Frickenstein, BMW Group, Bereichsleiter Vollautomatisiertes Fahren und Fahrerassistenz

Elmar Frickenstein: "Die Entwicklung hin zum vollautomatiserten Fahren wird der Schwerpunkt in den nächsten Jahren sein." Bild: BMW Group

AUTOMOBIL PRODUKTION: Herr Frickenstein, wie ist der Status des Connected Car und was ist in den kommenden fünf Jahren an Verbesserungen, Änderungen oder auch an völlig Neuem zu erwarten?
Unsere Fahrzeuge sind heute mit der Umwelt und dem Fahrer vernetzt. Der BMW ist Teil der digitalen Lebenswelt unserer Kunden! Vor 18 Jahren haben wir mit ConnectedDrive begonnen. Heute verfügen wir im Auto über Apps vom Smartphone oder aus dem Backend, Remotefunktionen, hybride On-/Offboard Routenberechnung und eCall, um nur ein paar vernetzte Funktionalitäten zu nennen. Unsere Kunden bekommen heute Echtzeitverkehrsinformationen über RTTI direkt ins Fahrzeug übermittelt, genauso wie die neuesten von insgesamt über 24 Millionen Songs mit unserem OnlineEntertainment.
Auf Basis dieser Vernetzung befinden wir uns auf dem Weg zum automatisierten Fahren. Angefangen mit Fahrerassistenzsystemen wie Abstandswarner oder aktiver Geschwindigkeitsregelung haben wir heute bereits teilautomatisierte Funktionen wie den Lenk- und Spurführungsassistenten oder das ferngesteuerte Parken im neuen BMW 7er. Der BMW 7er ist das erste Serienfahrzeug der Welt, das ohne Fahrer in eine Garage einparken kann – ein entscheidender Schritt zum automatisierten Fahren. Wir haben über 18 Jahre Erfahrung mit der Connectivity und dem Back-end und uns damit sehr früh für die Zukunft aufgestellt, um das hoch- und später das vollautomatisierte Fahren sicher einzuführen.
Die Entwicklung hin zum vollautomatisierten Fahren wird der Entwicklungsschwerpunkt in den nächsten Jahren sein. Es wird allerdings kein „BigBang“ geben und das vollautomatisierte Fahren steht vor der Tür – kontinuierlich wird System für System eingeführt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Umfeldmodell. Es wertet im Fahrzeug alle Sensoren aus, erzeugt ein vollständiges Abbild des Straßengeschehens und berechnet jede Gefahr, erzeugt neue Trajektorien für die Fahrstrategie und führt die Kunden sicher durch den Verkehr. Eine erste Umsetzung davon ist im BMW 7er zu finden. Das Backend wertet zum Beispiel über die Schwarmintelligenz neue Fahrstrategien und Verkehrslenkungen aus. Gleichzeitig wird die hochgenaue digitale Karte zur Verfügung gestellt und mit allen wichtigen und notwendigen Informationen gespickt – der Schlüssel zum vollautomatisierten Fahren. Alle Komponenten – onboard, als auch offboard – sind natürlich durchgängig mit Security-Algorithmen gesichert.

Zur Person
Elmar Frickenstein, Jahrgang 1957, studierte Informatik in
Paderborn. Zu BMW kam er 1988. Heute ist er Bereichsleiter für „Vollautomatisiertes Fahren und Fahrerassistenz“ bei der BMW Group. Dieser Bereich bündelt Forschung, Vor- und Serien-entwicklung für eines der zentralen Zukunftsthemen – das „Vollautomatisierte Fahren“.


AUTOMOBIL PRODUKTION: Stichworte industrieweite Standards und Sicherheit: Welcher Änderungen respektive welcher Verbesserungen bedarf es aus Ihrer Sicht noch zu diesen Themengebieten? Und was können Sie als OEM hierbei beeinflussen?
Die Standardisierung und Öffnung der Schnittstellen spielen eine wichtige Rolle. „Third Party“ Entwickler können bereits heute mit unserem SDK ihre neuen Funktionen integrieren. AutoSAR, vor zwölf Jahren gemeinsam ins Leben gerufen und als Plattform mit einheitlichen Schnittstellen für alle E/E-Steuergeräte ist eine Erfolgsstory der deutschen Automobilindustrie. Mit der offenen Plattform Genivi sind wir im Bereich Enter- und Infotainment bereits den nächsten Schritt gegangen. Mehr als 130 Firmen sind aktuell Mitglied in der Allianz. Auch Ethernet ist bereits heute zum Standard und Backbone in der E/E-Architektur im neuen BMW 7er geworden. Für das automatisierte Fahren werden wir weitere Standards brauchen. Hier sind wir, die Automobilindustrie, mit HERE bereits einen wichtigen Schritt im Bereich der hochgenauen, digitalen Karte gegangen. Aber die Kooperationen beschränken sich nicht nur auf die klassische Automobilindustrie. Wir brauchen industrieübergreifende Standards – auch und vor allem beim vollautomatisierten Fahren.
Im Bereich der Automotive Security setzen wir auf eine Standardisierung in Europa, Amerika und Asien mit einem OEM-übergreifenden Ansatz. Beispielsweise haben wir mit unseren Partnern im VDA zum Thema Automotive Security Engineering einen Normungsantrag bei der ISO eingereicht. Wesentliche Elemente werden die prozessuale und formale Herangehensweise im Fahrzeugentwicklungsprozess sein, sowie auch diverse technische Aspekte. Bei den Security-Technologien verwenden wir branchenübergreifend etablierte und offene Standards. Das Setzen von weltweit einheitlichen Standards ist dabei das gemeinsame Ziel mit unseren Partnern.