| von Stefan Grundhoff

Dass Deutschland den automobilen Zwergenstaat Norwegen in den ersten elf Monaten des Jahres 2019 erstmals bei den elektrischen Zulassungen überholen konnte, mag nicht weiter überraschen. Von Januar bis November 2019 wurden in Deutschland insgesamt 57.533 Elektroautos zugelassen. Somit langt es für Norwegen mit 56.893 verkauften Fahrzeugen in Europa nur noch für Platz zwei. Dabei hat Norwegen mit etwas mehr als fünf Millionen Einwohnern nur rund 6,5 Prozent der Einwohner Deutschlands. Heißt, die Elektrofahrzeuge nehmen in Norwegen einen unverändert üppigen Verkaufsanteil ein. Heißt aber auch, dass die nicht einmal 58.000 verkauften Elektroautos in den ersten elf Monaten des Jahres in Deutschland angesichts der Gesamtzahl der Zulassungen nach wie vor keinerlei Rolle spielen. 2018 wurden in Deutschland 3,44 Millionen Neufahrzeuge zugelassen und auch in diesem Jahr 2019 dürfte die Gesamtzahl deutlich über drei Millionen Autos liegen. 2019 dürfte der Verkaufsanteil von Elektroautos am deutschen Gesamtmarkt bei rund zwei Prozent liegen. Noch düsterer sieht es in den anderen europäischen Staaten aus, in denen die Zulassungszahlen noch geringer sind.

Die Elektromobilität bleibt somit eine Wette auf die Zukunft - und die ist gefährlicher denn je. China, der größte Automarkt der Welt, hat die Subventionen für Elektroautos jüngst deutlich zurückgeschraubt. Auf einen Schlag sanken die Zulassungszahlen im Monat Oktober 2019 um fast 50 Prozent - ein gigantischer Einbruch. China hat lange Jahre mehr als alle anderen Automärkte auf die Elektromobilität gesetzt. Derzeit gibt es eine leichte Trendwende. Bis Ende nächsten Jahres sollen die Subventionen für die so genannten NEVs (New Energy Vehicles - Plug-in-Hybriden, Elektroautos und Fahrzeuge mit Brennstoffzelle) komplett auslaufen. Zudem lässt die chinesische Regierung derzeit überprüfen, ob man für die Zukunft nicht auch auf andere Antriebsarten setzen soll. Ähnlich sieht es in den USA aus, denn Elektromodelle werden hier allenfalls in Kalifornien und einigen Küstenregionen nachgefragt.

Das verursacht gerade bei den europäischen Autoherstellern Herzflimmern, denn viele haben den Verbrennerantrieben auf lange Sicht abgeschworen und wollen zumindest ab den 2030er Jahren vorrangig auf Elektromodelle setzen. Bestes Beispiel ist dabei der Volkswagen-Konzern, der mit der Kernmarke VW komplett auf die elektrische ID.-Familie setzt, während den Verbrennermodellen mittelfristig nur noch eine Nebenrolle eingeräumt wird - neuer Golf hin und Bestseller Passat oder Tiguan her. "Bis 2018 jedenfalls war die Begeisterung fürs E-Auto in Europa - mit Ausnahme von Norwegen - sehr überschaubar", so Eric Haase vom Marktforschungsunternehmen Jato Dynamics. Seither hat sich in der Elektromobilisierung einiges getan. Es kamen Modelle wie das Tesla Model 3, der Audi E-Tron oder ein elektrischer Mercedes EQC auf den Markt. Doch auch wenn Porsche allein in Europa seine 30.000 Vorbestellungen des Taycan feiert, bleiben die absoluten Stückzahlen winzig. Jato Dynamics hat dazu die Zulassungszahlen der fünf größten EU-Märkte Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien verglichen.

Boom sieht anders aus

"Der große Verlierer ist der Diesel. Lag sein Marktanteil im Januar noch bei 34,6 Prozent, ging er bis September mit kurzem Zwischenhoch im Februar auf 29,8 Prozent zurück", erläutert Eric Haase, "das ist ein Minus von satten 13,9 Prozent. War das noch die Antwort auf den Dieselskandal oder schon der Elektroboom? Profitiert haben jedenfalls die Benziner. Deren Absatz ist im gleichen Zeitraum um 2,5 Prozentpunkte gestiegen. Das ist ein Zuwachs von immerhin 4,4 Prozent." Im Januar lag der Marktanteil der batterieelektrischen Fahrzeuge in den fünf größten EU-Märkten bei knapp 1,2 Prozent, der Hybridmodelle schon bei gut 4,4 Prozent und der Plug-in-Hybride bei 0,7 Prozent. Seitdem legten alle drei Kategorien zu. Auf knapp zwei Prozent kamen im September die Elektroautos, gut 5,5 Prozent erreichten die Hybriden und immerhin 1,2 Prozent schafften die Plug-in-Modelle. Haase: "Solche Zugewinne dürften allerdings - trotz Marktanteilzuwachs von fast 38 Prozent über alle drei Kategorien hinweg - als sehr moderat betrachtet werden. Ein Boom sieht jedenfalls anders aus."

Im November 2019 waren in Deutschland 57,9 Prozent aller Neuwagen Benziner (173.104 Pkw/+5,9 Prozent), gefolgt von den Diesel-Pkw (94.413 Pkw/+1,9 Prozent), deren Anteil bei 31,6 Prozent lag. 25.941 Neuwagen mit Hybridantrieb bewirkten ein Plus von +122,2 Prozent und einen Anteil von 8,7 Prozent - darunter 6.334 Plug-in-Hybride (2,1/+216,1 Prozent). 4.651 Elektrofahrzeuge kamen im November zur Neuzulassung und damit +9,1 Prozent mehr als im Vergleichsmonat. Ihr Verkaufsanteil betrug 1,6 Prozent.

Bleibt nur abzuwarten, was passiert, wenn die Volumenmodelle im kommenden Jahr in den Markt eintreten. Neben dem VW ID. 3 kommen noch Elektrofahrzeuge wie der Opel Corsa-E, ein elektrischer Peugeot 208 / 2008, der Volvo XC40, DS3, Ford Mustang Mach-E, Polestar 1 /2 oder eine ganze Reihe weitere Elektromodelle. Noch größer wird der Aufschlag der Plug-in-Hybriden, während die normalen Hybriden zunehmend im Abseits parken und die Zuwächse der anderen Kategorien nicht mitgehen können. Dass die Anteile der verkauften Elektroautos in Europa oder anderen europäischen Staaten wie Deutschland zeitnah so groß werden wie in Norwegen erscheint mehr als unwahrscheinlich. Der skandinavische Staat hatte den europäischen Markt für Elektrofahrzeuge angeführt, seitdem Nissan im Jahre 2010 mit dem Leaf ein ernsthaftes Volumenmodell mit Elektroantrieb einführte. Für eine entsprechend hohe Nachfrage sorgen seither die großen Subventionen, die Norwegen nicht zuletzt aus den Einnahmen seiner gigantischen Erdölfelder bezahlt.