Das Interieur und Infotainment des Wey Coffee 01.

Das "Leuchtturm-Konzept" stellt das Infotainment in den Mittelpunkt des Interieurs. (Bild: Wey)

Great Wall Motor startet mit einer Expansion ins neue Jahr. Bislang hatte sich der chinesische Autobauer vornehmlich auf heimisches Terrain konzentriert. Im Januar wird der Wey Coffee 01 nun in Deutschland auf den Markt kommen. Das notwendige Vertriebs- und Servicenetz hat sich GWM bereits über die Emil Frey Gruppe gesichert. Danach soll die Premiummarke des Konzerns in Israel und Schweden an den Start gehen. Spanien, Österreich, Schweiz und Frankreich könnten noch im selben Jahr folgen.

Die Produktion des Wey Coffee 01 ist derweil am Hauptsitz in Baoding beheimatet. Eine Millionenstadt, die in Europa wohl ähnlich bekannt sein dürfte wie die Marke selbst. Hierzulande muss der Hersteller folglich zunächst Begehrlichkeiten wecken und das schlechte Image chinesischer Autos widerlegen. An namhaften Zulieferern wie Bosch, Continental, Valeo oder Webasto mangelt es ihm jedenfalls nicht. Und auch an Investitionen wird nicht gespart: In den nächsten fünf Jahren sollen bei GWM rund vier Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung fließen.

Die Produktionsstätten verdeutlichen diesen Willen zur Expansion und Innovation: Im neuesten Werk, etwas außerhalb von Baoding, werde ein Automatisierungsgrad von rund 95 Prozent erreicht, heißt es im Rahmen der ersten europäischen Testfahrt in Lissabon. Perspektivisch solle das Prestigemodell der 2016 gegründeten Marke auch dort vom Band rollen. Eine Produktion oder Montage in Europa liege ebenfalls im Bereich des Möglichen.

Wey setzt bewusst auf Brückentechnologie

Zunächst muss der Coffee 01 sich jedoch in Deutschland beweisen. Die „Kaffeefahrt“ in der portugiesischen Hauptstadt führte in dieser Hinsicht zunächst zu einem Déjà-vu. Erst im vergangenen Jahr hatte Hyundai seine Premiummarke Genesis – und mit ihr den GV80 – auf den deutschen Markt gebracht. Maße, Preissegment und Zielgruppe hat dieser mit dem Coffee 01 gemein. Nur beim Antrieb gehen die Chinesen einen anderen Weg – mit einem Plug-in-Hybrid.

Anstatt sich zwischen Verbrenner und Elektroauto zu entscheiden, positioniert sich Wey zunächst als Luxusmarke für Bedenkenträger. Die Zielgruppe sei noch nicht vollends von der Elektromobilität überzeugt und habe zuvor entweder Gebrauchtwagen deutscher Premiumhersteller oder Neuwagen asiatischer OEMs gekauft, so der Tenor in Lissabon. Dass Hybride nur eine Brückentechnologie sind, sei den Verantwortlichen im Konzern bewusst. Doch die Brücke sei noch ziemlich lang. Ein BEV werde – trotz aller Technologieoffenheit – dennoch folgen.

Ein erster Dämpfer bei dieser Strategie ist die staatliche Förderung. Ab 2023 entfällt die Prämie für Plug-in-Hybride gänzlich. Damit schmilzt der Preisvorteil gegenüber Verbrennern wie dem GV80 auf empfindliche Weise. In der Basisversion startet der Coffee 01 somit bei 55.900 Euro. Luxusfeatures wie belüftete Massagesitze aus Alcantara, Panoramadach und Augmented Reality im Head-up-Display schlagen mit weiteren 4.000 Euro zu Buche. Mehr für weniger, so die Rechnung des Autobauers. Doch hält der Coffee 01, was er verspricht?

Mehr Leistung zum geringeren Preis

Das SUV wurde von Beginn an als Plug-in-Hybrid konzipiert, erklärt Vittorio d'Arienzo, Director Planning & Strategy bei GWM Europe. Dies habe Raum für eine 40-kWh-Batterie geschaffen, welche eine elektrische Reichweite von 146 Kilometern nach WLTP ermöglicht. Geladen wird mit Gleich- oder Wechselstrom. Von null auf 80 Prozent benötigt dies mindestens 53 Minuten. In Verbund mit der Leistung von 476 hybriden Pferdestärken und einem maximalen Drehmoment von 847 nM können sich diese Werte durchaus sehen lassen.

Ist die Batterie geladen, avanciert der Coffee 01 zur positiven Überraschung: Die Übergänge zwischen EV-Modus und Hinzuschalten des Verbrenners sind äußerst sanft, die Leistung stimmt. Durch den tieferen Schwerpunkt der Batterie gewinnt der 4,8 Meter lange und knapp zwei Meter breite Newcomer an Dynamik bei Kurvenfahrten. Sobald die kombinierten 350 kW der beiden E-Antriebe allerdings nicht mehr ihre volle Leistung zum Allrad beisteuern, schiebt das 2,3 Tonnen schwere Gefährt leicht aus der Kurve. Und auch die sagenhaften fünf Sekunden von null auf 100 werden dann gefühlt nicht mehr erreicht.

Verarbeitung kann mit Konkurrenz mithalten

Auch beim Design positioniert sich das neue Modell aus dem Hause Wey im gehobenen Segment: Das SUV macht von außen und innen einen wertigen Eindruck. Beim Exterieur dominieren vertikale Elemente, in Anlehnung an das Markenlogo, die sowohl den Grill als auch Frontschweinwerfer und Heckleuchten zieren. Im Interieur wurde Hartplastik zwar nicht verbannt, doch in Kombination mit den perforierten Lautsprecherabdeckungen liefern die Dekorleisten und Lüftungsschlitze ein stimmiges Gesamtbild ab. Einzig der „Carbon-Look“ an Mittelkonsole und Armlehnen wirkt dem etwas entgegen. Holz hätte hier sicherlich besser zu den Alcantara-Bezügen gepasst.

Die wohl unangenehmste Überraschung bei der Verarbeitung ist indes im Fond zu finden. Wer den eher spärlichen Platz im Kofferraum durch Umklappen der Rücksitze erweitert, kann in einem gut fünf Zentimeter großen Spalt die Elektronik des Fahrzeugs erspähen. Kleine Gegenstände, die in diesen hineinrollen, dürften nur mit Mühe zu bergen sein. Ansonsten nutzt der OEM den Raum der Fahrgastzelle gut aus und bringt dabei neue Konzepte ein. Das große Ablagefach unter der Mittelkonsole fällt dabei besonders positiv auf. Die vertikale, induktive Ladefläche für Smartphones ist ebenfalls ein Augenschmaus, wenngleich der enge Schlitz schier unmöglich zu reinigen ist.

Displays im Coffee 01 sind gewöhnungsbedürftig

Im Zentrum des geräumigen Inneren steht das 14,6 Inch große Infotainment-Display. Ergänzt wird es unterhalb durch einen neun Inch großen Multitouchscreen, ein 9,2-Inch-Kombiinstrument und ein Head-up-Display. Auf Knöpfe wird fast ausnahmslos verzichtet. Die Anzeige hinter dem Lenkrad wollte Wey jedoch nicht komplett aussparen. Das Ergebnis ist ein mickriges Display, das zwar die wichtigsten Informationen in kleiner Schrift anzeigt, aber so gut wie gar nicht individualisierbar ist. Ganz oder gar nicht, hätte die Devise lauten müssen.

Das schräge Multitouchdisplay der Mittelkonsole ist ebenfalls fragwürdig. Es soll durch sein haptisches Feedback jegliche Ablenkungen beim Einstellen der Klimaanlage verhindern. Da der Blickwinkel auf die Anzeige allerdings so suboptimal ist, bringt das Display das exakte Gegenteil hervor: Der Blick wandert noch länger von der Straße ab. Makellos verrichtet seinen Dienst hingegen das Head-up-Display, welches Augmented Reality und angenehmes, schlichtes Design vereint.

Infotainment benötigt dringenden Feinschliff

In Anbetracht dieser Umstände wäre es umso wichtiger, dass das Infotainment auf Basis des Qualcomm 8155 Chips abliefert. Das minimalistische Design, das etwas an Tesla erinnert, wirkt jedenfalls verheißungsvoll. Letztlich schwankt das Infotainment deshalb zwischen Schwachstelle und Hoffnungsschimmer: Die Widgets auf dem Homescreen lassen sich weder schließen noch individualisieren. Das User Interface – etwa der Medienwiedergabe – gleicht einer Beta-Version. Die Navigation auf Basis von Here-Kartendaten steuert bei der kurzen Testfahrt mehrfach in das falsche Ende einer Einbahnstraße.

„Wir befinden uns erst am Anfang der Software-Entwicklung“, betont d'Arienzo. Gleichzeitig versichert er glaubhaft, dass sich in kürzester Zeit einiges ändern könne und bereits ein neues Update in den Startlöchern stehe. Die Dienste von Deezer, Reuters und Radioline sollen etwa um YouTube erweitert werden. Und auch die aktuell etwas dürftige Sprachassistenz werde künftig smarter werden, so das Versprechen. Mit dem nötigen Feinschliff wäre das System sicherlich konkurrenzfähig, doch zunächst müssen Taten folgen.

Smart Cruise steht ebenfalls am Anfang

Bei den Fahrerassistenzsystemen zeichnet sich ein ähnliches Bild. Der Fokus lag auf der „Eintrittskarte für Europa“ – dem Euro NCAP Rating. Mit seiner fünf Sterne Wertung positioniert sich der Coffee 01 dabei als sicheres Auto im Ernstfall. Zum Einsatz kommen zudem fünf mmWave-Radare, zwölf Ultraschallsensoren, vier Kameras für die 360-Grad-Sicht und eine Frontkamera. Trotz dieses Setups funktioniert automatisiertes Fahren auf SAE-Level 2 eher dürftig. Allein deshalb, weil sich Smart Cruise zu oft deaktiviert. Bei kurvenreichen Strecken lenkt das System zwar ein, drosselt aber keineswegs das Tempo. Verkehrszeichen sollen in den Kundenfahrzeugen hingegen automatisch übernommen werden, heißt es in der Nachbesprechung.

Damit ist das Fahrerassistenzsystem höchstens für lange Autobahnfahrten oder gerade Landstraßen zu gebrauchen. Ablenkungen des Fahrers erkennt es allerdings zuverlässig – mittels einer Kamera an der A-Säule. Da diese derart sichtbar verbaut ist, beschwichtigt der Hersteller mögliche Datenschutzbedenken. Die Gesichtserkennung ermögliche eine Individualisierung der Customer Experience, wie das Anpassen der Spiegel oder sonstiger Vorlieben. Die Absatzzahlen werden zeigen, ob europäische Kunden diesen Aussagen Glauben schenken oder lieber tiefer in die Tasche greifen.

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