Oliver Zipse braucht nur einen Vier-Worte-Satz: „Produktion kommt von Produkt.“ Damit macht der Produktionsvorstand der BMW Group klar, worauf sich jegliche Optimierung und Innovation im weltweiten Produktionsnetzwerk auszurichten hat. „Wichtig sind mir dabei die Steigerung von Flexibilität und Agilität, Innovationsfähigkeit und, am allerwichtigsten, die Befähigung robuster Prozesse“, bekräftigt Zipse im Gespräch mit AUTOMOBIL PRODUKTION.

Der gebürtige Heidelberger, der neben Maschinenbau auch Informatik und Mathematik studiert hat, lässt keinen Zweifel daran, dass sich auch die Strategien und Instrumentarien der sogenannten „Industrie 4.0“ an diesem BMW-Anforderungsprofil messen lassen müssen. „Die Digitalisierung an sich ist ein Überbegriff, der alle technischen Möglichkeiten zusammenfasst, bezüglich der Anwendbarkeit im industriellen Kontext aber gut verstanden sein muss. Nicht alles, was hier technisch möglich ist, ist auch sinnvoll“, betont der Produktionsvorstand.

Von der Smart Watch bis hin zur „schlauen“ Logistik

Um die steigende Komplexität durch angepasste Digitalisierung mit größerer Effizienz zu beherrschen, hat die BMW Group in dem komplexen Handlungsfeld „Industrie 4.0“ sechs Stoßrichtungen definiert. Zipse: „Das sind kontextsensitive Assistenzsysteme, innovative Robotersysteme, Fabrikdigitalisierung, Planungs- und Steuerungssysteme, Advanced Analytics und Smart Logistics. So sind kontextsensitive Assistenzsysteme Hilfsmittel, die einem Mitarbeiter oder einer Mitarbeiterin die Arbeit erleichtern sollen. Sie ersetzen ihn nicht, sondern erleichtern ihm seine Arbeit. Im einfachsten Fall hat der Mitarbeiter eine Smart-Watch, die ihn darüber informiert, dass das nächste Fahrzeug ein M4 ist und er einige Besonderheiten beachten muss. Das passiert aber vielleicht nur zehn Mal am Tag. Der Mensch bleibt unverzichtbar, aber die Digitalisierung kann ihm helfen, sich auch in einer komplexeren und innovativeren Produktionsumgebung zurechtzufinden.“

BMW intoniert damit keineswegs nur Zukunftsmusik. „Die Beispiele sind vielfältig. Im Werk München testen wir bereits solche Smart-Watches, in Landshut setzen wir Gestensteuerung im Rahmen der Qualitätssicherung ein. Innovative Robotersysteme, die wir Seite an Seite neben dem Mitarbeiter einsetzen, gibt es bereits in mehreren deutschen Werken und in Spartanburg. Und beim Thema Fabrikdigitalisierung haben wir das Rolls-Royce Werk in Goodwood vermessen und mit einem speziellen 3D-Scanner auf zwei Millimeter genau erfasst. Damit stand erstmals ein dreidimensionales Abbild einer kompletten bestehenden Produktion zur Verfügung“, zählt Zipse auf.  Im Gegensatz zu konventionellen zweidimensionalen Plänen kann nun jede Änderung im Raum intuitiv simuliert werden.
Kooperierende Roboter setzt der Automobilbauer bereits seit drei Jahren erfolgreich in den Werken Spartanburg, Regensburg, Dingolfing und Leipzig ein, um Schall-isolierungen auf Türinnenseiten mit einem gleichmäßig hohen und präzisen Druck anzurollen und Klebstoff unter anderem auf Frontscheiben aufzutragen.