Der Citroen Oli auf einer Straße in Frankfurt am Main.

Der Citroen Oli konnte jüngst in Frankfurt begutachtet werden. (Bild: Citroen)

Schwerer, komplexer, teurer: Die Elektromobilität dürfte den Trend auf dem Automobilmarkt verstärken. Bereits 2021 erreichte die Zahl der weltweiten SUV-Zulassungen laut der Internationalen Energie Agentur (IEA) einen neuen Höchstwert – mit einem Marktanteil von knapp 46 Prozent. Diesen Status Quo stellt Citroen mit seinem neuen Konzeptfahrzeug in Frage. Der vollelektrische Citroen Oli (All-E) wiegt lediglich eine Tonne, soll einen Verbrauch von zehn kWh auf 100 Kilometer erreichen und in einer hypothetischen Serienfertigung rund 25.000 Euro kosten.

„Die Verbraucher spüren, dass das Zeitalter des Überflusses vorbei sein könnte und dass zunehmende Vorschriften sowie steigende Kosten unsere Möglichkeiten, uns frei zu bewegen, einschränken könnten“, meint Citroen-CEO Vincent Cobée. Seines Erachtens müssen Autos leichter, effizienter und preiswerter werden. „Andernfalls werden sich Familien die Freiheit der Mobilität nicht mehr leisten können, wenn vollelektrische Fahrzeuge die einzige Option für sie werden.“  

Auf den ersten Blick gleicht der wuchtige Oli mit einer Länge von 4,20 Meter und Breite von 1,90 Meter eben diesen Kompakt-SUVs. Die kleine 40-kWh-Batterie ermöglicht dank geringem Gewicht und begrenzter Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h jedoch eine Reichweite von bis zu 400 Kilometern. Geladen wird sie mit bis zu 100 kW – in gut 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Hierfür geht das innovative Stadtmobil auch bei Materialien und Produktionsverfahren neue Wege.

Recycling steht beim Citroen Oli im Vordergrund

Bei Motorhaube, Dach und Ladefläche kommt etwa ein Material der BASF zum Einsatz, das aus recycelter Wellpappe besteht. Sie wird zu einer wabenförmigen Struktur zwischen Glasfaser-Verstärkungsplatten geformt, mit Polyurethanharz besprüht sowie einer Schutz- und Lackschicht überzogen. Das Ergebnis ist eine Platte, die um die Hälfte leichter als eine entsprechende Stahldachkonstruktion ist, sich zugleich aber durch enorme Tragfähigkeit auszeichnet.

Bei Stoßfängern und Schutzelementen haben sich Citroen und Plastic Omnium ebenfalls ein möglichst nachhaltiges Produktdesign einfallen lassen. Der Radlauf und die mittleren Stoßstangen sind – wie viele andere Teile – komplett identisch, um Produktion und Austausch möglichst simpel zu halten. Das Monomaterial aus Polypropylen kann zudem vollständig dem Recycling zugeführt werden und besteht bereits zur Hälfte aus wiederverwerteten Materialien.

Auch bei der vertikalen Windschutzscheibe wurde an Material und Gewicht eingespart. Sie benötigt nur das Minimum an Glas und soll für weniger Sonneneinstrahlung sorgen, sodass der Strombedarf der Klimaanlage um bis zu 17 Prozent sinkt. „Man könnte argumentieren, dass eine vertikale Windschutzscheibe weniger aerodynamisch ist, aber wir erwarten nicht, dass die Leute diese Art von Fahrzeug mit 200 km/h fahren“, erklärt Pierre Sabas, Leiter Citroen Advanced Design und Konzeptfahrzeuge. Den größten Nutzen des Fahrzeugs sieht er deshalb in städtischen und vorstädtischen Gebieten.

Die Konzeptreifen steuerte wiederum Goodyear bei: Sie sind aufgrund ihrer Stahl-Alu-Kombination rund 15 Prozent leichter als ein entsprechendes Vollstahlrad und sparen dadurch sechs Kilogramm an Gewicht ein. Die Laufflächenmischung besteht fast ausschließlich aus nachhaltigen oder recycelten Materialien, darunter Sonnenblumenöl, Reishülsenasche, Kiefernharze und Naturkautschuk. Zudem lässt sich die Profiltiefe in der Werkstatt zweimal erneuern, wodurch der Reifenhersteller von einer Laufleistung von 500.000 Kilometern ausgeht.  

Die Reifen des Citroen Oli.
Die Reifen wurden gemeinsam mit Goodyear entwickelt und stehen im Zeichen der Nachhaltigkeit. (Bild: Citroen)

Interieur entsteht größtenteils im 3D-Druck

Im Interieur stechen vor allem die Sitze sofort ins Auge: Sie bestehen lediglich aus acht Teilen – 80 Prozent weniger als bei einem herkömmlichen Äquivalent. Auf den Rohrrahmen der Vordersitze wird ein Sitzkissen und eine Netzrückenlehne mit integrierter Kopfstütze montiert. Letztere wird vollständig im 3D-Druck hergestellt – durch selektives Lasersintern (SLS). Sie wurde gemeinsam mit   der BASF entwickelt und besteht aus leichtem, vollständig recycelbarem thermoplastischem Polyurethan (TPU).

Dadurch lässt sich ein Großteil des Interieurs gemeinsam recyclen. Denn auch an anderer Stelle kommt das Monomaterial der BASF zum Einsatz. Zum Beispiel bei den Ablageflächen, die in der Mittelkonsole, unter der Armatur und zwischen den Sitzen im Fond zu finden sind. Sie bestehen aus additiv gefertigten „Pilzen“ und sollen Getränkedosen oder andere Gegenstände an ihrem Platz halten. Anstelle klassischer Fußmatten wird darüber hinaus auf expandiertes thermoplastisches Polyurethan (E-TPU) der Ludwigshafener zurückgegriffen. Der elastische, abriebfeste und widerstandsfähige Schaumstoff kann nicht nur leichter gereinigt und recycelt, sondern bei Bedarf auch komplett ausgetauscht werden.

Angesichts all dieser Gewichtseinsparungen verwundert es kaum, dass das „Labor auf Rädern“ auch bei der Verkabelung ordentlich Abstriche macht. Die Fenster müssen manuell nach oben geöffnet werden, die Tür ist im Inneren mit einem Seilzug ausgestattet. Das Fahrzeug bietet gerade so viel, wie man braucht oder notwendig ist, beschreibt der Autobauer das Konzept. Ohne Lautsprecher, Schallschutzmaterial und elektrische Verkabelung wiegt jede Tür immerhin 1,7 Kilogramm weniger. Doch katapultiert sich Citroen damit in die automobile Steinzeit?

Das Infotainment nutzt ein modulares Konzept

Um diese Frage verneinen zu können, wurde das Mantra „bring your own device“ an vielerlei Stellen verinnerlicht. Im Zentrum des symmetrischen Armaturenträgers aus Monomaterial findet sich deshalb ein Slot für das Smartphone. Mit ihm werden Telefoninformationen, Apps wie Google Maps sowie Geschwindigkeit oder Ladezustand des Fahrzeugs zusammengeführt. Die Anzeige des Infotainments übernimmt dabei ein „Smartband“-HMI-Projektor unter der Windschutzscheibe, der von Stellantis eigens entwickelt wurde. Die Steuerung obliegt einzig einem Joystick am Lenkrad.

Auf Musik müssen die Passagiere ebenso wenig verzichten: Die Enden des Armaturenbretts sind auf das Andocken zylindrischer Bluetooth-Lautsprecher ausgelegt. So könne die Soundanlage auch außerhalb des Autos genutzt oder mit einem Haken an der Schiene der Ladefläche aufgehängt werden, heißt es seitens des Herstellers. Über kompatible Lautsprecher hinaus wäre dies ein Geschäftsmodell für den Zubehörshop, der auch weitere Gadgets anbieten könnte. In diesem Sinne ist der modulare Schienen-Ansatz bereits angeklungen.

Im Interieur findet sich etwa eine Stromleiste am Armaturenbrett. An ihr lassen sich verschiebbare USB-Steckdosen oder Halterungen anbringen. Und auch im Fond lassen sich auf diese Weise etwa Tablet, Getränkehalter, Magazinnetz, Haken oder Tablett zum Essen an der Rücklehne befestigen. „Letztendlich ist es eher eine Entscheidung für einen Lebensstil als für ein Fahrzeug“, betont Laurence Hansen, Direktorin Citroen Strategie und Produkt. Verantwortungsvolles Handeln und neuartige Funktionen, die nur selten beim Fahren genutzt werden, stehen für sie gewissermaßen im Widerspruch.  

Bereit für jeden Familienausflug

Was ein Familienauto allerdings definitiv benötigt, ist Stauraum. Dafür versucht der französische OEM jede freie Fläche zu nutzen: An der Dachreling können Fahrradträger oder Dachboxen angebracht werden. Unter der Motorhaube befinden sich Fächer für Ladekabel, Notfallausrüstung und persönliche Gegenstände. Und beim Kofferraum mutiert der Oli zum Pick-up.

Dafür sorgt zum einen die Ladeflächenverkleidung, die sich für den offenen Transport abnehmen lässt. Zum anderen sind Heckscheibe und hintere Kopfstützen nach oben einklappbar. Beim Umlegen der Rücksitze verlängert sich die Ladefläche damit von rund 68 Zentimeter auf über einen Meter. Befestigungsschienen für Netze, Spanngurte, Haken oder Zubehör komplettieren auch hier das Stauraumkonzept.  

Gänzlich ohne Zukunftstechnologien kommt der Citroen Oli jedoch nicht aus. Während Vehicle-to-Grid (V2G) zur Stabilisierung der Stromnetze derzeit die politische und gesellschaftliche Debatte bestimmt, wartet das Konzeptfahrzeug selbstverständlich mit dieser Funktion auf. Darüber hinaus ist laut dem Hersteller Vehicle to Load (V2L) möglich. So könnte die Batterie mit einer Steckdosenleistung von 3,6 kW allerlei Elektrogeräte wie Haartrockner, Mini-Kühlschränke, Kaffeemaschinen oder Elektro-Grills mit Strom versorgen. Auch außerhalb des urbanen Raums gewinnt er damit an Attraktivität.  

Das Fazit zum Citroen Oli:

Der Citroen Oli ist somit ein Technologieträger, der paradoxerweise gerade das nicht sein will. Er adressiert nicht nur das Umweltbewusstsein, die Reichweitenangst und die Ladesorgen der Kunden, sondern zeigt vielmehr auf, dass die Elektromobilität sich derzeit auf einem Holzweg befindet. „Der Oli ist eine Möglichkeit zu sagen: Es reicht! Ich will zwar etwas Innovatives, aber ich will es unkompliziert, erschwinglich, verantwortungsbewusst und langlebig“, bringt Laurence Hansen es auf den Punkt.

Das Fahrzeug sei laut Hansen eine Arbeitsplattform, deren Ideen und Innovationen in künftige Modelle überführt werden. Das Konzept drehe sich weniger um das Design als um die Funktionen, merkt auch Michael Prinz, BASF-Director, Marketing Transportation, Performance Materials Europe, bei der Präsentation in Frankfurt an. Ohne die absichtlich übertriebene Ästhetik wäre diese fundamentale Kritik sicherlich noch stärker beim Kunden angekommen. Dennoch muss sich dieser in Zukunft fragen, für wie viel Verzicht er bereit ist.   

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