylinder kann. Er wird den höchsten Topspeed und die besten Fahrleistungen bieten.“ Dafür gibt es neben dem Zwölfzylinder in W-Bauweise mittelfristig auch Achtzylinder mit entsprechendem Hybridmodul. Auch an ein SUV-Coupe denken die Bentley-Verantwortlichen. Allerdings wird dieses Derivat noch etwas auf sich warten lassen. Ende dieses Jahres soll es mit der ersten Variante des Bentayga losgehen. Kunden aus Dubai, Beverly Hills und Peking, reiben sich bereits erwartungsvoll die Hände. Die erste Jahresproduktion ist bereits ausverkauft – zu Preisen ab 200.000 Euro.

Wie der Audi Q7 basiert der Bentley-Kraxler auf der Evolution des modularen Längsbaukastens (MLB Evo). Bentley-Technikchef Rolf Frech stellt klar: „Die Rohbaustruktur ist identisch. Alle anderen Themen werden individuell ausgelegt.” Das beinhaltet auch das Infotainment, wo Bentley zwar auf die bewährte Architektur zurückgreift, aber eine eigene Bedien-Oberfläche und Menüstruktur verwenden wird. Damit sich die verwöhnte Klientel wohlfühlt, will Bentley den Wohnraum so angenehm, wie möglich gestalten. „Es wird kein anderes Interieur geben, das derart luxuriös ist wie das des Bentayga”, richtet der Schwabe Frech eine klare Kampfansage an die Konkurrenz. In nicht allzu ferner Zukunft sollen die Fahrzeuge aus Crewe zum rollenden Büro mutieren: Neben Videokonferenzen soll es auch möglich sein, aus dem Auto heraus in das Hotel der Wahl einzuchecken.

Während sich Hersteller wie Mercedes oder Rolls-Royce auf die Zunge beißen, wenn es um geplante Verkaufsvolumina geht, so sieht das bei Bentley ganz anders aus. „Wir kalkulieren über die Laufzeit mit 3.500 Fahrzeugen pro Jahr; vielleicht auch etwas mehr“, sagt Wolfgang Dürheimer, „dabei muss das SUV kein Einzelspieler bleiben. Mit unserer Continental-Baureihe haben wir gezeigt, wie erfolgreich Derivate sein können.“ So könnte das Bentley SUV mittelfristig auch an das Garagentor zu BMW X6 M oder dem Mercedes GLE 63 AMG Coupé klopfen.

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Wolfgang Gomoll / Stefan Grudhoff