Techtextil 2019: gestrickte Heizung für Elektroautos

Bereit für die Serie: Türseitenverkleidung mit gestrickten Heizelementen (Bereiche mit orangefarbenen Punkten, links). Bild: Roma

Laut Industrieverband IVGT (Veredlung – Garne – Gewebe – Technische Textilien) gibt es in modernen Fahrzeugen über 40 textile Anwendungen; die meisten sind passiv. Textilforscher und -unternehmen wollen das ändern: Unter dem Stichwort „Smart Textiles“ arbeiten sie an Stoffen, die dank leitfähiger Komponenten leuchten, wärmen, messen und als Bedienelement dienen.

Stichwort „wärmen“: Die Roma-Strickstoff-Fabrik Rolf Mayer aus Balingen hat eine gestrickte Heizung für den Autoinnenraum entwickelt. Verbaut in Türen, Sitzen und Fußmatten sollen Elektroautos damit effizienter und batterieschonender beheizt werden. Eine Vorstudie am Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart brachte ermutigende Testergebnisse: Mit der Strickheizung ließ sich der Energieverbrauch „bei gleichem Wärmekomfort“ um 1 kW (etwa 45 %) absenken oder vergleichsweise die Reichweite eines zweisitzigen Elektroautos gegenüber einer klassischen Gebläseheizung um 19 Prozent (nach CADC-Rural-Zyklus; CADC = Common Artemis Driving Cycles) erhöhen.

Wegen fehlender Anschlussförderung kam das Projekt aus dem Jahr 2012 jedoch bisher nicht ins Rollen. Aber das ändert sich gerade: „Wir spüren ein deutlich zunehmendes Interesse an unseren textilen Heizelementen im Zuge der aktuellen Umbrüche in der Autobranche“, sagt Jürgen Reichart, Roma-Bereichsleiter Technische Textilien. Er will auf der diesjährigen Techtextil deshalb den neuesten Stand der Strickheizung präsentieren, schließlich sind „Ingenieure von Automobilherstellern und -zulieferern dort Stammgäste.“

Textile Lichteffekte und Funktionen direkt in den Autoinnenraum bringen will der Tübinger Textilzulieferer Rökona mit seinen Neuentwicklungen Interfabrics und Lumi Fabrics. 

Dazu wurden leitfähige Fäden aus Kohlenstofffasern in Gewirke aus Polyester eingearbeitet. Sie sollen aktiv leuchten und sogar Funktionen übernehmen. „Türverkleidungen, Dachhimmel, Sitze, Mittelkonsole – im Auto sind überall Textilien, die man für Interaktionen aktivieren kann“, sagt Rökona-Geschäftsführer Arved Westerkamp. So sollen sich künftig Spiegel, Fenster oder Beleuchtung direkt über textile Oberflächen im Auto bedienen lassen. Per Gestik und Mimik steuerbare Textilien seien serienreif, versichert der Unternehmer, der das Know-how dafür auf der Techtextil, der Leitmesse für technische Textilien und Vliesstoffe, präsentieren will.

„Wir erwarten, dass fast die Hälfte der rund 1.500 Aussteller neue Produkte, Materialien, Verfahren und Forschungsergebnisse für Pkw, Nutz-, Einsatz- und Sicherheitsfahrzeuge präsentiert“, sagt Techtextil-Leiter Michael Jänecke. Entwickler, Konstrukteure, Designer und Einkäufer von OEMs und Zulieferern würden sich auf der Messe über Innovationen und Ideen für die Fahrzeuge von morgen informieren.

Erstmals wird in Frankfurt auch eine gestickte induktive Ladespule vorgestellt, die die Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung Denkendorf (DITF) gemeinsam unter anderem mit Daimler, BASF und Bosch entwickelt haben.

Das kontaktlose Laden per Induktion hat bei den Planungen für künftige Elektro- und Plug-In-Hybrid-Fahrzeuge einen hohen Stellenwert. Doch der Platz unter den Fahrzeugen ist begrenzt und die Konstruktion kompakter Induktionsladesysteme mit hohen Leistungsdichten gestaltet sich schwierig.

„Wir haben ein Verfahren entwickelt, mit dem sich eine induktive Ladespule aufsticken lässt“, sagt DITF-Forscher Sathis Kumar Selvarayan. Der Vorteil des Stickens: Damit lassen sich komplexe und anspruchsvolle Designs platzsparend auf ein Grundgewebe applizieren. Bei dem Verfahren, das inzwischen skalier- und automatisierbar ist, werden Metalllitzen aus Kupfer mit Polyesterfäden fixiert und die fertig gestickte Spule anschließend wie ein Faserverbundwerkstoff in Kunststoff eingegossen.