| von Pascal Nagel

Nach einem vielversprechenden Start sah es eine Zeit lang nicht gut aus für das Münchener E-Auto-Startup Sono Motors. Die beiden Gründer und CEOs Jona Christians und Laurin Hahn schienen an ihrem ambitionierten Ziel, ein SEV (Solar Electric Vehicle) auf die Straße zu bringen, zu scheitern. Auf die gute Idee folgte ein rasanter Aufstieg, aus dem Startup wurde ein Großunternehmen – und Ende 2019 stand Sono Motors kurz vor dem finanziellen Aus.

Eine Crowdfunding-Kampagne und eine Serie C Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr retteten die Firma. Über 100 Millionen Euro konnten wieder in die Weiterentwicklung des Sion fließen. Nun zeigen die Münchener das seriennahe SEV im Rahmen der digitalen Consumer Electronics Show CES.

Pendeln mit der Kraft der Sonne

„Vor zehn Jahren hat die Branche die Elektromobilität unterschätzt, heute unterschätzen wir das Potenzial der Sonne“, sagt Thomas Hausch, COO von Sono Motors. Der ehemalige Europachef von Nissan bringt die Vorzüge des sonnengetankten Sion auf den Punkt: „Bis zu 35 Kilometer Reichweite pro Tag können über die Panels nachgeladen werden. Das reicht für den typischen Pendelverkehr.“ Stichwort Panels: Die sind im Vergleich zu früheren Prototypen optisch nun nahezu nahtlos in die mattschwarze Karosserie eingefügt.

Geladen wird auch während der Fahrt, der Sion muss dafür nicht stehen. Über die Panels mit insgesamt rund 250 Solarzellen hinaus schafft die 35-kWh-Batterie rund 250 Kilometer im WLTP-Zyklus. Doch wer nur im Stadtverkehr unterwegs ist, kann sich über volle Energieautarkie freuen. „Wir haben eine der niedrigsten Total Costs of Ownership in der ganzen Branche“, ist sich Hausch sicher.

Bei der Produktion wird an allen Enden gespart

Neben den Betriebskosten soll der Sion allerdings auch bei der Anschaffung kein zu großes Loch in den Geldbeutel reißen. Sono Motors gibt den Preis mit 25.500 Euro an. Das ist zwar mehr, als es sich die Gründer erhofften, aber noch immer unter dem Preis eines VW ID.3 oder Renault Zoe – für ein Fahrzeug mit alltagstauglichen Maßen von 4,30 Meter in der Länge.

Der Schlüssel zu diesem Preis lautet vor allem: Asset light. Auftragsfertigung bei NEVS in Schweden statt eigener Werke, Direktvertrieb über das Internet statt Händlernetz. Zwar kooperiert Sono Motors mit Werkstätten für den Service, viele Ersatzteile des Sion können allerdings ohne Vorwissen vom Besitzer selbst eingebaut werden, versprechen die Münchener.

Auch produktionsseitig werden die Kosten gering gehalten. Durch die Verkleidung der Karosserie mit den Solarpanels ist eine Lackierung des Fahrzeugs nicht notwendig. Das spart Material und vor allem Strom für einen der energieintensivsten Fertigungsschritte. Außerdem gibt es für den Sion genau eine Variante. „Sie können jede Farbe haben, die sie möchten, solange es schwarz ist“, zitiert Hausch mit einem Augenzwinkern den berühmten Satz von Henry Ford.

Mit modernen Features und Partnerschaften in die Zukunft

Dass der Sion mit modernen digitalen Vernetzungsfunktionen ausgestattet ist, versteht sich im Jahr 2021 fast von selbst. Keyless Go ist für das Erstlingswerk von Sono Motors ebenso selbstverständlich, wie das Smartphone-basierte Teilen des Autos mit Freunden, Familie oder Kollegen. Per App kann zudem jederzeit der Status der Sonnenaufladung gecheckt werden.

Da der Sion auch bidirektionales Laden unterstützt, ermöglicht der Autobauer sogar „Power Sharing“: So kann der Besitzer überflüssige Energie mit anderen Stromern teilen. Und selbst digitale Endgeräte oder auch größere elektrische Geräte lassen sich mit dem Sion als mobile Steckdose betreiben oder aufladen. 

Es besteht kein Zweifel daran, dass die führenden Köpfe des Münchener Autobauers an ihre Idee solarbetriebener Mobilität glauben. So sehr, dass sie ihre Panels sogar an Partner verkaufen. Gemeinsam mit dem französischen Shuttle-Bauer Easymile werden etwa autonome People Mover mit Solarzellen ausgestattet. Auch den Prototypen eines Solartrucks zeigt Sono Motors auf der CES: Mit dem komplett verkleideten Trailer lassen sich bis zu 80 Kilowattstunden täglich über die Sonne nachladen.

2022 soll es aber zunächst für den Sion endlich soweit sein. Die Vorserienproduktion steht ins Haus. „Wir starten zunächst in Europa. Dann werden wir in andere Märkte wie die USA eintreten“, sagt Jona Christians. Sie werden erleichtert sein, wenn der Sion tatsächlich Sonne auf deutschen Straßen tankt – und mehr als 10.000 Kunden, die das SEV bereits vorbestellt haben, auch.

Bilder: Sono Motors

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