Ein Volvo XC60 Recharge steht in grau vor einem Backsteingebäude.

Im Modelljahr 2022 erhält der Volvo XC60 eine Aufwertung. (Bild: Volvo)

Rund sieben Jahre sind vergangen, seit Volvo die Scalable Product Architecture (SPA) eingeführt und dadurch sukzessiv Synergien in Entwicklung und Produktion gehoben hat. Die 90er-Familie und 60er-Reihe wurden in dieser Zeit komplett auf die Plattform-Architektur umgestellt. Mittlerweile sind über 40 Prozent der Teile in allen Volvo-Modellen – unabhängig von Fahrzeuggröße und Segment – identisch.

Im Modelljahr 2022 kommt die SPA nun der zweiten Generation des XC60 Recharge zugute. Aufgrund ihrer Raumausnutzung ließen sich Elektronikkomponenten und Batterie des Plug-in-Hybrids ohne Platzverluste im Innenraum unterbringen. Zudem spart das SUV aus dem schwedischen Stammwerk Torslanda an Gewicht ein und ist auf die rasche Integration neuer Assistenz-, Multimedia- und Konnektivitätssysteme ausgelegt.

XC60 Recharge T8 AWD punktet bei Beschleunigung

Pluspunkte sammelt die Neuauflage des Erfolgsmodells allen voran beim Fahrspaß – als Volvo XC60 Recharge T8 AWD. Die Kombination aus Benzin- und Elektroantrieb erinnert in dieser Ausführung an einen großvolumigen Motor. Das schnell ansprechende Gaspedal und die sportliche Getriebeabstimmung runden das dynamische Fahrgefühl ab.

Unter der Haube schlummert jedoch kein V8, sondern ein Vierzylinder-Turbo-Kompressormotor mit 228 kW (310 PS) und einem maximalen Drehmoment von 400 Nm. Während dieser die Vorderräder bedient, leitet ein Elektromotor mit 107 kW (145 PS) direkt ab Leerlaufdrehzahl bis zu 309 Nm auf die Hinterachse.

Aus dem Stand wird damit in nur 4,9 Sekunden die Marke von 100 km/h erreicht. Ein Wert, der nur von wenigen SUVs auf dem Markt übertroffen wird. So phänomenal die Beschleunigung des leistungsstärksten Volvos aller Zeiten jedoch ist, mit der Konkurrenzfähigkeit ist es über 180 km/h schlecht bestellt. Denn der schwedische Hersteller regelt alle seine Fahrzeuge ab.

Lange Ladezeit bleibt größtes Hemmnis

Neben dem Benzinmotor ist die Hochvoltbatterie (270 – 400 V) mit 18,8 kWh Kapazität das Herzstück des Hybriden. Sie besteht aus sechs in Reihe geschalteten Modulen, die insgesamt 96 Lithium-Ionen-Zellen beheimaten. Bis zu 78 Kilometer können dank verbesserter Reichweite rein elektrisch zurückgelegt werden.

Über die Ladezeiten von fünf (16 Ampere) oder 13 Stunden (sechs Ampere) kann allerdings auch die Rekuperation beim Ein-Pedal-Fahren nicht hinwegtäuschen. Ohne Wallbox oder Ladesäule am Arbeitsplatz ist das Konzept wenig praktikabel, sodass im Selbsttest vorrangig rund zehn Liter auf hundert Kilometer aus dem Auspuff geblasen wurden.

Ein Volvo XC60 Recharge T8 AWD fährt in grau auf der Landstraße.
Der Benzinmotor des XC60 verbrauchte im Selbsttest rund zehn Liter auf hundert Kilometer. (Bild: Volvo)

Längerer Radstand sorgt für Eleganz

Neben der verbesserten Reichweite wertet Volvo im Modelljahr 2022 auch das Äußere des XC60 auf. Als markantestes Merkmal der Designsprache fungiert Thors Hammer – das Lichtmotiv der LED-Scheinwerfer, welches sich bis zum Kühlergrill zieht und damit die Front verbreitert. Die nach vorne gerückte Vorderachse sorgt im Gegenzug für einen längeren Radstand und in Verbund mit der langgezogenen Motorhaube für mehr Eleganz.

Einen sportlichen Eindruck vermittelt auch die getestete Ausstattungslinie R-Design, die ab einem Preis von knapp 75.000 Euro erhältlich ist. Hierbei dominieren vor allem Details in hochglänzendem Schwarz: So etwa bei Rahmen und Einsatz des Kühlergrills, Fensterrahmen, Lufteinlässen im Stoßfänger und Außenspiegelgehäusen. Auch die Heckschürze ist dieser Variante exklusiv vorbehalten.

Ein Volvo XC60 Recharge T8 AWD fährt in grau auf der Landstraße.
Die Ausstattungslinie R-Design zeichnet sich etwa durch eine exklusive Heckschürze aus. (Bild: Volvo)

Skandinavische Schlichtheit im Interieur

Im Interieur ergibt sich ebenfalls ein stimmiges Bild: Der XC60 Recharge kombiniert Sportlichkeit und Eleganz. Dafür sorgen die richtigen Akzente, wie etwa der Bowers & Wilkins Hochtöner aus Edelstahl, der zentral auf der Armatur befestigt ist, die Gitterabdeckung über den Lautsprechern oder die fortgeführte Gitteroptik der geschwungenen Dekorlinie. Allein die langgezogenen Lüftungsschlitze mit Metall-Finish stören diesen Fluss etwas.

Auch beim Komfort möchte Volvo sich nicht zwanghaft von der Konkurrenz abheben und macht damit alles richtig. Selbstverständlichkeiten bleiben selbstverständlich – skandinavischer Pragmatismus. Vorklimatisierung, induktives Laden fürs Mobiltelefon, Spiegel mit automatischer Abblendfunktion sowie ein reibungsloses Öffnen und Starten dank Keyless-System. Letztlich sind es die kleinen Dinge und das große Panorama-Schiebedach, die den XC60 Recharge auszeichnen.

Das Interieur des Volvo XC60 Recharge.
Das Touch-Display der Mittelkonsole hat einen 14 Prozent größeren Anzeigebereich als die Instrumententafel. (Bild: Volvo)

Google hilft beim Infotainment aus

Die aktuelle Modellgeneration des SUV greift zudem auf ein gemeinsam mit Google entwickeltes Infotainment- und Konnektivitätssystem zurück, das auf dem Betriebssystem Android Embedded OS basiert. Die Handhabung auf dem neun Zoll großen Touch-Display erinnert stark an ein Smartphone oder Tablet – auch Drittanbieter-Apps können über den Google Play Store installiert werden. Das notwendige Datenvolumen gehört für die ersten vier Jahre unbegrenzt zum Serienumfang.

Dass die Kachelstruktur des Menüs und die Services einem gespiegelten Smartphone ähneln, ist für ein Fahrzeug in dieser Preiskategorie einerseits etwas enttäuschend, andererseits profitiert der Nutzer von einer nahtlosen Einbindung seines Google-Kontos. Insbesondere bei der Navigation bringt die Synchronisierung – gespeicherter Orte, Präferenzen oder Routen – einen immensen Vorteil mit sich. Kartendaten werden alle zwei Wochen aktualisiert. Das mangelnde Differenzierungsmerkmal ist dadurch zu verkraften.

Das Infotainment des XC60 Recharge in der Navigationsanzeige von Google.
Das Infotainment des XC60 Recharge wurde gemeinsam mit Google entwickelt. (Bild: Volvo)

Google Assistant wird zum Star der Autofahrt

Auch der Google Assistant zeigt der Sprachbedienung vieler Konkurrenzmodelle die Grenzen auf. Dieser glänzt weniger durch die Steuerung von Fahrzeugfunktionen – dafür fehlt ihm oftmals die Anbindung – sondern vielmehr durch die vielfältigen Assistenzmöglichkeiten sowie seine exzellente Sprachausgabe.

Beim Zugriff auf Spotify, Wettervorhersagen oder Sehenswürdigkeiten ist für das System noch lange nicht Schluss: Öffnungszeiten, Fußballergebnisse, Währungsumrechnung, Wortdefinitionen und der freie Zugriff auf das World Wide Web machen es zum nützlichen Begleiter. Selbst die Tagesschau und andere Nachrichten werden auf Wunsch im Originalton ausgegeben.

Neben Google Assistant und Touch-Display stehen dem Fahrer selbstverständlich auch Lenkradtasten für die Bedienung der wichtigsten Funktionen zur Verfügung. Verschenkt wirkt einzig die Taste für den Modus der digitalen Instrumentenanzeige hinter dem Lenkrad. Diese ermöglicht das Ausblenden des Kartenausschnitts zwischen Geschwindigkeits- und Ganganzeige. Weitere Individualisierungsmöglichkeiten bietet Volvo nicht an – ein dickes Minus für das sonst stilvolle Design.

Die digitale Instrumententafel des Volvo XC60 Recharge.
Die Instrumententafel kennt nur zwei Darstellungsmodi: "Calm" und "Navi". (Bild: Volvo)

Volvo XC60 erhält neue ADAS-Sensorplattform

Die größte Angriffsfläche bietet Volvo allerdings bei den Fahrerassistenzsystemen. Nach eigenen Angaben macht der Autobauer im Modelljahr 2022 mit der ADAS-Sensorplattform den nächsten Schritt. Sie umfasst einen neuen Mix aus Kameras, Radar- und Ultraschallsensoren und bindet das Kartenmaterial von Google Maps ein. Die Architektur soll demnach vor allem eine „problemlose Weiterentwicklung und Erweiterung des Funktionsumfangs“ erlauben. Hinsichtlich des fehlenden Totwinkelassistenten wäre dies zumindest wünschenswert.

Zur serienmäßigen Ausstattung des XC60 Recharge zählen diverse Systeme, die vor Kollisionen mit schwächeren Verkehrsteilnehmern oder entgegenkommendem Verkehr bewahren, das Abkommen von der Straße verhindern, die Spur halten, Verkehrszeichen erkennen und die Geschwindigkeit begrenzen. Hinzu kommt das Cloud-basierte Connected Safety System, das mittels Warnblinklicht signalisierte Gefahren an andere Volvo-Fahrzeuge weiterleitet.

Nützliche Features sind zudem das dynamische Kurvenlicht, der intelligenter Fernlichtassistent sowie die 360-Grad-Kamera, welche eine digitale Rundumsicht aus der Vogelperspektive erzeugt. Bei Bedarf kann der Fahrer über das Touch-Display auf eine der vier Fisheye-Kameras umschalten, um sich etwa beim Rückwärtsfahren oder in engen Gassen einen spezifischen Blinkwinkel anzeigen zu lassen.

Die 360-GradRundumsicht des Volvo XC60 Recharge im Infotainment.
Komfortabler wäre es, wenn je nach Fahrsituation die passende Kamera parallel zur Rundumsicht angezeigt wird. (Bild: Volvo)

Verkehrszeichenerkennung erfolgt mehr als dürftig

Abseits dieser Basics liegt jedoch die Krux: beim automatisieren Fahren. Volvo schafft es nicht, alle essenziellen Funktionen in einem Assistenten zu vereinen, sondern spaltet diese in Geschwindigkeitsbegrenzer, adaptive Geschwindigkeitsregelanlage mit Abstandsautomatik (ACC) und Spurführungsassistenten Pilot Assist auf.

Der Geschwindigkeitsbegrenzer fungiert als normaler Tempomat, übernimmt im Gegensatz zu den komfortableren Alternativen jedoch automatisch die Geschwindigkeitsbeschränkung der erfassten Verkehrsschilder. Ein manuelles Erhöhen des Limits ist dann nur um 10 km/h möglich. Problematisch, denn obwohl Volvo zusätzlich auf geschwindigkeitsbezogene Daten von Google Maps zurückgreift und unter anderem Ortseingangsschilder berücksichtigen sollte, erfolgt die Erfassung äußerst unzuverlässig. So geht mit jedem zusätzlichen Testkilometer immer mehr Vertrauen in das System verloren.

Beim Pilot Assist besteht Verbesserungspotenzial

Der Umstand, dass die Geschwindigkeit bei ACC und Pilot Assist manuell über die Lenkradknöpfe angepasst werden muss, fällt durch die unzuverlässige Erkennung von Verkehrszeichen immerhin weniger ins Gewicht. Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Systemen ist hingegen, dass der Pilot Assist nicht nur den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug hält, sondern Gaspedal, Bremse sowie Lenkunterstützung in allen Situationen übernimmt – zumindest bis 130 km/h.

Er bezieht zwar Kartendaten von Google Maps mit ein, auf die Navigationsroute nimmt er jedoch keine Rücksicht. Vor Ausfahrten, Kurven oder Kreisverkehren wird nicht abgebremst. Ohne Fahrbahnmarkierungen entfällt zudem die Lenkunterstützung. Das macht ihn bei gemächlicheren Fahrten auf der Autobahn oder auf Landstraßen mit Fahrbahnmarkierungen sowie wenigen Kurven und Schildern zu einem netten Gimmick, beim Gros aller Verkehrssituationen ist der Fahrer sich aber selbst am nächsten.

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