| von Frank Volk, Götz Fuchslocher

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Lessons learned gibt es bei der Elektromobilität? Wo sind noch Verbesserungen möglich?
Das Schöne ist, dass man von den Technologie-Entwicklungen beider Bereiche profitieren kann. Schon frühzeitig haben wir die ersten E-Motoren für unsere elektrischen Antriebe der zweiten Generation gebaut. Neben Fortschritten beim Produkt, wie etwa bei der Leistungsdichte und dem Gewicht, ist es faszinierend zu sehen, wie wir auch die Prozesstechnologie weiterentwickeln konnten. In der nächsten Generation, bereits fünften der elektrischen Antriebe werden wir noch einmal einen deutlichen Hub erreichen, auch in Richtung Fertigungstechnologie. Am Ende haben wir den gleichen Anspruch an die Skalierbarkeit der Produktionssysteme wie an das Produkt selbst. Von Anfang an sind wir den gesamten Innovationspfad konsequent mitgegangen und haben immer wieder neue Technologien auf der Produktseite gleich mit dem entsprechenden Fertigungsprozess verbunden. Zudem haben wir sehr viel Erfahrung in der Industrialisierung von Großserien, was an Wert nicht zu unterschätzen ist. Wir können die Erfahrung von Jahrzehnten in der Produktion von Verbrennungsmotoren auf die elektrische Antriebswelt übertragen. Mit Blick auf die Elektromobilität sind die Potenziale, die wir mittelfristig auch bei der Fertigungstechnologie sehen, enorm.

AUTOMOBIL PRODUKTION: In Ihrem Vortrag auf dem AUTOMOBIL PRODUKTION Kongress sprachen Sie davon, dass man die Zulieferer mitnehmen und unterstützen müsse. Bei der E-Mobilität kommen neue, teilweise sehr kleine Spieler hinzu. Was bedeutet dies?
Spannend ist für uns, dass wir mit unseren langjährigen Zulieferern aber auch ganz neuen Partnern zusammen neue Wege gehen und neue Prozesse entwickeln. Dies ist ein sehr kreativer Prozess. In der E-Mobilität kommen sehr viele Fertigungstechnologien zum Einsatz, die man so von der Stange gar nicht kaufen kann. Hier kann man beispielsweise durchaus etwas von der Verpackungsindustrie und ihren ganz bestimmten Fertigungsverfahren lernen.

Bild: Facesbyfrank
Bild: Facesbyfrank

AUTOMOBIL PRODUKTION: Können Sie ein Beispiel nennen?
Bei der Modulfertigung – also dem Bündeln von mehreren Zellen in einem größeren Paket - werden die Zellen in der Regel foliert. In unserer Fertigung in Dingolfing ist dies ein aufwendiger Prozess, bei dem man die Zelle mit der Folie beklebt und dann das Papier abzieht. Ein Blick in die Flaschenindustrie zeigt, dass sich dies heute mit ganz anderen Fertigungsverfahren bewerkstelligen lässt. Wir lernen daher von anderen Industrien und entwickeln gemeinsam mit unseren Anlagenherstellern entsprechende Fertigungsverfahren. Die nächste Herausforderung ist dann, dies auch in die Skalierung zu bringen. Das verlangt von uns und unseren Lieferanten ein enges Zusammenspiel. Dieses Know-how bauen wir mit einer überschaubaren Anzahl von Lieferanten auf.

 

AUTOMOBIL PRODUKTION: Haben Sie in diesem Zusammenhang auch einen neuen Einkaufsprozess aufgesetzt?
Wenn sich einer verändert, müssen sich in der Regel viele andere auch verändern. Gemeinsam mit unserem indirekten Einkauf haben wir neue Prozesse definiert und es auf Basis der bestehenden ermöglicht, dass wir in den Verträgen auch entsprechende Vereinbarungen treffen können. Damit wir genau diese Adaptivität mit den Anlagenherstellern auch abbilden können.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Die Marke BMW lebt aus Tradition vom Thema Fahrdynamik. Bedeutet Multitraktion nicht auch einen Verlust an Dynamik?
Für diese Frage bin ich zwar nicht die Expertin, aber ich kann als leidenschaftliche Fahrerin des vollelektrischen BMW i3 und des BMW i8 Plug-in-Hybrid nur sagen, dass es keine Phase gab, in der mich diese Fahrzeuge nicht begeistert hätten.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Welche Instrumente der Lean Production, der KI und Digitalisierung kommen bei Ihnen in der Motorenfertigung zum Einsatz?
In der Motorenfertigung sind Menschen damit beschäftigt, im 30-Sekunden-Takt mit einer hohen Varianz und Anzahl an Komponenten Motoren zu bauen. Digitalisierung ist daher auch bei uns ein großes Thema. Sie bietet großen Raum an Möglichkeiten. Wichtig ist es, innerhalb dieser Möglichkeiten genau die Anwendungen zu finden, die uns im Produktionsprozess wirkliche Fortschritte bringen, die das Produktionssystem flexibler, prozesssicherer, kostengünstiger und auf Seiten der Komplexität beherrschbar machen. Ein Bereich dabei ist Data Analytics. Wie viele andere auch, versuchen wir die Anlagenleistung durch Datenanalysen, vorausschauende Instandhaltung und frühzeitige Identifizierung potenzieller Probleme im Produktionsprozess deutlich zu steigern. Ein zweiter Bereich ist das Thema Smart Logistics mit der Frage, inwieweit es gelingt, die Logistik zu autonomisieren und gleichzeitig eine hohe Transparenz in der Zulieferkette zu schaffen. Ziel ist es zu vermeiden, dass aufgrund irgendwelcher Ereignisse, die heute nicht vorhersehbar sind, möglicherweise Lieferketten abreißen. Ein drittes Feld ist die intelligente Automatisierung. Eine intelligente Ergänzung des Menschen durch kollaborative Robotersysteme oder Assistenzsysteme hilft uns insbesondere auch die Komplexität, die beispielsweise über die Regulatorik-Anforderungen auf uns zukommen, zu bewältigen und beherrschbar zu machen. Immer jedoch im Sinne der Unterstützung des Menschen.
Am Ende des Tages wird es einer der Wettbewerbsfaktoren sein, die Komplexität in solchen Montage- oder Produktionsprozessen beherrschbar zu halten und eine hohe Verfügbarkeit zu schaffen. Dies bedeutet pures Geld.

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