Webasto, Zentrale

Die Zentrale in Stockdorf ist Verwaltungssitz der neuen Webasto SE. Bild: Webasto

Webasto überraschte kürzlich in München die versammelte Presse gleich mit einem Bündel an Botschaften. Die Erste: Das Unternehmen steht finanziell solide da. Im vergangenen Geschäftsjahr fuhr der Zulieferer ein Bruttoergebnis von 150 Millionen Euro ein. 2010 waren es 122 Millionen Euro. Das Gros steuerte beim Umsatz das Dach-Segment mit 1,8 Milliarden Euro bei. Insgesamt generierte der Zulieferer rund 2,3 Milliarden, ein Plus von 12,6 Prozent zum Vorjahr.

Die zweite Botschaft: Das Management hat die Weichen für einen Generationswechsel gestellt. 2013 übergibt Vorstandschef Franz-Josef Kortüm das Zepter an Holger Engelmann, der seit 2010 sein Vize ist. Kortüm nimmt ab dann im Aufsichtsrat Platz. Doch die überraschendste Botschaft ist die Umwandlung von Webasto in eine Europäische Aktiengesellschaft. Die Societas Europaea (SE) – oder eben Europäische Aktiengesellschaft – ist ein Ergebnis der Harmonisierungsbemühungen im europäischen Gesellschaftsrecht. Ihr Sitz muss in einem EU-Mitgliedstaat liegen. Mit der Gründung einer SE können Gesellschaften verschiedener Mitgliedstaaten fusionieren oder eine Holding errichten und mit Gesellschaften aus anderen Mitgliedstaaten, die wirtschaftlich tätig sind, gemeinsame Tochtergesellschaften gründen.

Umwandlung beflügelt Spekulationen

Mit der Wandlung von Webasto in eine SE verspricht das Unternehmen künftig die Publikation der kaufmännischen Kennziffern. In der neuen Webasto-SE-Struktur wurde zudem geregelt, dass beide Geschäftsbereiche als eigenständige SE aufgestellt sind, die unter dem Dach der Holding Webasto SE agieren. Die neue Konstruktion lässt Raum für Spekulationen. Die Rechtsform SE ändert nämlich zunächst bei Webasto in der Sache nichts. Bereits 1986 hatte man die Form einer privaten AG gewählt.

"Grundsätzlich signalisiert eine AG eine gewisse Größe", erklärt Professor Gregor Bachmann, der an der Freien Universität Berlin einen Lehrstuhl für Handels- und Gesellschaftsrecht inne hat. "Dazu gehört auch, dass die Verwaltungsstruktur einer AG dem Management mehr Unabhängigkeit einräumt." Das kann auch dann sinnvoll sein, wenn es sich um Unternehmen in Familienhand handelt, was bei Webasto gegeben ist. Allerdings sind die Familiengesellschafter nicht im Unternehmen aktiv und kontrollieren lediglich über den Aufsichtsrat die Geschicke ihres Managements. Die Umwandlung  in eine europäische Gesellschaft ist ein weitergehender Schritt. "Die SE zeigt, dass das Unternehmen grenzübergreifend aufgestellt ist." Also weit entfernt von einer  "Mittelstandsklitsche". Dieses Signal kommt auch am Kapitalmarkt gut an. Und die unter der Holding Webasto SE selbstständigen Töchter (Webasto Roof & Components SE und Webasto Thermo & Comfort SE) werden als  getrennte Bilanzkreise behandelt. Sollte für eine der Geschäftsbereiche eine  Fremdfinanzierung notwendig werden, öffnet das neue, flexiblere Möglichkeiten: Im Falle einer Finanzierungsmaßnahme bei Webasto Thermo & Comfort bleibt der Bereich Roof & Components davon unberührt. Doch Bedarf steht momentan nicht an, wenn man auch kräftig in die Forschung und Entwicklung investiert. Webasto ist schuldenfrei und glänzt mit einer Eigenkapitalquote von knapp 40 Prozent.

Mehr Flexibilität

Franz-Josef Kortüm begründete die Umwandlung mit mehr Flexibilität. "Das kann in der Tat ein Motiv sein", sagt Bachmann. Von der durch die SE gegebenen Möglichkeit, Vorstand und Aufsichtsrat zu einem einzigen Gremium, dem Verwaltungsrat, zusammenzufassen, hat Webasto allerdings keinen Gebrauch gemacht. Weitere Optionen: Durch die SE hat Webasto jederzeit die Möglichkeit, den Firmenstandort zu verlagern. Durch die Umwandlung hat Webasto also tatsächlich an Flexibilität gewonnen. Ein Schachzug, der sich vor allem bezüglich des wachsenden Wettbewerbs- und  Preisdrucks als sinnvoll erweisen kann.