| von Stefan Grundhoff

Überrascht hat die Nachricht niemanden mehr, denn bereits seit Dezember gab es kaum Zweifel daran, dass Luca de Meo seinen aktuellen Arbeitgeber Seat und damit den Volkswagen-Konzern verlassen und zu Renault wechseln werde. Als im Oktober 2019 der damalige Renault-CEO Thierry Bolloré gestürzt wurde, tauchte der Name Luca de Meo ungewöhnlich schnell in den Schlagzeilen auf. Anderen Kandidaten wie Interims-CEO und Chief Financial Officer Clotilde Delbos, Toyota-Vizepräsident Didier Leroy oder Faurecia-CEO Patrick Koller wurden kaum ernsthafte Chancen eingeräumt, denn ungewöhnlich offen bekundete der Renault Verwaltungsrat nach dem wenig ruhmreichen Abschied von Carlos Ghosn, dass Luca de Meo unter verschiedenen Kandidaten die absolute Wunschbesetzung sei. Das liegt wohl nicht nur daran, dass de Meo in der Vergangenheit bereits bei dem französischen Autobauer arbeitete und neben englisch, spanisch, italienisch und deutsch auch fließend französisch spricht. Seine neue Aufgabe als neuer Vorstandsvorsitzender der Renault S.A. und Präsident der Renault S.A.S. übernimmt Luca de Meo zum 1. Juli 2020. Bis zum Amtsantritt von de Meo wird Clotilde Delbos weiter als Interim-Vorstandsvorsitzende des Unternehmens tätig sein und anschließend die Position der Deputy Chief Executive Officer einnehmen.

Dass Renault am Abend des 28. Januar verkündete, dass de Meo der neue CEO von Renault werde, tat Seat weh. Die Spanier präsentierten fast zeitgleich in Barcelona ihr neues Aushängeschild, den Seat Leon. Es scheint wenige Autohersteller zu geben, bei denen Luca de Meo noch nicht gearbeitet hat. Er arbeitete in der Historie für Marken wie Renault, Toyota, Volkswagen, Audi, Seat und den Fiat-Konzern. Hier machte er sich insbesondere durch die Neuauflage des Fiat 500 einen Namen, der sich nicht nur optisch sehen lassen konnte und noch kann, sondern auch in Sachen Marketing neue Maßstäbe in der Autobranche setzte. Trotzdem wechselte de Meo im Jahre 2009 für viele überraschend zum VW-Konzern, wurde dort Marketingleiter und später Vorstand für Vertrieb und Marketing bei Audi, bevor er als CEO zu Seat nach Martorell wechselte.

Luca de Meo gilt nicht nur aufgrund seiner vorherigen Posten als ausgemachter Marketingexperte. Bei Kongressen waren seine Vorträge schon vor Jahren immer etwas bunter und mit Filmen sowie Illustrationen abwechslungsreicher als beim Rest der Referenten. Mit seinem Lächeln und den sympathischen Augen kann er Menschen im Vorbeigehen gewinnen; tat sich jedoch mit der Händlerschaft der verschiedenen Marken nicht immer leicht. So ist von Wegbegleitern bei FCA, VW, Audi und Seat immer wieder zu hören, dass es für verrückte Ideen ein offenes Ohr gebe, die jedoch über Defizite im Bereich Vertrieb nicht immer hinweghelfen würden. Stattdessen treibt der Mailänder mit Nachdruck Innovationen voran, will Autokonzerne zu Mobilitätsunternehmen der Zukunft machen und behält dabei den Menschen im Fokus.

In den über vier Jahren seiner Tätigkeit als Seat-Kopf haben sich die Zahlen der spanischen VW-Tochter insbesondere durch erfolgreiche SUV wie Arona oder Ateca deutlich verbessert und doch steht der nordspanische Autobauer seit Jahren auf der Kippe. 2018 brachten 518.000 verkaufte Fahrzeuge einen Gewinn von immerhin 294 Millionen Euro. Jedoch werden die Umsätze elementar von drei Ländern getragen und das ist für eine vermeintliche Weltmarke ein gewaltiges Risiko. Zudem bekam Seat in China bisher kein Rad auf den Boden. Auch die Idee, Seat mit Cupra eine eigene ertragreiche Submarke zu spendieren, wurde elementar von Luca de Meo gesteuert. Mit der Bekanntheit von Cupra, die einst die sportlichen Topmodelle von Seat waren, ist es trotz solider Verkäufe nicht zum Besten bestellt. Unwahrscheinlich, dass Seat und Cupra auf lange Sicht im Volkswagen-Markenkonglomerat nebeneinander bestehen dürfen. Immer wieder kommen Gerüchte auf, Seat einzustellen, um Cupra zu einer modernen Elektromarke unter dem Volkswagen-Dach zu machen.