Dirk Hoheisel: "Ich halte es für sehr mutig, wenn Unternehmen ankündigen, im Jahr 2019 mit Robotaxis in Serie zu gehen."

Dirk Hoheisel: "Ich halte es für sehr mutig, wenn Unternehmen ankündigen, im Jahr 2019 mit Robotaxis in Serie zu gehen." Bild: Bosch

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Hoheisel, wenn man die News von Bosch in den letzten Monaten liest, dann ist da extrem viel die Rede von IoT, Vernetzung, E-Mobility und automatisiertem Fahren. Fällt bei Ihnen eigentlich auch noch ab und an das Wort Zündkerze?
Zündkerze, Wischerblatt, Bremsscheibe, das gibt es alles noch bei uns. Das ist immer noch Kerngeschäft. Das ist uns bewusst und es ist auch das Geschäft, mit dem wir die neuen Themen teilweise finanzieren. Es ist keineswegs so, dass diese Bereiche gestrig sind – im Gegenteil. Wir treiben auch in unserem klassischen Geschäft Innovationen voran. Nehmen Sie nur unsere Einspritzventile oder unsere neue Bremsscheibe iDisc, die bis zu 90 Prozent weniger Bremsabrieb erzeugt und hilft, das Feinstaubproblem in Städten zu entschärfen. Klar kommen zum Beispiel mit der Automatisierung und der Vernetzung neue Themen hinzu, aber das bedeutet nicht, dass wir etablierte Bereiche weglassen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Dennoch dreht sich sehr viel um die Megatrends Elektromobilität, automatisiertes Fahren, Vernetzung. Reden wir da in erster Linie von Investitionen in die Zukunft oder von realem Geschäft?
Wenn ich mir den Bereich der Fahrassistenz anschaue, ist die Entwicklung schon sehr bemerkenswert. Als wir vor etwa 20 Jahren damit begonnen haben, war das ein ganz zartes Pflänzchen mit dem ersten Abstandstempomaten ACC, 2005 kam das erste Notbremssystem – damals ein absolutes Zukunftsthema. Heute ist das ein großes, wachsendes Geschäft, in dem wir 2019 einen Umsatz von zwei Milliarden Euro erwarten. Und das bei weiter sehr starkem Wachstum. Ich denke, da kann man selbst nach unseren Größenmaßstäben von einem realen Geschäft sprechen.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Macht das einen besonderen Charme der Entwicklung zum automatisierten Fahren aus, dass sich eine Vielzahl von Geschäftsfeldern öffnet, die man auf dem Weg dorthin realisieren kann?
Ja, das muss man auch, sonst wäre die Thematik noch schwieriger zu handhaben als ohnehin schon. Der Weg zum automatisierten Fahren erschließt sich für uns über zwei Pfade. Erstens sprechen wir über die schrittweise Weiterentwicklung der Fahrerassistenzsysteme über teilautomatisiertes Fahren auf Level 2 bis zur bedingten Automatisierung auf Level 3. Auf diesem evolutionären Pfad lässt sich mit einer Verfeinerung der bestehenden Systeme und Techniken schon viel erreichen. Alles, was danach kommt, also das hoch- und vollautomatisierte Fahren auf Level 4 und Level 5, ist noch einmal deutlich anspruchsvoller. Da sprechen wir von einer ganz neuen Dimension an benötigter Rechenleistung, mehr Sensorik und Elektronik, die alleine von den Kosten her für einen Privatkäufer anfänglich nicht darstellbar sein wird. Bei diesem zweiten, revolutionären Pfad, den wir parallel zum evolutionären Pfad vorantreiben, geht es um eine ganz neue Technologie.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Das heißt, der größte Benefit, den Sie von den aktuellen Fahrerassistenzsystemen haben, ist, dass Sie mit diesen das Geld verdienen, das Sie brauchen, um die neuen Systeme für Level 4 und 5 zu entwickeln?
Das ist ein wichtiger Aspekt, aber nicht der einzige. Wir lernen durch die Weiterentwicklung der Fahrerassistenz permanent dazu, machen wichtige Erfahrungen, die dann in die neuen Systeme zum automatisierten Fahren fließen. Dazu kommt der enorme technologische Fortschritt. Man glaubt es ja kaum, bei dem Level, den wir inzwischen erreicht haben, aber es gilt immer noch das Mooresche Gesetz. Demnach wird die Elektronik im Schnitt alle 18 Monate leistungsfähiger – und das bei sinkenden Kosten. Wir profitieren von Skalierungseffekten und werden das auch in Zukunft tun. Aber der Punkt, in dem sich Aufwand und Kosten beispielsweise bei Level-4-Systemen treffen, der liegt noch relativ weit in der Zukunft.