In der Version 580 verfügt der mit 5,22 Metern opulent lange Mercedes EQS über zwei Elektromotoren mit zusammen 385 kW/523 PS Leistung

In der Version 580 verfügt der mit 5,22 Metern opulent lange Mercedes EQS über zwei Elektromotoren mit zusammen 385 kW/523 PS Leistung. (Bild: Mercedes)

Warum ein Fahrbericht über ein Auto, zu dessen Preis man vor einigen Jahren noch eine (sehr kleine) Eigentumswohnung bekommen hätte? Ganz einfach, weil der EQS ein zukunftsweisendes Auto ist, dessen Technologien wir mindestens teilweise bald schon in erschwinglicheren Fahrzeugen finden werden.

Netterweise haben uns die Schwaben gleich das Spitzenmodell der Baureihe vor die Türe gestellt, also abgesehen von den noch potenteren (und noch teureren) AMG-Varianten. In der Version 580 verfügt der mit 5,22 Metern opulent lange Viertürer über zwei Elektromotoren mit zusammen 385 kW/523 PS Leistung, die für ein Drehmoment von 858 Newtonmeter sorgen. Ein Motor treibt die Vorderachse, einer die Hinterachse an, womit sich der EQS das bei Mercedes für Allradantrieb stehende Kürzel 4Matic verdient hat.

Was soll man angesichts dieser Zahlen über die Fahrt in diesem Edel-Elektriker schon sagen? Wenig überraschend beschleunigt er ungemein stark, auf Wunsch in 4,3 Sekunden auf Tempo 100. Und anders als manch andere E-Autos geht es mit dem EQS auf Wunsch auch (richtig) schnell voran – bis zu 210 km/h sind möglich.

500 "echte" Kilometer: Reichweitenangst sollte kein Thema sein

Dann allerdings, das dürfte jedem Autofahrer inzwischen bekannt sein, leert sich der Akku in Rekordtempo, weil der Verbrauch weit überproportional ansteigt. Dabei stellt die große Batterie immerhin eine Kapazität von 108 kWh zur Verfügung, so dass zwar die als Maximum avisierten knapp 700 Kilometer kaum, echte 500 Kilometer bei normaler Fahrweise aber allemal drin sind.

Nicht nur deshalb sollte Reichweitenangst eigentlich kein Thema sein. Der EQS ist auch mit reichlich Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet. So berechnet das Navi die schnellste Route nicht nur nach dem aktuellen Verkehrsaufkommen, sondern bezieht auch den Ladestand, die auf der Route verfügbaren Ladestationen sowie den Streckenverlauf mit ein. Auf die Berechnung ist in der Praxis Verlass, wir fanden immer eine freie Ladesäule und kamen fast immer prozentpunktgenau mit dem vorher berechneten Restladestand ans Ziel.

Das Fortbewegungserlebnis selbst ist mit "schweben" besser beschrieben als mit "fahren". Der Komfort ist fantastisch, weil das Fahrwerk und die Dämmung ähnlich herausragend sind wie bei einer S-Klasse, aber natürlich die Motorgeräusche fast komplett fehlen, nur ein angenehmes Surren begleitete unsere Wege. Zudem ist der EQS verblüffend handlich. Das hat viel mit der mitlenkenden Hinterachse zu tun, die das Einparken oder Rangieren enorm erleichtert. Bis zu 4 Grad in die eine oder andere Richtung – das gehört bei dieser Variante sogar zur Serienausstattung. Wer bis zu 10 Grad möchte, kann sich das gegen Aufpreis "Over the air" ins Auto holen.

Gegen digitalen Overkill: Schmuckmuster ohne Beifahrer

Im 580er ist serienmäßig der sogenannte Hyperscreen eingebaut. Viele haben den Effekt der fast eineinhalb Meter breiten gebogenen Glasscheibe nicht anders als mit "Wow" beschreiben können. Wir schließen uns gerne an. Das über die gesamte Armaturentafel laufende riesige Display mit einer Fläche von zweieinhalb Quadratmetern ist schon beeindruckend. Es ist in drei Teile unterteilt: einer TFT-Anzeige für den Fahrer und zwei OLED-Panels, eines in der Mitte für Navi, Klima etc. und eines für den Beifahrer. Schönes Detail: Ist der Beifahrersitz nicht belegt, wird auf dem rechten Bildschirm nur ein Schmuckmuster angezeigt. Wohltuend, denn so beeindruckend und futuristisch der Hyperscreen auch ist, fühlt man sich doch ab und an wie im digitalen Overkill. Dazu kommt ein großes Head-up-Display, das sich auch mit einer dunkel getönten Sonnenbrille auf der Nase noch gut ablesen lässt. Und ganz nebenbei gesagt: Dass die Sprachsteuerung MBUX das zurzeit beste System auf dem Markt ist, haben wir schon häufiger beschrieben und es gilt noch immer.

Der EQS war das erste Elektrofahrzeug von Mercedes, das auf einer eigens dafür entwickelten Plattform basiert. Sie heißt EVA (Electric Vehicle Architecture) und bildet die Basis auch für andere Modelle wie den EQS SUV oder die elektrische E-Klasse EQE, von der es ebenfalls eine Limousine und ein SUV gibt bzw. geben wird.

Das Fortbewegungserlebnis im Mercedes EQS 580 4Matic ist mit "schweben" besser beschrieben als mit "fahren"
Das Fortbewegungserlebnis im Mercedes EQS 580 4Matic ist mit "schweben" besser beschrieben als mit "fahren". (Bild: Mercedes)

142.000 Euro: Der wahrscheinlich edelste Transporter der Welt

Die Freiräume einer rein elektrischen Plattform haben die Ingenieure gut genutzt, vor allem, was den Raum angeht. Die Insassen haben auch dank des sehr langen Radstands von 3,21 Metern Platz im Überfluss. Dazu kommt der deutlich geringe Bauraum für die Komponenten, denn ein Getriebe, eine Kardanwelle oder eine Auspuffanlage gibt es ja nicht und ein Elektromotor ist vergleichsweise klein.

Die häufig gezogene Analogie zur "Business Class" ist hier schlichtweg falsch. Man wäre als Passagier, etwa der Lufthansa, froh, wenn man für ein teures Ticket ganz vorne auch nur halbwegs so viel Platz und speziell Beinfreiheit hätte. Auf den Rücksitzen kann man sich geradezu verloren vorkommen. Und anders als bei anderen Limousinen der Oberklasse fällt im EQS auch der Laderaum großzügig aus: Das Kofferabteil bietet schon im Normalzustand Platz für 610 Liter Gepäck.

Wer die Rücksitzlehnen umlegt, schafft Raum für 1.760 Liter, da kann kaum ein Kombi mithalten. Damit wird der EQS zum wahrscheinlich derzeit edelsten Transporter der Welt: Knapp 142.000 Euro kostet der immerhin sehr gut ausgestatte 580er. Trotzdem ist es natürlich wie immer bei den deutschen Premium-Marken kein Problem, den Preis noch um einige zehntausend Euro nach oben zu treiben. Doch wer EQS fährt, hat sich entschieden: Wenn schon neue E-Welt, dann aber richtig.

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