Jochen Weyrauch, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Dürr AG, sitzt an seinem Schreibtisch und gibt ein Interview.

„Produkt- und Prozessingenieure müssen sich mit Software-Entwicklern permanent austauschen“, ist Dürr-Vorstandsmitglied Jochen Weyrauch überzeugt. Bild: Claus Dick

| von Ralf Bretting

Herr Weyrauch, letztes Jahr hat Dürr die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gekürzt, Investitionen in die Digitalisierung aber waren davon explizit ausgenommen. Inwieweit verstehen Sie sich bereits als digitales Unternehmen?
Dürr investiert traditionell viel Geld in Forschung und Entwicklung. Trotz des moderaten Rückgangs im letzten Jahr ist das Niveau nach wie vor sehr hoch. Und Sie haben Recht: Digitalisierung ist der wichtigste Trend in unserem Marktsegment. Wir sind davon überzeugt, dass wir unser klassisches Hardware-Geschäft heute und in Zukunft nur dann erfolgreich betreiben können, wenn wir als Unternehmen den digitalen Wandel hinbekommen. Dazu müssen wir unser Maschinenbau- und Prozesswissen mit Software-Kompetenz kombinieren und neue digitale Lösungen anbieten. In der Digital Factory, in der wir unsere Digitalexpertise gebündelt haben, arbeiten inzwischen mehr als 300 Kollegen bereichsübergreifend an neuen Lösungen, um Digitalprodukte zu entwickeln und Prozesse insbesondere für die Automobilindustrie zu optimieren. Wir haben diesen Bereich bewusst hier in der Zentrale Bietigheim angesiedelt und nicht in einem hippen Berliner Loft, weil wir die Notwendigkeit sehen, dass sich klassische Produkt- und Prozessingenieure und Software-Entwickler permanent austauschen.

Künstliche Intelligenz steht auf Ihrer Digitalisierungsagenda ganz oben. Können Sie uns ein konkretes Beispiel für den Einsatz von KI und Machine Learning in Ihren Anlagen geben?
Wir haben im März mit Advanced Analytics die erste marktreife KI-Anwendung für Lackieranlagen vorgestellt. Die Lösung identifiziert Fehlerquellen und ermittelt optimale Wartungszeitpunkte. Wir kommen also zunehmend weg von zähler- oder zeitbasierten Wartungsintervallen und die Betreiber können sicher sein, Verschleißkomponenten nicht zu früh, aber auch nicht zu spät auszutauschen. Das spart Ersatzteilkosten und garantiert einen stabilen Betrieb. Zudem spürt unsere Software bislang unbekannte Zusammenhänge im Prozess auf und passt mit diesem Wissen selbstlernend den Algorithmus an die Anlage an. Die Erstläuferquote in den Werken wird dadurch messbar steigen.

Lackieranlagen für Fahrzeugkarossen werden heute mit Hilfe von Software präzise gesteuert
Auf einem speziellen Bedienpanel steuert Dürr-Software Lackierroboter der Ecopaint-Reihe. Bild: Dürr

Führen Sie denn keine Diskussionen, wem die Betriebs- und Qualitätsdaten gehören?
Nein, da gibt es keine Diskussion: Die Daten gehören selbstverständlich dem jeweiligen OEM. Natürlich wollen wir gerne mit den Daten arbeiten und unsere KI-Modelle damit füttern. Das geht aber nur mit Zustimmung der Hersteller. Spannend bleibt die Frage der Monetarisierung: Noch kann ich Ihnen nicht abschließend sagen, wie sich die entsprechenden Geschäftsmodelle entwickeln werden.

Lassen Sie uns einen Blick in die Glaskugel werfen: Können Sie sich vorstellen, dass Dürr irgendwann einmal keine Hardware mehr verkauft, sondern einen Service, den Sie zum Beispiel pro lackiertem Fahrzeug abrechnen?
Das sind Überlegungen, die unabhängig von der Digitalisierung im Automobilbau immer mal wieder angestellt werden. Tatsache ist: Das Lackieren und die Endmontage von Fahrzeugen sind aus Sicht aller OEMs proprietäre Prozesse, die sie gerne in ihrer Hoheit sehen. Bis heute gibt es nur ganz wenige Beispiele dafür, dass ein Leasing- oder Sharing-Konzept in der Praxis ausprobiert wurde. Am Ende muss es als Grundlage ja ein Geschäftsmodell geben, das beiden Partnern Vorteile bietet.

Lesen Sie das ganze Interview in der nächsten Print-Ausgabe von Automobil Produktion, die am Dienstag, 29. September 2020, erscheint.

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