Im Interview äußert sich Bentley-Chef Wolfgang Dürheimer zu den Ambitionen der Luxusmarke und der Rolle des SUV.

Bentley hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt und besonders bei den Verkaufszahlen von Rolls-Royce abgesetzt. Was sind die Planungen für die nächsten Jahre?
Dürheimer: Wir sind mit der Entwicklung, die Bentley zuletzt genommen hat sehr zufrieden. Zunächst ist wichtig, dass wir den begonnenen Weg mit hochattraktiven Modellen wie dem Continental, dem Flying Spur und dem Mulsanne auszubauen konzentriert weitergehen. Außerdem sind wir aktuell dabei uns den letzten verbliebenen Staub von den Ärmeln zu schütteln.

Wie ist das zu verstehen?
Wir werden uns zum Beispiel wieder mehr auf unsere sportlichen Gene besinnen. Bentley stand seit seinen Anfängen für emotionalen Motorsport auf höchstem Niveau. Unser weltweites GT3-Engagement ist da ein guter Anfang, und wir sind stolz auf die großartigen Ergebnisse der letzten Saison. Die gesteigerte Emotionalität erreichen wir in vielen Punkten durch Liebe zum Detail. Wir fahren nicht mehr nur in British Racing Green, sondern in weiß mit mehrfarbigen grünen Streifen. Auch unsere Techniker im Werk in Crewe tragen nicht mehr dunkelgrüne Shirts und schwarze Hosen wie alle die Jahre zuvor, sondern silberne Hosen und weiße Shirts, die ein modernes Markenbild reflektieren. Bei Bentley geht gerade ein richtiger Ruck durch die Reihen. Wir haben bei unserem GT3-Rennauto 1.037 Kilogramm im Vergleich zum Serienmodell eingespart. Das zeigt, welches Potenzial noch vorhanden ist. Natürlich sind 1.000 Kilogramm Gewichtsreduzierung in der Serie nicht machbar, denn wir werden unseren Kunden auch weiterhin allen gewünschten Komfort bieten. Aber generell zeigt uns das Motorsportengagement, was technisch möglich ist.

Und was zeigen Sie außerhalb des Sportbereichs?
Weiterhin prüfen wir aktuell verschiedene Möglichkeiten zur Erweiterung unserer Produktpalette. Zunächst kommt mit dem Bentley Bentayga der erste Luxus-SUV auf den Markt. Dieses Jahr führen wir auch die überarbeitete Continental Serie mit strafferem, neuen Design und neuen Motoren ein. Unsere Zwölfzylinder bekommen Zylinderabschaltung und die Schadstoffklasse Euro6. Sie werden um 15 Prozent sparsamer! Aber wir arbeiten auch bereits an der nächsten Generation des Continental, den wir nicht mehr auf dem modularen Längsbaukasten, sondern auf dem modularen Sport-Baukasten (MSB) aufsetzen. Der ermöglicht uns noch sportlich-eleganteres Design und große Gewichtsersparnis.

Luxuriöser Bentley Bentayga

Die Nachfrage nach SUV wird immer größer. Macht sich das mit Blick auf das SUV Bentayga schon bemerkbar?
Dürheimer: Wir liegen voll im Zeitplan und der Bentayga wird 2016 auf den Markt kommen. Bisher wurde das Auto nur Bentley intern gezeigt, und auch die Händler haben einen aktuellen Designprototypen gesehen und sind begeistert. Die Nachfrage ist bereits riesig und die Vorbestellungen laufen hervorragend. Wir hatten für das erste Jahr bereits selbstbewusst mit 3.600 verkauften Fahrzeugen kalkuliert. Wenn es gut läuft werden es sogar bis zu 4.000 Autos.

Welches Spektrum wird der Bentley Bentayga seinen Kunden im Vergleich zu anderen Geländewagen wie Porsche Cayenne oder Range Rover bieten?
Dürheimer: Ganz einfach: Er wird viel luxuriöser sein und außerdem der schnellste und teuerste Luxus-SUV auf dem Markt. Wir wissen, dass die meisten unserer Kunden derzeit auch einen luxuriösen Geländewagen in der Garage haben. Wir kennen unsere Kunden sehr gut und konnten uns so bei der Entwicklung des Bentayga entsprechend auf Ihre Wünsche einstellen. Wir werden uns mit dem Fahrzeug an die absolute Spitze des Segments setzen, und maximale Ansprüche erfüllen. Der Bentayga wird in allen Aspekten ein außergewöhnliches Automobil. Wir planen im ersten Jahr ausschließlich Zwölfzylinder-Modelle zu verkaufen. Später werden ein Diesel und ein Sechs-Zylinder Plug-In-Hybrid als Benziner dazu kommen. Die Plug-In-Technik wird auch in die Nachfolgegenerationen von Continental und Mulsanne verfügbar sein.

Sportliches China

Sie zeigten in Genf und Shanghai mit dem Bentley EXP 10 6-Speed ein Sportcoupé. Ist das ein Auto für Europa und die USA oder wäre so etwas auch für Chauffeurmärkte wie China denkbar?
Dürheimer: Die Hauptmärkte für dieses zweitürige Sport Coupé wären Europa und die USA. Wir stellen aber auch fest, dass sich der Sportscarmarkt in China langsam entwickelt. Den Kunden in China geht nicht mehr allein um das gefahren werden, sondern auch um den Spaß, selbst sportlich und hoch motorisiert zu fahren. Im exklusiven Bereich der Luxury Performance Modelle sind wir mit unserem Angebot führend. Unser Mulsanne setzt weltweit Maßstäbe in Luxus und Performance, und auch die Modelle Flying Spur und Continental schlagen sich auf den Straßen Chinas hervorragend, weil die Substanz stimmt. In einem Markt wie China gehen wir mittelfristig von einem durchschnittlichen Zuwachs von sieben Prozent aus. Mit China können wir weiter wachsen.

Wie unterscheidet sich der chinesische Bentley-Kunden von einem in einem anderen Land?
Dürheimer: Die chinesische Mentalität ist betont farbenfroh. Wenn ich bei uns an der Produktionslinie in Crewe entlang gehe und ein Auto sehe, das ins Auge sticht, dann geht es zu 70 Prozent nach China. Unsere chinesischen Kunden haben Mut zu Farbe und zu individuellen Konfigurationen. Wir erhalten gerade aus dem chinesischen Markt Aufträge, die bei uns in England so nicht laufen würden. Asiatische Kunden lieben besondere Schriftzeichen und Familienwappen. Ich sehe großes Potenzial, diese Individualisierungen, die bei uns die Spezialdivision Mulliner betreut, noch weiter auszubauen. Mit Mulliner-Experten in den Märkten werden wir die Akzeptanz für diese außergewöhnlichen Modelle weiter steigern.

Jeder zweite Bentley ein SUV?

Wie sind die Planungen, was die Händlerschaft angeht?
Dürheimer: Wir haben in China aktuell 54 Händler und zählen rund 220 Städte mit mehr als einer Million Einwohnern. Hier haben wir also noch viel vor, um mit dem Wachstum Schritt zu halten.Auch unser Händlernetz in Deutschland werden wir erweitern. Wir haben gerade einmal neun Verkaufsstellen und sind nicht zuletzt aufgrund unserer ausgedünnten Repräsentanz bei vielen potenziellen Kunden noch gar nicht auf der Einkaufsliste. Dabei spielt auch die in Deutschland starke Häufung von Marken wie Mercedes oder auch BMW mit ihren Premiummodellen eine Rolle. Und natürlich ist da noch Rolls-Royce als wichtiger Wettbewerber. Wenn wir den nicht hätten, müssten wir ihn erfinden. Wir schätzen unsere Konkurrenz. Doch was unsere weltweite Marktdurchdringung betrifft, sind wir mittlerweile gegenüber Rolls Royce weit vorne.

Wie wird sich der Bentayga auf die Verkaufszahlen auswirken?
Dürheimer: Aus meiner Zeit bei Porsche weiß ich, dass sich mit einem SUV zum Beispiel auf dem chinesischen Markt noch einmal ein ganz neues Kapitel erschließt. Dieses Potenzial sehe ich natürlich auch für Bentley. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der Bentayga mittel- oder langfristig rund die Hälfte unserer Verkäufe ausmachen wird. Als ich mir seinerzeit unser Portfolio angeschaut habe und verschiedene Szenarien durchdacht habe bin ich schnell beim SUV hängen geblieben. Dieses Fahrzeug macht für uns absolut Sinn, er ergänzt unsere Palette hervorragend, und Konkurrenz belebt das Geschäft. Während sich mit dem Bentayga ein Luxus-SUV Segment entwickelt werden auch unsere Wettbewerber versuchen dieses prestigeträchtige Segment aufzuschließen. Der Bentayga wird zum Maßstab einer neuen Fahrzeugklasse avancieren, vor allem in Sachen Komfort, Leistungsanspruch und Souveränität.