Was war die Anspannung auf die VW Group Night in Shanghai groß. Jeder der über 1.000 geladenen Gäste wollte dem Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn nach seinem scheinbaren Sieg gegen den Patriarchen Ferdinand Piëch irgendeinen Hinweis auf die Zukunft aus seinem Gesicht ablesen. Wie geht es mit dem Konzern weiter? Wie geht es mit ihm selbst weiter? Doch der fußballbegeisterte Winterkorn kam nicht nach China. Ob es nun an einer Erkältung lag, die er sich während der Niederlage seines Heimatvereins VfL Wolfsburg während zugezogen hat. Oder ob die Klimaanlage im firmeneigenen Jet beim Hin- und Herfliegen zwischen den letzten Krisengesprächen der langen Reise ins Land des Lächelns dem Ganzen ein Strich durch die Rechnung gezogen hat. Am Ergebnis ändert es nichts. Und in Anbetracht der mit 299 µg pro Kubikmeter Luft gemessenen Feinstaubbelastung ist der Daheimgebliebenen irgendwie auch etwas zu beneiden – in Europa beträgt der Grenzwert gerade einmal ein Sechstel davon.

Audi hatte tatsächlich etwas im Gepäck

Dabei hätte die Anwesenheit Martin Winterkorns dem ansonsten in puncto automobiler Neuheiten eher glanzlosen, wenn auch in seiner Durchführung spektakulären Konzernabend sehr gut getan. Der von Xie Jingxian, einer ortsansässigen Starpianistin eröffnete Abend sollte auf jeden Fall über die Schatten der vergangenen Tage ein wenig hinwegtäuschen. VW-China-Chef Jochem Heizmann weckte als erster Redner die Hoffnung auf Überraschungen. Denn Sätzen wie “Wir sind als Volkswagen Gruppe hier in China zuhause” und “In diesem Jahr werden wir 60 neue Modelle und Derivate in China auf den Markt bringen” sorgten überraschend für Vorfreude. Doch so schnell sie aufgebaut war, so schnell war sie auch wieder verflogen. Lediglich die Investitionssumme in Höhe von 22 Milliarden Euro, die der Konzern bis zum Jahr 2019 in China lassen möchte, war aufgrund ihrer neun Nullen sehenswert.

Einen kleinen Lichtblick bereitete Audi-Chef Rupert Stadler mit seinen automobilen Mitbringseln. Neben dem A6 e-tron in der Langversion fuhr auch der neue 367 PS starke Audi Q7 e-tron Turbo auf die Bühne. In der zweiten Hälfte 2016 soll er in China auf den Markt kommen. Audi Entwicklungs-Chef Ulrich Hackenberg legte noch einen nach und zeigte mit dem Audi Prologue Allroad das dritte Vorspiel auf den sich ankündigenden neuen Audi A8. Die von Wolfgang Dürheimer geführten Luxusmarken Bentley und Bugatti hatten nichts Neues vorzuweisen. Allerdings hinterließ Bentley Continental GT3-Rennfahrer Adderly Fong an diesem Abend dann noch einen, beziehungsweise zwei bleibende Eindrücke – er verließ die Bühne mit einem satten Burnout, dessen Zeugen zwei lange, schwarze Reifenabdrücke und ein wenig Smog in der Halle waren.

Der zukünftige Phaeton

Nichts Neues, aber stets und zu recht gut gelaunt präsentierte Skoda-Chef Winfried Vahland den neuen Superb. “Wir haben den Superb zum wichtigsten Automarkt der Welt, nach China, mitgebracht. Dieses Modell ist für China gemacht und bezeichnet den Beginn einer neuen Ära”, schwärmt er über den mehr als gelungenen, aber eben nicht mehr ganz taufrischen Hingucker. Adrett gekleidet und mit einem breiten Lächeln auf den Lippen entstieg Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann seinem in Europa bereits bekannten Aventador LP 750-4 Superveloce. Mit 750 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von über 350 Kilometer pro Stunde kann solch ein Vehikel aber eigentlich auch gar nicht oft genug gezeigt werden.

Mit 640 PS zwar etwas weniger Leistung, aber mit 15,2 Litern deutlich mehr Hubraum hat der neue MAN TGX D38. MAN-Chef Heinz-Jürgen Löw hat ihn zwar nicht auf die Bühne gelassen, doch allein die Nennung dieses Wertes weckte Aufmerksamkeit. Von Volkswagen selbst kam dann doch noch eine echte Prämiere: der C Coupe GTE. Der insgesamt 245 PS und 500 Newtonmeter starke Vorbote auf Passat CC und wohl auch auf die nächste Phaeton-Generation verbraucht dank seines Plug-in-Hybrid-Antriebs nur 2,3 Liter auf 100 Kilometer – und sieht zudem noch echt gelungen aus. Wenn der Chef schon nicht im Haus ist, dann können ja wenigsten Mal die Kleinsten die Bühne unsicher machen. Und so kam es, dass unter der Leitung von Altfußballer Roy Präger zahllose kleine Nachwuchskicker über die Bühne huschten. “Nicht nur im Automobilbau, sondern auch im Fußball wollen wir näher mit China zusammenarbeiten” heißt es seitens Volkswagen und präsentiert seinen chinesischen Vfl Wolfsburg-Spieler Zhang Xizhe.

Letztlich betrat ein ebenfalls gut gelaunter Seat-Chef Jürgen Stackmann die Bühne, der neben dem zehn prozentigen Wachstum der Marke in China auch noch den in Europa bereits enthüllten 20V20 präsentierte. Dem kurzen Auftritt der von Ducati-Boss Claudio Domenicali in die Halle gefahrenen Ducati Hypermotard folgte Porsche Chef Matthias Müller mit erstaunlich wenig im Gepäck. Die normalerweise stets mit einer Überraschung ums Eck driftende Marke aus Zuffenhausen brauste lediglich mit der Legende 935 Moby Dick und einer 911 Style Edition für China heran. Für eine Konzern-Gruppe, die China für den Weltmarkt Nummer eins hält, bot der Messevorabend wenig Neues. Nach den Führungsquerelen kann der Konzern nun erst einmal durchatmen und sich auf die Heimmesse in Frankfurt im September vorbereiten.

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