BMW-Produktionsvorstand Nedeljkovic

BMW-Produktionsvorstand Milan Nedeljković: "Mit der iFactory fokussieren wir auf die Transformation zur Elektromobilität, aber auch andere Transformationsfelder wie beispielsweise die Digitalisierung und Nachhaltigkeit." (Bild: BMW)

Die BMW Group ist im Wandel. Mit der iFactory definiert der Konzern jetzt die Zukunftsausrichtung seiner Werke weltweit und ihrer Fertigungstechnologien. 60.000 MitarbeiterInnen haben schon damit begonnen, diesen Masterplan umzusetzen. Die zentralen Fragen zu Herausforderungen und Chancen bei der Digitalisierung der Fabriken und der Transformation zur Elektromobilität beantwortet Produktionsvorstand Milan Nedeljković im Interview.

Herr, Nedeljković, die globale Automobilproduktion befindet sich durch den Übergang vom Verbrenner zur E-Mobilität und durch die Digitalisierung inmitten einer fundamentalen Neuordnung. Welche Antwort gibt BMW Group auf die Fragen der Transformation?

BMW steht für Veränderung und Zukunftsorientierung. Die Stärke unserer Produktion ist es, dass wir seit Jahrzehnten auf Flexibilität setzen und damit die Grundlage geschaffen haben, Veränderungen proaktiv zu gestalten. Und das passiert jetzt gerade auch mit der Transformation zur Elektromobilität, im Zuge dessen sich natürlich auch Produktionsabläufe und Strukturen an den Standorten verändern. Unser Ansatz der Integration, also in einem Werk auf nur einem einzigen Band verschiedene Antriebsformen herzustellen, ist die Basis, den Transformationsprozess erfolgreich zu absolvieren. Mit der iFactory, unserem strategischen Zielbild, fokussieren wir auf die Transformation zur Elektromobilität, aber auch andere Transformationsfelder wie beispielsweise die Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Welche Rolle übernimmt in diesem Zusammenhang das neue Werk in Debrecen?

Exakt hier sind wir weltweit Vorreiter. Debrecen wird unser erstes CO2-frei betriebenes Fahrzeugwerk sein. Ein beachtlicher Teil des benötigten Stroms soll direkt auf dem Werksgelände produziert werden, für weitere Anteile wollen wir 100 Prozent regenerative regionale Energiequellen nutzen.

Entlang unserer Leitprämisse Lean.Green.Digital werden alle Werke im BMW Produktionsnetzwerk neue Lösungen zu mehr CO2-Neutralität und Freiheit erarbeiten und damit den großen Wurf nach vorn schaffen. Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2030 die in der Produktion anfallenden CO2-Emissionen um 80 Prozent im Vergleich zu 2019 zu reduzieren.
Unser Beitrag zur Energiewende ist nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Das Konzept sorgt für Preisstabilität und Versorgungssicherheit.

Die in der iFactory produzierte Neue Klasse ist auch eine Reaktion auf den steigenden Kundenwunsch nach Elektrofahrzeugen. Wie stellen Sie sich gegenüber alternativen Derivaten auf?

Die Neue Klasse ist aufgebaut auf unseren hochinnovativen Baukästen und der Neuen Cluster Architektur. Die Neue Klasse ist kompromisslos auf E-Antriebe ausgerichtet. Wir setzen damit konsequent auf die Elektromobilität und auf E-Antriebe als Antriebsform. Auch ein Antrieb auf Basis der Wasserstoff-Brennstoffzelle ist eine Option. Das bedingt aber wieder einen E-Antrieb. Die Ausgestaltung der Architektur ist also nicht eingeschränkt.

BMW iFactory
Mit der BMW iFactory möchte BMW eine neue Dimension der Datendurchgängigkeit über alle Prozessketten hinweg schaffen. (Bild: BMW)

Wie definiert BMW Neue Klasse, die ab 2025 produziert wird, in Bezug auf Nachhaltigkeit?

Auf der IAA hatten wir ein Vision Circular-Fahrzeug präsentiert, bei dem es primär um das Thema Zirkularität und Nutzung von Sekundärmaterialien geht. Wir werden diese Themen auch bei der Neuen Klasse in den Mittelpunkt stellen und architektonisch vorsehen. Die Materialvielfalt reduziert sich stark, damit wir das Thema Recycling weiter verbessern und das Fahrzeug unter dem Nachhaltigkeitsaspekt sozusagen auf grüne Räder stellen.

Die Verkaufszahlen für E-Autos steigen kontinuierlich, für 2030 könnte ihr Anteil laut Prognosen bereits bei 25 Prozent liegen. Eher schleppend läuft dagegen der Aufbau der Lade-Infrastruktur. Welche Antworten hat die BMW Group darauf?

Gemeinsam mit anderen OEMs haben wir Ionity gegründet, um an den Autobahnen und Hauptverkehrswegen die Ladepunkte-Infrastruktur schnell und großflächig weiter auszubauen. Die bisherigen 1.600 Schnell-Ladepunkte sollen bis 2025 bereits auf eine Anzahl von rund 7.000 Schnell-Ladepunkten ausgebaut werden, um auch längere Strecken problemlos abbilden zu können. Die BMW Group stellt zusätzlich ihren Kunden Lademöglichkeiten für Zuhause zur Verfügung. Damit decken wir zwei ganz wesentliche Säulen der Lade-Infrastruktur ab.

Welche Rolle können in Zukunft auch Second-Life-Modelle spielen, indem rückläufige Batterien als Speicher genutzt werden?

Das Thema Second-Life-Cycle verfolgen wir als Ziel für uns selbst. Wir haben aktuell am Standort Leipzig eine Batterie-Speicherfarm aufgebaut, in der wir rückläufige, gebrauchte Batterie-Hochvoltspeicher nutzen, um Spitzen beim Strombedarf am Standort abzudecken. Wir setzen darüber hinaus Windenergie ein, produziert von vier Windrädern auf dem Werksgelände, um die Batterie-Speicherfarm aufzuladen und Strom einzuspeisen, wenn der Bedarf steigt und das Angebot sinkt. Mit diesem Konzept wollen wir auch an anderen Standorten im BMW Produktionsnetzwerk aktiv werden.

Ihr Mitbewerber im Premiumsegment Tesla sorgt für viel Enthusiasmus: Den Amerikanern ist es schnell und öffentlichkeitswirksam gelungen, Innovationen im Bereich der Elektromobilität voranzutreiben. Wie erhöht die BMW Group jetzt ihre Strahlkraft bei potenziellen Käufern von E-Autos? Erwarten uns mehr Coolness-Faktoren made by iFactory?

Wir bieten bereits coole Autos aus coolen Fabriken! Mit dem BMW iX und i4 erhalten wir ein phänomenales Kundenfeedback. Wir sehen anhand der Auftragseingänge, dass die Elektromobilität stark zieht. In diesem Jahr kommen wir mit dem BMW i7 und dem iX1 auf den Markt, bis Ende nächsten Jahres baut die BMW Group ihre BEV-Flotte auf insgesamt 13 Modelle aus. Wir stellen fest, dass wir damit den Bedarf der Kunden decken. Diese Vielfalt des Elektrifizierungsangebots ist eine unserer Stärken. Damit faszinieren wir unsere Kunden.

Mit der Neuen Klasse will die BMW Group aber noch einmal einen Schritt weitergehen?

Ja. Wir richten die komplett neue Fahrzeugarchitektur auf E-Antrieb aus und haben damit einige Überraschungen für die Kunden in petto. Darüber sprechen wir, sobald es soweit ist. Ganz grundsätzlich sind wir bei der BMW Group schon immer der Überzeugung, dass der Premiumanspruch keinerlei Kompromisse erlaubt. Daher verfolgen wir mit unseren Fahrzeugen konsequent den Ansatz, unseren Kunden ein hochattraktives, zuverlässiges und präzises Produkt anzubieten, das auf ganzer Linie begeistert: durch den Antrieb, die Verarbeitung und die Qualität. Das ist unser Anspruch, den wir mit jedem unserer Produkte erfüllen.

Wie halten Sie in diesen volatilen Zeiten, gekennzeichnet durch fortwährende Lieferengpässe, Produktionsausfälle und Ressourcenknappheit einerseits und das hohe Innovationsbestreben mit der iFactory andererseits, ihre Belegschaft im positiven Sinn auf Spannung?

Ein volatiles Umfeld und dynamische Veränderung bieten immer auch Chancen. Eine Chance für die BMW Group besteht darin, durch unsere hohe Flexibilität unseren Kunden ein herausragendes Angebot anzubieten. Maximale Flexibilität – das steckt in den Genen von BMW. Diese Fähigkeit, schnell auf Veränderungen reagieren zu können, kurzfristige Derivatewechsel zu ermöglichen und Volumenschwankungen abzufangen, ist ein klarer Wettbewerbsvorteil. Und mit unseren auf Flexibilität ausgerichteten Arbeitszeitmodellen schaffen wir es zudem sehr gut, diese volatilen Zeiten gut zu meistern. Aktuell erlebe ich eine Belegschaft, die hoch motiviert und angespornt ist, die Situation zu meistern und tatkräftig anzupacken. Auch die gute Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat spielt hier eine große Rolle und ist Ausdruck unserer BMW-Kultur. Diesen Schulterschluss erleben wir derzeit sehr deutlich.

BMW iFactory Augmented Reality
Anwendungen wie Augmented Reality unterstützen auch bei der Qualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für künftige Prozesse und Technologien. (Bild: BMW)

An welchen Stellschrauben müssen Sie in Ihrer Funktion als Produktionsvorstand drehen, um die finanziellen Mittel für die anstehenden Innovation zu sichern?

Natürlich setzen wir stark auf Lean-Management, um unsere Wertschöpfungen in den Prozessen, Organisationen und in den Strukturen verbessern. Das ist die Basis auf der ein solides Produktionssystem beruht. Die Möglichkeiten, welche die Digitalisierung bietet, eröffnen noch einmal neue Dimensionen, die wir schnell konsequent und intelligent erschließen.

BMW Interview Nedeljkovic
Andrea Hoffmann-Topp im Gespräch mit Milan Nedeljković. (Bild: BMW)

In welche Richtung gehen diese Möglichkeiten?

Zum Beispiel in Richtung Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Wir nutzen in der Produktion der BMW Group mehr als 200 Anwendungen und sind auch hier Vorreiter innerhalb der Automobilindustrie. Mit Hilfe von KI automatisieren wir Prozesse in der Logistik und in der Fertigung. Auch in der Instandhaltung lassen sich zukünftig verstärkt smarte Ansätze verfolgen. Aber auch Qualitätsabläufe lassen sich mit KI ganz neu definieren. Standardisierte Plattformen und Self-Services ermöglichen eine schnelle Skalierung über alle Technologien und an allen Standorten.

In der Belegschaft ist ein Momentum spürbar, mehr digitale Tools zum Einsatz zu bringen. Dieser Tipping Point, dass Digitalisierung in die Umsetzung kommt, begeistert alle und verschafft ein positives Klima für Innovation. Viele unserer Mitarbeitenden sind leidenschaftliche Tüftler, die davon begeistert sind, durch ihren Input eine Technologie zu entwickeln. Wir als BMW Group müssen das erkennen und Freiräume, damit aus digitalen Innovationen wirksame Use Cases entstehen. So bleiben wir wettbewerbsfähig und immer einen Schritt voraus.

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