Ein weißes Elektro-SUV E-HS9 der Marke Hongqi.

Mit dem E-HS9 leistet sich die chinesische Marke Hongqi ein über fünf Meter langes Elektro-SUV. (Bild: FAW)

Im Herbst letzten Jahres begann der chinesische Staatskonzern First Automobile Works (FAW) mit dem Export der Elektroversion seiner Luxuslimousine Hongqi. Autos dieser Marke – zu Deutsch: „Rote Fahne“ – sind seit der Mao-Ära die Staatskarossen der politischen Führungsspitze. Dass selbst dieses chinesischste aller Autos nach Europa verschifft wird, zeigt die wachsende Bedeutung der Auslandsmärkte für China.

„Die Ausfuhren chinesischer Fahrzeuge werden voraussichtlich um 75 Prozent auf ein Rekordhoch von 1,7 Millionen steigen“, prognostizierte Michael Dunne, US-amerikanischer Experte für den chinesischen Automarkt. „Überschüssige Kapazität plus schwache Binnennachfrage plus bessere Qualität gleich höhere Exporte“, rechnet Dunne vor. Der Absatz am Heimatmarkt leidet aktuell an einer zunehmenden Sättigung entlang der prosperierenden Küste sowie unter dem weltweiten Chipmangel und Chinas Stromkrise, die die inländischen Autobauer immer wieder zu Produktionsstopps zwingen.

Generalüberholtes Image beim Staatskonzern FAW

Die größten Autohersteller des Landes sind nach wie vor die Staatskonzerne wie First Automobile Works (FAW) oder Shanghai Automotive (SAIC). Ihre gewaltigen Absatzzahlen verdanken diese Kolosse allerdings hauptsächlich den Marken ihrer internationalen Joint-Venture-Partner. Nur wenige von ihnen sind erfolgreich darin, eigene Marken zu etablieren.

Der älteste dieser Konzerne ist das in den 1950er Jahren gegründete FAW. Mit 46,7 Milliarden Yuan (6,3 Milliarden Euro) Gewinn war FAW nach einem Bericht der Staatszeitung China Daily der profitabelste Autobauer Chinas – was die Zeitung unter anderem der bei FAW produzierten margenstarken Premiummarke Audi zuschrieb.

Während der Retro-Stil der Mao-Ära im Hongqi H5 weiterlebt, setzt die Marke parallel auf moderne Fahrzeuge, für die es 2018 eigens den ehemaligen Rolls-Royce-Chefdesigner Giles Taylor anheuerte. Das jetzt nach Norwegen verschiffte elektrische Luxus-SUV E-HS9 soll den Einstieg nach Europa einleiten. FAW hofft, 2025 mehr als sechs Millionen Fahrzeuge pro Jahr verkaufen zu können. Dafür wird es aber vor allem VW, Audi und Toyota brauchen.

Ein schwarzer Plug-in-Hybrid Coffee 01 von Wey vor Häuserkulisse.
Der Plug-in-Hybrid Coffee 01 von Wey bietet eine rein elektrische Reichweite von bis zu 150 Kilometern (Bild: Great Wall)

GAC verfolgt Mehrmarkenstrategie

Der Absatz der Guangzhou Automobile Group oder kurz GAC lag im ersten Coronajahr nahezu unverändert bei gut zwei Millionen Autos. Auch der Konzern aus Guangzhou möchte mit seiner eigenen Marke Trumpchi, die er seit 2010 parallel zu seinen Joint Ventures mit Stellantis, Honda, Toyota und Mitsubishi produziert, auf die Weltmärkte. 2019 kamen E-Autos der Marke Aion dazu. GAC verzahnt zudem die eigenen Marken mit jenen seiner Partner.

So produziert der Konzern Elektro- und Plug-in-Hybrid-Versionen seines Trumpchi-GS4-Crossovers für die Joint-Venture-Partner, die dasselbe Fahrzeug in China unter ihren eigenen Marken verkaufen, mit einem zusätzlichen GAC-Logo im Kühlergrill. Auch im Export vermengt GAC die Marken: So liefert es seine kompakten SUVs Trumpchi GS5 nach Mexiko, die dort als Dodge Journey – eine Stellantis-Marke – verkauft werden. Mexiko sei eine Art Brückenkopf für diese Art kreativer Umgehung US-amerikanischer Strafzölle gegen China, sagt Dunne.

SAIC setzt in Europa auf E-Autos

Auch das Dreier-Joint-Venture zwischen SAIC, GM und Wuling Motors (SGMW) nutzt laut Dunne diese Route – und verkauft ein SGMW-Crossover in Mexiko als Chevrolet Captiva. SAIC betreibt neben SGMV auch je ein Joint Venture mit GM und VW und ist vom Absatzvolumen her der größte Autobauer Chinas: 2020 verkauften die Marken des Konzerns 5,6 Millionen Autos. Hinzu kommen drei Eigenmarken: das aus der 2007 übernommenen britischen Marke Rover abgeleitete Roewe, die aufgekaufte britische Marke MG sowie das kürzlich neu gegründete Elektrosegment R Auto.

MG ist ein Beispiel für einen erfolgreichen Einstieg in Europa mit Elektroautos. Nachdem die Marke mit Verbrennern in Großbritannien wenig Erfolg hatte, startete SAIC dort 2019 den Verkauf des kompakten Elektro-Sportgeländewagens MG ZS EV, von dem dank eines günstigen Preises, guter Reichweite und guter Crashtest-Ergebnisse seither zehntausende verkauft wurden – inzwischen auch in den Niederlanden, Frankreich, Italien und Norwegen.

Demnächst sollen Modelle von R Auto folgen. Roewe konzentriert sich derweil zunächst auf den Heimatmarkt. Zu den großen Staatskonzernen gehören zudem Dongfeng Motor, das mit Nissan, Honda und Peugeot zusammenarbeitet und 2020 gut 2,8 Millionen Autos verkaufte. Die größte Steigerung schaffte im Coronajahr der Konzern Changan – Partner von Ford und Mazda –, dem ein Plus von knapp 14 Prozent auf gut zwei Millionen verkaufte Fahrzeuge gelang.

Great Wall pusht E-Modelle von Wey und Ora

Ein weiterer Hoffnungsträger mit Ambitionen für den Weltmarkt ist Great Wall Motors (GWM). Der zweitgrößte private Autobauer Chinas nach Geely, der einst als Hersteller einfacher Jeeps startete, setzt heute auf SUVs und gründete kürzlich die Premiummarke Wey sowie eine Elektro-Marke namens Ora.

Knapp drei Viertel der im ersten Coronajahr verkauften 1,1 Millionen Autos (plus 4,8 Prozent) waren allerdings SUVs der schon länger existierenden Marke Haval, die damit laut GWM seit elf Jahren die bestverkaufte SUV-Marke Chinas ist. Gründer Wei Jianjun kündigte dafür drei Technologieplattformen namens Lemon, Coffee und Tank an. Lemon und Tank sind modulare Plattformen für SUVs, Crossover und Pickups, während Coffee autonome Funktionen und Konnektivität enthält.

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