Der Messestand von Daimler Trucks aus der Ferne.

Großer Andrang: Am Pressetag auf der IAA Transportation 2022 in Hannover präsentierten viele Aussteller ihre Innovationen.

Längst geht es auf der Nutzfahrzeug-Messe nicht mehr nur um die Vorstellung neuer Fahrzeuge. Der Klimawandel zwingt nahezu alle Hersteller dazu, holistisch zu denken. Ob bei Renault, Ford, Volkswagen, Mercedes, Bosch oder Volvo – überall will man die Kunden ganzheitlich unterstützen. Wie massiv die Herausforderungen sind, machen fast alle Aussteller schon vor Beginn der diversen Pressekonferenzen mit epischer, musikalischer Einleitung der Rednerinnen und Redner deutlich. So ähnlich hier vieles auf den ersten Blick wirkt, gibt es doch Unterschiede, wie schnell und mit welchen Mitteln die Unternehmen ihre Ziele erreichen wollen.

Bosch sieht vier große Herausforderungen

„Unser Ziel sind Lastwagen, die dem Klima nicht mehr zur Last fallen. Dieses Ziel ist ambitioniert, da sich der weltweite Gütertransport bis 2050 verdreifachen wird“, sagt Markus Heyn, Vorsitzender des Bosch-Unternehmensbereichs Mobility Solutions auf der IAA Transportation in Hannover. Bei Bosch hat man vier große Herausforderungen erkannt, die es zu bewältigen gilt. Den Fahrermangel, die angespannte Situation der Lieferketten, die mangelnde Effizienz und Sicherheit von Warentransporten sowie die „unübersichtliche“ Vielfalt an IT-Lösungen für das Management von Lkw-Flotten. Wie wichtig der Nutzfahrzeug-Bereich auch wirtschaftlich für das Unternehmen ist, zeigen die Zahlen: Ein Viertel des Gesamtumsatzes nimmt dieser Bereich bei Bosch ein. „Besonders im Nutzfahrzeug ist Technologie-Offenheit sinnvoll“, sagt Heyn. Auch 2035 werde noch die Hälfte aller Lkws mit Diesel fahren, daher lohne es sich, in seiner Entwicklung nicht nachzulassen.

Durchsetzen werde sich die klimaneutrale Antriebstechnik ohnehin nur, wenn die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stehe, so Heyn. Um diese zu unterstützen erarbeitet beispielsweise Tochtergesellschaft Bosch Rexroth gemeinsam mit Maximator Hydrogen eine Lösung zur Kompression von Wasserstoff für Tankstellen. Im nächsten Jahr soll diese Technik auf den Markt kommen und bis 2030 ein Netzwerk aus 4.000 Wasserstoff-Tankstellen erschaffen. Im Bereich Software hingegen erwähnt Heyn eine Kooperation mit US-Cloudanbieter Amazon Web Services. Auf einer gemeinsamen Plattform bündeln die Partner Logistikservices von Bosch wie die Logistiküberwachung oder das Secure Truck Parking, aber auch Dienstleistungen von Drittanbietern. Heyn verkündet: „Schon in diesen Wochen starten wir mit unser Logistik-Plattform in Indien, Anfang nächsten Jahres auch in Europa und den USA“.

Volvo sieht sich als Vorreiter

In Schweden fürchtet man die mangelnde Ladeinfrastruktur eher weniger. Denn Senior Vice President Management and Sustainability Jessica Sandström erklärt: "Aus unseren Analysen geht hervor: Ein Großteil der von Nutzfahrzeug gefahrenen Strecken überschreitet die 300-km-Marke nicht. Diese Fahrzeuge können problemlos über Nacht auf dem Speditionsgelände aufgeladen werden."

Robert Alm, Präsident von Volvo Trucks, berichtet breit grinsend, dass es für ihn keinen schöneren Arbeitstag gäbe, als einen, der nur aus Kundenterminen besteht. Denn er liebe es so sehr, die Kunden selbst zu überzeugen, dass es keine Zeit mehr gibt, um mit dem Umstieg auf E-Antriebe zu warten. Deshalb starte Volvo jetzt auch als weltweit erster Lkw-Hersteller mit der Serienproduktion von schweren Modellen, die mit bis zu 44 Tonnen beladen werden können. "Dies ist ein Meilenstein und beweist, dass wir bei der Transformation der Branche führend sind. Es ist noch keine zwei Jahre her, dass wir unsere schweren Elektro-Lkw zum ersten Mal vorgestellt haben. Jetzt fahren wir die Stückzahlen hoch", sagt Alm.

Renault und VWN präsentieren neue Fahrzeuge

Auch bei Renault und Volkswagen Nutzfahrzeuge steht die ganzheitliche Lösung im Mittelpunkt, behaupten beide OEMs. Im Fokus der Pressekonferenzen stehen jedoch klassisch die Vorstellungen neuer Fahrzeuge. Die Franzosen präsentieren – hochdramatisch, unter Begleitung von Tänzerinnen – ihren neuen Transporter Traffic E-Tech. Das Szenario wirkt angesichts des Charakters des Fahrzeugs, welcher nicht gerade als elegant beschrieben werden kann, etwas seltsam. Federleicht, fast schwebend, bewegen sich die beiden Künstlerinnen auf der Bühne, ehe sie den Transporter final von seiner Verhüllung befreien. Vermutlich soll die Gemeinsamkeit zwischen der Kür und dem Fahrzeug eher auf der Leichtigkeit liegen, denn der Traffic E-Tech wird als Leichtgewicht beschrieben. Rein elektrisch soll er sich bis zu 240 Kilometer weit bewegen können. Der Trafic E-Tech Electric ist in zwei Längen mit 5,08 oder 5,48 Metern sowie in den beiden Höhen 1,97 oder 2,5 Meter erhältlich. Das Stauvolumen beträgt je nach Ausführung 5,8 bis 8,9 Kubikmeter.

Ganz anders VWs Amarok. Die neue Version feiert auf der IAA Transportation seine Messe-Premiere und soll noch in diesem Jahr an die ersten Kunden ausgeliefert werden. Wobei der Begriff Kunde in den Augen von VWN-CEO Carsten Intra schnell der Vergangenheit angehören soll. Sowohl bei ID.Buzz, der auch noch mal auf der Messe im Rampenlicht steht, als auch beim neuen Amarok „werden Kunden zu Fans“, behauptet der Manager auf der Pressekonferenz. Grund dafür seien unter anderem mehr als 20 neue Assistenzsysteme, mobile Online-Dienste, effiziente wie drehmomentstarke Motoren, zwei Allradtechnologien und maßgeschneidertes Zubehör. Neben dem Amarok feiert auch der ID.Buzz Cargo seine Premiere auf der Messe. Der E-Bulli soll eine Reichweite von bis zu 425 Kilometern mitbringen.

VWN IAA
Executive Vice President Sales and Marketing Lars Krause zwischen dem neuen Amarok und dem ID Buzz Cargo auf der IAA.

Ebenfalls neu dabei: Das VW-Start-Up Cito. CEO Gregor Stock erklärt: "Wir sind wie Uber, nur eben nicht für den Transport von Menschen, sondern für die Sendungen von Geschäftskunden." Der Diplom Ingenieur war zuletzt im Bereich Innovation MaaS und Taas des Volkswagen Konzern tätig und will nun als Geschäftsführer von Cito eine transparente Lösung für zuverlässige, zeitkritische und auch spontane Lieferungen bereitstellen. Ohne eine Kette aus zahlreichen Telefonanrufen und Organisationsversuchen auszulösen, erfährt der Kunde innerhalb weniger Minuten, wer seine Ware wann transportieren wird und wie hoch der Preis für den Transport sein wird. "In einer Kette aus zahlreichen Vermittlern und Kurierdiensten bleibt für denjenigen ganz am Ende der Kette oft nur ein kleiner Obulus über. Dadurch, dass wir den eigentlichen Kurierfahrer mit dem Kunden auf eine direkte, vernetzte Ebene stellen, schaffen wir einen deutlich transparenteren und auch faireren Prozess", betont Stock.

Continental setzt auf Wohnlichkeit im Nutzfahrzeug

Die Stimmung bei Continental unterscheidet sich massiv von der bei den großen OEMs. Keine Pressekonferenz mit epischer Musik und dramatischem Countdown, eine schmalere Auswahl an Exponaten – insgesamt eine angenehme Auszeit vom „höher, schneller, weiter“-Mindset. Mit einer Auswahl an neuen Oberflächenlösungen, die mehr Nachhaltigkeit durch höhere Langlebigkeit und vergrößertem Recyclinganteil versprechen, fokussiert sich der Zulieferer auf funktionale Designtrends in der Fahrerkabine. Head of Communications Surface Solutions Axel Schmidt erklärt: „Das Führerhaus ist für Berufskraftfahrer auf langen Fahrten nicht nur Transportmittel, sondern auch Zuhause. Deshalb fokussieren wir uns neben den technologischen Anforderungen auch darauf, diesen Raum so wohnlich wie möglich zu gestalten.

Zusätzlich präsentiert der Zulieferer das Mehrfachsensor-System Continental Sensor Array und drei Reifenlösungen für Nah- und Fernstrecken. Cybersecurity und Privacy-Spezialistin Sarah Syed-Winkler erklärt: „Wir arbeiten gemeinsam mit unseren Kunden an den Produktlösungen und legen dabei einen großen Wert auf Flexibilität sowie Anpassbarkeit. So entwickeln wir uns Komponente für Komponente weiter.

Continental IAA Transportation 2022
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil mit Continental-CEO Nikolai Setzer am Continental-Stand. (Bild: Continental)

Forvia will mit Massagematte punkten

Mit vereintem Knowhow ihrer Dachmarken Hella und Faurecia präsentierte sich auch Tochterfirma Forvia auf der diesjährigen IAA. Einen klaren Fokuspunkt, der die enge Verbundenheit mit Mutterkonzern und Sitzhersteller Faurecia widerspiegelt, bildet die patentierte Lkw-Sitzplattform des Gemeinschaftsunternehmens. Die modulare Struktur der Plattform ermögliche große Vielfalt mit möglichst niedrigen Entwicklungs- und Implementierungskosten, so Forvia. Gleichzeitig unterstützte die Plattform nicht nur die Kreislaufwirtschaft durch den einfachen Austausch von Teilen, sondern reduziere mithilfe der Integration von nachhaltigen Materialien das Gewicht eines Komplettsitzes um bis zu 16 Prozent.

Für leichte Nutzfahrzeuge präsentiert das Joint-Venture zudem die zweite Generation des Smart Massage Covers – einer nachrüstbaren Massagematte, die Rückenschmerzen lindern und vorbeugen soll. Erhältlich soll die per App und Sprachsteuerung bedienbare Matte bereits ab Mitte Oktober sein. Außerdem demonstriert Forvia seine Kompetenzen im Bezug auf Schwerlast-Anwendungen für Brennstoffzellenfahrzeuge. Das Unternehmen beliefert seine Kunden bei Bedarf mit einem gesamten Wasserstoff-System, einschließlich eines vollständigen Wasserstoffspeichersystems und des 150-kW-Brennstoffzellenstacks von Symbio. Zusätzlich präsentiert das Joint-Venture eine von Faurecia entwickelte Lösung zur kryogenen Wasserstoffspeicherung und eine Container-Speicherlösung, die für verschiedene industrielle Anwendungen sowie Flotten geeignet ist, beispielsweise für den Transport und die Verteilung von Wasserstoff.

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