Der helle Flachbau im Hongkonger Stadtteil Happy Valley fällt einem nicht besonders ins Auge. Allenfalls die mit Kunstrasen bespannten Garagentore und der Schriftzug "Car City Classic" lassen einen kurz innehalten. Auf den ersten vier Etagen hat Simon Tse, der sein Geld seit 25 Jahren mit dem Import von Hochdruckreinigern und Immobilienspekulationen macht, seine 70 Autos geparkt. Die ungewöhnliche Sammlung mutet beim Besuch höchst skurril an. Unspektakuläre Alltagsautos wie ein schwarzer Opel Astra, ein gelber Mitsubishi MIEV, ein grell-grüner Honda City oder ein gelb-grüner Klassik-Mini stehen hier ebenso dicht an dicht geparkt wie der Lamborghini Diablo SV, Nissan Skyline GT-R oder ein ganzes Arsenal an Ferrari-, Porsche- und Mercedes-Modellen.

Vor mehr als drei Jahrzehnten hatte die Sammelleidenschaft von Simon Tse höchst unspektakulär mit einem Yamaha-Motorrad begonnen. Simon verdiente sich Geld mit Zweiradhandel und gönnte sich für die regenreichen Tage in dem Stadtstaat einen überdachten Honda Civic. Doch wie für viele Heranwachsende war ihm der Kleinwagen aus japanischer Produktion schnell zu langweilig. Beinahe über Nacht verfiel Simon Tse der PS-Leidenschaft und kauft nunmehr seit über drei Jahrzehnten alles zusammen, was im Freude macht. Hunderte von Autos gingen mittlerweile durch seine kundigen Hände, denn der Handel mit Klassikern gehört bei ihm längst zum automobilen Nervenkitzel. "Von 30 Autos aus meiner Sammlung würde ich mich nicht mehr trennen", lacht Simon, der gerne Hut und bunte Hemden trägt, "bei den anderen Autos kommt es auf den Preis an."

Der Chinese hat sein Herz trotz aller Liebelei für Mitsubishi Lancer Evo oder Nissan Skyline an Sportwagen aus Europa verloren. Die Auswahl an coolen Ferrari-Modellen ist stattlich und auch die Porsche-Palette mit verschiedensten Elfer-Generationen kann sich sehen lassen. "Doch mein absoluter Traumwagen ist der 1960er Mercedes 190 SL, den ich mit vor knapp zwei Jahren gegönnt habe", strahlt Simon Tse. Der feuerrote Roadster (Farbcode 534) ist Dank zweijähriger Werksrestaurierung im Neuzustand und die seltenen Ausflüge sorgen dafür, dass das wohl auch noch länger so bleibt. Denn Hongkong gängelt seine Autofans nicht nur mit einer Importsteuer von 100 Prozent, sondern auch mit einer stark reglementierten Ausnahmegenehmigung für Linkslenkerfahrzeuge. Da der 190 SL ein solcher Linkslenker ist, darf er offiziell nur einmal pro Monat gefahren werden. Da wundert es nicht, dass das Lieblingsfahrzeug ein anderer Mercedes SL ist. Der silberne Roadster der Baureihe R 129 hat sein Lenkrad im doppelten Sinne auf der rechten Seite und darf damit jeden Tag an die frische Luft. "Trotzdem fahre ich den Wagen nur bei schönem Wetter und mein Sohn poliert ihn einmal pro Woche", erzählt das Mitglied des renommierten Classic Car Club Hongkong, "er freut sich schon, dass er ihn einmal bekommen wird. Meistens bin ich im Alltag jedoch mit einem Smart Fortwo unterwegs. Der ist ideal für Hongkong."

Traum von deutschen Autobahnen

Einfuhrzölle, eingeschränkte Fahrerlaubnisse, überfüllte Straßen und ein Tempolimit von maximal 110 km/h - das Hauptproblem bleibt für den Importeur von Dampfstrahlern jedoch das stark beschränkte Platzangebot in der Millionenmetropole. Die Garage mit ihren vier Etagen platzt aus allen Nähten und wenn er mit einem seiner Fahrzeuge ausfahren will, gleicht das Umparken einem überdimensionalen Tetrisspiel. Weitere Plätze anzumieten, ist nahezu unmöglich. Das liegt nicht nur an den Kosten, die pro Parkplatz bei umgerechnet mindestens 500 bis 1.000 Euro pro Monat liegen. Es sind schlicht keine freien Plätze vorhanden und so will sich Simon darauf kaprizieren, seine Sammlung aus 70 Fahrzeugen in den nächsten Jahren zu perfektionieren. Nach dem knallroten 190 SL träumt er von einem 300 SL Flügeltürer. Ein detailgenaues Replica auf Basis eines aktuellen SL 63 AMG hat er schnell wieder verkauft. "Es geht immer nur das Original", räumt er ein, "das merkt man schnell." Umso mehr ärgert sich der 56jährige, einen der raren Mercedes CLK-GTR für teures Geld wieder aus den Händen gegeben zu haben. Seit Jahren schiebt er den überfälligen Besuch in Süddeutschland vor sich her. Hier will Simon Tse den drei lokalen Autoherstellern Porsche, Mercedes und BMW einen Besuch abstatten und die tempolimitlosen deutschen Autobahnen erkunden. "Wahrscheinlich würde ich dort zu viele Autos sehen, die ich haben muss. Und sie im dümmsten Fall gleich kaufen", schaut Simon Tse nach vorn.

Um seiner PS-Leidenschaft zu frönen, trifft sich der Hongkong-Chinese wie die meisten anderen Fans von Sportwagen am sehr frühen Sonntagmorgen, wenn es zum "Flat out" in die Northern Territories geht, während sich die lokalen Ordnungsbehörden noch einmal im heimischen Bett umdrehen. Und wenn er einmal nicht hinter dem Steuer eines seiner Lieblingsmodelle sitzt oder zusammen mit Leuten aus seinem Team auf den vier Etagen in Happy Valley Autotetris spielt, sitzt Simon Tse vor dem Rechner und sucht im Internet nach extravaganten Mercedes-Schlüsselanhängern. 500 seltene Stücke hat er schon und zu einem Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde müssten noch ein paar hundert dazukommen. Immerhin beanspruchen die kleinen Automobilia nicht derart viel Platz wie Autos - da reichen Schubläden und Setzkästen.