| von Christian Klein
Aktualisiert am: 19. Apr. 2018

AUTOMOBIL PRODUKTION: Sie sind nicht nur Vorstandsvorsitzender der SmartFactory KL, sondern auch wissenschaftlicher Direktor am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Einer der DFKI-Mitgesellschafter der jüngeren Zeit ist Google. Was erwarten Sie sich von dieser Mitgliedschaft?
Google ist im Moment im DFKI im Wesentlichen an den KI-Technologien interessiert – also beispielsweise im Bereich Mustererkennung, Lernverfahren, an der Intentionserkennung und dergleichen. Da steht eher die Datenauswertung im Zentrum. Googles Interesse an der Datennutzung von vernetzten Fabriken ist für mich aber nur eine Frage der Zeit. Von den US-Amerikanern sind ja aktuell bereits mehrere Großunternehmen auf unserer Plattform aktiv wie zum Beispiel IBM oder Cisco.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Wie lässt sich die Industrie 4.0 - Datenflut beherrschen?
Die Kunst besteht darin, die Daten und die erforderlichen Vernetzungen so zu strukturieren, dass ein Mehrwert daraus generiert werden kann. Diese Aufgabe könnte ein lukratives Betätigungsfeld für Start-ups sein, die mit wenig Grundaufwand solche IT-basierten Innovationen liefern könnten. Die klassischen, maschinenbaugeprägten Unternehmen werden sich mit den Anforderungen zunächst eher schwer tun. Einen ersten wichtigen Schritt hat die für ihre Innovationsfreudigkeit bekannte Firma Trumpf geliefert. Unlängst hat Trumpf eine Tochtergesellschaft namens Axoom ausgegründet, die sich dieses Themas annimmt. Die Idee ist, eine Plattform zu schaffen, um heterogene IT-Systeme zu bündeln und so die Nutzung von Daten über divergente Systeme hinweg zu ermöglichen. Ich glaube, dass diesem Beispiel noch weitere Unternehmen folgen werden.

Infokasten Detlef Zühlke

AUTOMOBIL PRODUKTION: Was sind die Minimum-Anforderungen für Datensicherheit beim Betrieb einer Smart Factory?
Es gibt dazu in der Industrie zwei Denkweisen. Die eine – nicht gerade kleine – Fraktion steht auf dem Standpunkt, sich erst mit Datensicherheit auseinanderzusetzen, wenn die IT-Welt auch eine hundertprozentige Datensicherheit garantieren kann. Das ist aber illusorisch, die wird es nicht geben. Die andere Denkweise häuft praktisch Schichten von unterschiedlichen Sicherheitssystemen aufeinander, die viel Geld kosten und keinen vollkommenen Schutz gewährleisten. Die Nutzbarkeit von Daten und Systemen und die Arbeitsgeschwindigkeit werden dabei stark beeinträchtigt. Erreichbar sind jedoch maximal 99,X Prozent und das X ist eine Funktion von Zeit, Geld und Aufwand. Man muss also einen Mittelweg finden, und dieser Mittelweg muss abhängig von der jeweiligen Situation definiert werden. Das betrifft besonders die Sicherheit vor nicht autorisierten externen Zugriffen. Man muss sich zudem klar machen, dass Sicherheit eine Daueraufgabe ist. Sie muss analog zum Einsatz von Virenscannern tagesaktuell überwacht und auch gewährleistet werden. Das ist ein schwieriges Unterfangen, zumal mit dem Internet of Things Hacker-Zugriffe auch auf die Shopfloor-Ebenen möglich werden, also bis in die einzelnen Maschinen hinein. Das Ziel muss sein, potenziellen Angreifern stets den entscheidenden Schritt voraus zu sein. Dies wird nur erreichbar sein, wenn Datensicherheit ein integraler Bestandteil des Engineering-Prozesses wird.

AUTOMOBIL PRODUKTION: Halten Sie es für möglich, dass die Künstliche Intelligenz eines Tages die menschliche Intelligenz dominieren wird?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die künstliche Intelligenz konzentriert sich noch sehr stark auf die analytische Intelligenz, die naturwissenschaftlichen Regeln folgt, wie mathematischen oder physikalischen Regeln. Es gibt aber viele andere Ausprägungen von Intelligenz, beispielsweise Kreativität oder emotionale Intelligenz. Ohne einen umfassenden Intelligenzansatz können komplexe Probleme jetzt und in Zukunft aber nicht gelöst werden. Ein Computer wird dieses Gesamtspektrum der Intelligenz für sehr lange Zeit nicht abdecken können.