Lucid Air Sapphire in Salzwüste vor Berg

Der Lucid Air Sapphire liegt mit einem Preis von über 200.000 US-Dollar ganz deutlich im oberen Preissegment. (Bild: Lucid)

Aiways aus Shanghai war anlässlich des Münchner Oktoberfests mit dem „Wiesn-Wagen“ unterwegs: das SUV-Modell U5, stilecht in Blau-Weiß und mit „O’zapft is“-Schriftzug auf der Haube. Alexander Klose, Executive Vice President Overseas Operations, glaubt, dass sich mit dem Wiesn-Wagen drei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen: „Mit ihm können wir nicht nur unsere Marke Aiways sichtbarer machen und ein klares Bekenntnis zum Standort Europa geben, sondern auch Traditionen verbinden.“

Weil sich europäische Automarken auf Gewinnspannen und nicht auf Masse konzentrieren, überließen sie die günstigeren Marktsegmente der Konkurrenz aus China, zitiert Forbes einen Report der französischen Marktforscher von Inovev. Ein Beispiel ist der Aiways U5, der in der Grundausstattung und vor Steuern rund 33.000 Euro kostet. Dank gezielter Subventionen in den letzten 13 Jahre, hält die Volksrepublik heute in der Lieferkette die Karten in der Hand. Auch das Ziel, dass bis 2025 in China jeder fünfte Neuwagenkauf elektrisch sein soll, ist bereits erreicht: Jedes vierte neue Auto läuft mit Elektromotor.

Aiways SUV U5 in Wiesn-Optik, blau-weiße Seiten und Schriftzug O'zapt is
Mit dem "Wiesn-Wagen" will sich Aiways nach eigenen Aussagen ganz klar zum Standort Europa bekennen. (Bild: Aiways)

Aiways und Nio bangen um gute Verkaufszahlen

In Europa hofft Hersteller Aiways, der in 14 Ländern vertreten ist, bis Jahresende eine fünfstellige Zahl an Fahrzeugen zu verkaufen. Helfen soll dabei das SUV-Coupé U6, ein Lifestyle-Gegenstück zum U5. Neben neu gestaltetem Innenraum mit „moderner Ästhetik“ und 14,6-Zoll-Touchscreen soll ein eigenentwickelter Motor mehr Leistung liefern: von null auf 100 in 6,9 Sekunden. Für Klose ein Alleinstellungsmerkmal, weil sich der Motor „nicht noch in diversen anderen Fahrzeugen“ findet.

Die Konkurrenz will unterdessen mehr als nur Autos verkaufen. Beim Launch-Event von Nio im Berliner Tempodrom Anfang Oktober drehte sich alles um Natur, Freiheit und den Drang, die Welt zu verändern. Mitbegründer William Li fiel bei einer Wanderung 2014 die steigende Schneegrenze auf; dicker Smog hing in der Luft, bevor sein erstes Kind zur Welt kam.

Der chinesische Hersteller will auf dem Weg zu jenem „neuen Horizont“ freilich möglichst viele seiner Fahrzeuge unter die Leute bringen. Seit 2021 in Norwegen am Start, ist Nio nun auch in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark und Schweden vertreten. Großbritannien, Österreich, die Schweiz, Belgien und Luxemburg sollen 2023 folgen. Doch die Begeisterung darüber, dass alle drei Modelle – Nio ET7, EL7 und ET5 – ausschließlich auf Leasing-Basis angeboten werden, hielt sich vorerst in Grenzen. Je nach Modell und Laufzeit liegen die Preise etwa zwischen 1.000 und 1.500 Euro. „Flexibilität ist jetzt das neue Premium“, verkündet Ralph Kranz, General Manager Deutschland.

Nios Ankündigung beeindruckte die Börse weniger. Trotz leicht steigender Produktionsmengen schwächelt die Aktie weiterhin. Der Ertrag im Q2 zog um etwa ein Fünftel an, doch gleichzeitig vervierfachte sich der Nettoverlust. Nio hat Chinas Lieferkette vor der Tür, doch auch diese kämpft mit steigenden Lithium-Preisen. Um direkt von der Quelle zu schöpfen, kaufte sich der Hersteller zuletzt für 12 Millionen Dollar bei einem australischen Lithium-Bergbauunternehmen ein.

NIO SUV ES7 in blau-metallic auf städtischer Straße
Mit dem ES7 will Nio weitere europäische Märkte erschließen. (Bild: NIO)

Lucid hadert mit Lieferkette und Logistik

Lucid Motors rollte indes durch die Hintertür ins Wohnzimmer vieler Amerikaner, indem ein Modell des Lucid Air in der TV-Serie Goliath durch das nächtliche San Francisco glitt, elegant und mit geheimnisvollen Frontscheinwerfern. Doch da war es mit der Breitentauglichkeit auch schon vorbei. Der günstigste Lucid Air Pure kostet 87.000 Dollar, das Modell Air Grand Touring 154.000 Dollar. Weitere 100.000 darüber liegt der Air Sapphire: drei Motoren sollen ihn in unter zwei Sekunden von null auf 96,5 Stundenkilometer (60 Meilen pro Stunde) beschleunigen.

Im August verwies Lucid auf 37.000 Vorbestellungen und der Q2-Ertrag von 97,3 Millionen Dollar geht auf die Auslieferung von 679 Fahrzeugen zurück. Gleichzeitig wurden die Auslieferungszahlen für 2022 nach unten korrigiert, auf „6.000 bis 7.000“. Lucid CEO und CTO Peter Rawlinson spricht von „Herausforderungen in der Lieferkette und Logistik“. Gegensteuern will das Unternehmen durch die Verlegung seiner Logistikzentren auf das Werksgelände in Casa Grande, Arizona. Zusätzlich soll die Fertigung umstrukturiert werden. Zur Verfügung stehen Lucid laut CFO Sherry House 4,6 Mrd. Dollar, genug, „um das Unternehmen für einen guten Teil von 2023 zu finanzieren.“

Rivian bekommt prominente Starthilfe

Ebenfalls kalifornisch, aber eher auf Outdoor-Begeisterte ausgerichtet, ist Rivian Automotive, ein Unternehmen, das seine Fahrzeuge in Normal, im Bundesstaat Illinois, baut. Das Unternehmen hat den Pickup R1T im Rennen sowie den SUV R1S — laut dem Hersteller das weltweit erste Electric Adventure Vehicle. Im Q3 produzierten die Kalifornier insgesamt 7.363 Pickups und SUVs. Das Ziel für 2022 sind 25.000 Fahrzeuge - und das kostet: Einem Ertrag von 364 Millionen Dollar im Q2 steht ein Verlust von 1,71 Milliarden Dollar gegenüber.

Zusätzlich baut Rivian einen zusammen mit Amazon entwickelten Lieferwagen, der seit Juli in einigen US-Städten, darunter Chicago, in der Paketzustellung unterwegs ist. Die 360-Grad-Sicht für Lenker und eine Reihe an Hilfs- und Warnsystemen soll den Fahrkomfort im Großstadtverkehr verbessern. Bis Ende 2022 ist der Einsatz „tausender“ solcher Lieferwägen in mehr als hundert Städten geplant. Und auch die Herausforderung der effizienten Massenproduktion nimmt Rivian mit einem prominenten Partner in Angriff: Mercedes-Benz Vans. Gemeinsam wollen die Unternehmen eine Fertigungsstätte in Zentraleuropa für die Produktion elektrischer Lieferwägen umbauen. Zusätzliche Optionen hinsichtlich „verstärkter Synergien“ seien dabei ebenfalls nicht ausgeschlossen.

Rivian Transporter im Amazon-Design in Lagerhalle
Der gemeinsame Transporter von Rivian und Amazon soll den Lieferverkehr in Großstädten sicherer und komfortabler machen. (Bild: Rivian)

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