Bei "Radioactive" tobte die Halle. Für die Vorstellung des Elektro-SUVs ES8 in Bejing hatte Nio die bekannte Rock-Band "Imagine Dragons" eigens einfliegen lassen. Die bombastische Show kam bei den 7.000 Zuschauern im "Cadillac Center" gut an. Manche Chinesinnen vergaßen sogar ihre Zurückhaltung und tanzten ausgelassen auf den Rängen. Bevor die Amerikaner ihre Hits zum Besten gaben, hatte die Bühne dem Nio-Gründer William Li gehört, einer asiatischen Version des Tesla-Chefs Elon Musk, ebenfalls mit Charisma ausgestattet, jedoch ohne das übergroße Selbstbewusstsein des gebürtigen Südafrikaners. Was der drahtige Chinese zu erzählen hatte, war nicht minder interessant und zwischendurch kreischten sogar ein paar weibliche Stimmen. Die Euphorie ist verständlich, doch die Bruchlandung des Konkurrenz Start-Ups" Faraday Future" zeigt, dass auch bei der Elektromobilität die Bäume nicht in den Himmel wachsen. "Wir haben die Finanzmittel für die nächsten fünf Jahre", bemühen sich die Nio Manager aufkommende Zweifel zu zerstreuen.

Die Ideen, die der Nio-Chef postulierte, waren alle nicht neu. Das siebensitzige SUV soll ein neuer Lebensraum sein, "eine mobile Oase", (William Li) inklusive Massagesitz und einem Sprachassistenten namens Nomi. Das Witzige an der China-Siri fürs Auto ist, dass tatsächlich ein rundes Emoji-Display mitten auf dem Armaturenbrett wie ein Robotergesicht mit den Insassen kommuniziert. Das mag im Reich der Mitte für Freude sorgen, der Durchschnittseuropäer wird solchen Spielereien eher skeptisch begegnen. "Für andere Märkte haben wir natürlich andere Lösungen, aber die Software bleibt die gleiche", beruhigt Li.

Interessant wird es, wenn es um das Thema nachtanken geht: Die Akkus können an einer Wechselstation innerhalb von drei Minuten ausgetauscht werden. Die Vorrichtung, um diese Herzverpflanzung durchzuführen, soll in lediglich 18 Stunden installiert sein und bei Bedarf auch vergrößert werden. 70 Autos können so pro Tag mit vollen Akkus versorgt werden und über Nacht werden die Batterien wieder aufgeladen. Etwa 2000 Ladezyklen soll so eine Batterie verkraften, das kommt einer Lebensdauer im Auto von gut sechs Jahren gleich. Danach sollen die Akkus als Energiespeicher genutzt werden. Da diese Wechselstationen innerhalb eines Tages aufgebaut sind, kann das chinesische Start-up flexibel auf einen gestiegenen Bedarf an Ersatzakkus reagieren. Nio bekräftigt, dass das System sicher sei. Das ist auch nötig, denn wenn Lithium-Ionen-Batterien in Flammen aufgehen, ist der Kollateralschaden fast unvermeidbar. Bis zum Jahr 2020 sollen 1.100 solcher Wechselstationen aktiv sein.

Rund 355 Kilometer Reichweite

Die Idee des Batteriewechsels bei Autos ist nicht neu. Shai Agassi hat mit seinem Unternehmen "Better Place" und dem gleichen Vorhaben vor ein paar Jahren schon rund 850 Millionen Dollar verbrannt. "Natürlich haben wir uns mit Better Place beschäftigt", sagt William Li. Einer der Kardinalsfehler der Vorgänger sei es gewesen, zu sehr auf den Batteriewechsel als solches und den Profit fokussiert gewesen zu sein. Bei den Chinesen ist der Tausch Teil des Nio-Gesamtkosmos: "Wir bauen die Autos selber und unser System ist günstiger", strahlt William Li. Für alle, die es wirklich eilig haben, hat das China-Start-up noch eine Lösung parat. Ein mobiler E-Tanklaster soll im Notfall innerhalb von zehn Minuten die Akkus mit Strom für eine Reichweite von 100 Kilometern füllen.

Stehen die Batterien voll im Saft, soll der ES8 rund 355 Kilometer weit kommen und in 4,4 Sekunden die 100 km/h schaffen. Dank 480 kW / 652 PS und einem Drehmoment von 840 Newtonmetern keine überraschenden Werte. Mit gut fünf Metern Länge und einem Radstand von 3,01 Metern herrscht im Innenraum kein Platzmangel. Zumindest in den ersten beiden Reihen, ganz hinten werden wohl die Kids Platz nehmen. Die Bedienung geschieht mit Hilfe zweier tabletartiger Touchscreens. Mitte nächsten Jahres soll der ES8 auf den Markt kommen und rund 448.000 Renminbi (57.781 Euro) kosten. Wenn man die Batterien für 1.280 RMB (165 Euro) pro Monat least, sind es 100.000 RMB (12.897 Euro) weniger. Die umfangreich ausgestattete "Founder’s Edition" von der nur 10.000 gebaut werden, ist für 548.000 Yuan (70.678 Euro) zu haben. Der ES8 beherrscht dank des neuesten Mobileye EyeQ4-Chips und 23 Sensoren autonome Fahrfunktionen, wie den Stauassistenten und erreicht angeblich das EuroNCAP 5-Sterne Sicherheitsniveau. Produziert wird das SUV bei JAC in Hefei. Geplant sind 50.000 Stück pro Jahr, mit Doppelschichten sind es 100.000 und bei Bedarf kann auch diese Zahl noch gesteigert werden. Frühestens in drei Jahren soll der ES8 nach Europa kommen.

Geordert wird der ES8 übrigens per Handy-App, dann muss eine Anzahlung geleistet werden, um sich in die Schlange der Kaufinteressenten einzureihen. Erst wenn man den Vertrag unterzeichnet, wird das Auto produziert. So bleiben die Kosten für Nio gering. Sobald man die Anzahlung geleistet hat, kann man sich das Auto zu einer Probefahrt bringen lassen oder selbst zu einem Nio Store gehen. Die sollen in ganz China aus dem Boden sprießen, in Peking gibt es schon zwei, einer davon auf der Pracht-Einkaufsmeile. In den Räumen befand sich früher ein Audi-Flagshipstore. Wenn das mal nicht tief blicken lässt.