Batterie

Insbesondere die Batterien von Elektrofahrzeugen stellen Autobauer vor zahlreiche Herausforderungen hinsichtlich der Transparenz in der eigenen Lieferkette. (Bild: Adobe Stock / Sergii)

Für Rohstoffe und die jeweiligen Lieferkettenstufen sind oft unterschiedliche Zertifikate und Standards im Einsatz. „Wir sehen, dass das Thema Rohstoffzertifizierung die Branche insbesondere unter den Gesichtspunkten Nachverfolgbarkeit und Risikomanagement in der Lieferkette stark beschäftigt“, stellt Michael Püschner fest, Leiter Fachgebiet Umwelt und Nachhaltigkeit beim VDA. Dazu tragen dem Verband zufolge vor allem das Lieferkettensorgfaltsgesetz auf nationaler Ebene und die Due-Diligence-Richtlinie auf EU-Ebene bei. Fundierte Daten entlang der Lieferkette stehen dabei im Mittelpunkt.

Blockchain erhöht Traceability von Rohstoffen

Die OEMs halten sich bei der Frage nach den involvierten IT-Systemen eher bedeckt. Betroffen sind zum einen Software-Anwendungen rund um das Lieferantenmanagement und die Supplier-Bewertung. Hier dürfte sich auch die Überprüfung der Nachhaltigkeitsstandards widerspiegeln und Anpassungen nötig werden. Zudem sind die Daten relevant in Digital-Twin-Konzepten und im PLM-System. Für Traceability gibt es eine Reihe von Applikationen am Markt, hier spielt die Blockchain-Technologie eine zentrale Rolle.

Beispielsweise zum Thema Batteriepass ist unter anderen Circulor involviert. Auch Anwendungen von Startups wie Minespider setzen auf Blockchain-Technologie, um mit Blick auf Nachhaltigkeit Transparenz in die Lieferkette zu bringen und Daten sicher auszutauschen. Eine Rolle spielen hier zudem KI-Applikationen wie Prewave, eine Plattform für globale Lieferkettenintelligenz. Für Risikoanalysen in Supply Chains werden unterschiedlichste Kanäle ausgewertet, darunter Social Media, um zum Beispiel potenzielle Konflikte an Mining-Standorten oder in der Batterielieferkette zu erkennen.

Warum Hersteller auf Catena-X setzen

Vor allem aber der sichere Datenraum Catena-X dürfte bei der Rohstoffzertifizierung künftig eine sehr wichtige Rolle spielen. Die vollständige Rückverfolgbarkeit in komplexen, globalen und dynamischen Lieferketten ist eine beachtliche Herausforderung. „Wir haben allein bei der BMW Group über 5.000 First-Tier Lieferantenstandorte, mit denen wir direkt zusammenarbeiten. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder dieser Standorte mit mindestens 15 weiteren Standorten zusammenarbeitet, sind wir in der Second-Tier-Stufe bei 75.000 Standorten und spätestens in der Third-Tier-Stufe in den Hunderttausenden“, erklärt Nadine Philipp, Leiterin Nachhaltigkeit in der Lieferkette bei der BMW Group.

Gleichzeitig sei das Netzwerk ständig in Bewegung und verändere sich, sei es, weil ein Standort wegen eines Brands oder Unwetters ausfällt oder zum Beispiel Lieferketten unterbrochen sind. „Es ist eine Herkulesaufgabe, bei einem so komplexen Netzwerk zu jeder Zeit den exakten Überblick und die Datentransparenz zu den Komponenten oder Rohstoffen und über alle n-Tier-Stufen zu haben“, so Philipp.

Die Nachhaltigkeits-Leiterin ist überzeugt: Catena-X biete hier als offenes, skalierbares und dezentrales Netzwerk für den unternehmensübergreifenden und sicheren Informations- und Datenaustausch in der automobilen Wertschöpfungskette eine riesige Chance. Man setze mittel- bis langfristig auf Catena-X für die Rückverfolgbarkeit und Transparenz in der Lieferkette und wolle insbesondere kleinen und mittelgroßen Unternehmen einen einfachen Zugang ermöglichen.

„Potenziale dieser Plattform für die Lieferkette liegen zum Beispiel in der weiteren CO2-Reduzierung, einem transparenten Bedarfs- und Kapazitätsmanagement sowie einer Digitalisierung unserer Due-Diligence-Prozesse“, stellt Nadine Philipp fest. Dafür seien gemeinsame Standards nötig, wie zum Beispiel für die Erfassung der CO2-Emissionen und Steuerungsmodelle.

Mercedes-Benz hat sich ebenfalls dem Netzwerk und dem damit verbundenen Datenökosystem angeschlossen. „So kann uns Catena-X in der Zukunft unterstützen, in der Lieferkette zu überprüfen. Die Datenkette wird von der Mine des Rohstoffs bis zum Recycler von jedem Anwender mit Informationen ergänzt, die unter anderem Auskunft über nachhaltigkeitsrelevante Aspekte wie Herkunft, Nachhaltigkeitsaudits und den spezifischen CO2-Fußabdruck“, sagt ein Mercedes-Benz-Sprecher.

Dem CO2-Fußabdruck auf der Spur

Beim Thema CO2-Fußabdruck tut sich viel, konstatiert auch VDA-Experte Michael Püschner. Heute nutze man für die Berechnung von Lebenszyklusanalysen noch Datenbanken, die generische Daten bereitstellen. Dabei handelt es sich nicht um Realdaten: So wird beispielsweise der CO2-Fußabdruck von Batteriematerialien vom durchschnittlichen Energiemix des jeweiligen Produktionslandes abgeleitet. Der VDA habe daher mit der Entwicklung einer Systematik begonnen, mit der reale Daten erfasst werden sollen. Wenn beispielsweise eine Lithium-Raffinerie schon mit regenerativen Energien betrieben wird, lassen sich die CO2-Reduktionsmaßnahmen genauer herunterbrechen.

In Deutschland ist 'grüner' Stahl ein Beispiel, bei dem die Branche versucht, von den Lieferanten Grunddaten auf Basis der Chargennummer zu bekommen, um den Fußabdruck exakter ermitteln zu können. „Wir bemühen uns, Erkenntnisse unserer Diskussionen aufzubereiten und geben sie an Plattformen wie Catena-X weiter“, so Püschner. Catena-X entwickelt derzeit einen gemeinsamen Standard, mit dem sich ein produktbezogener CO2-Fußabdruck ermitteln lässt. Der sichere Datenraum wird gerade für den Wissensaustausch im Engineering künftig eine wichtige Rolle spielen.

Welche Rolle spielt IRMA?

Klar ist, dass sich die Vorhaben für Supplier in den nächsten Jahren erheblich verschärfen werden. Zu den zentralen Zertifizierungs-Vorhaben, mit denen sich die OEMs derzeit befassen, gehört IRMA (Initiative for Responsible Mining Assurance). Sie gilt als die effektivste Initiative für verantwortungsvollen Bergbau mit den höchsten Anforderungen: Zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die 19 Initiativen unter die Lupe nahm. Als erster OEM trat BMW bei, andere folgten rasch. IRMA habe einen sehr ambitionierten Bergbau-Standard entwickelt, berichtet ein VW-Sprecher, man rolle momentan die IRMA-Audits sukzessive in der eigenen Batterielieferkette aus.

Auch die Mercedes-Benz Group ist IRMA beigetreten. Man wolle die breite Anwendung von starken und vergleichbaren Nachhaltigkeitsstandards fördern – und nicht zuletzt den Standard  als Voraussetzung für Lieferantenentscheidungen und -verträge nutzen. Batteriezellen mit Kobalt und Lithium werden dem Konzern zufolge künftig nur aus auditiertem Abbau bezogen. „Dazu arbeitet der Mercedes-Benz Einkauf künftig nur noch mit Lieferanten zusammen, die Rohmaterial aus IRMA-auditierten Quellen beziehen und ihren Sorgfaltspflichten entlang der Lieferkette nach OECD-Richtlinien nachkommen“, erklärt ein Konzernsprecher. Man wolle die Lieferketten künftig auch regelmäßig überprüfen. „Langfristiges Ziel ist eine klare Verpflichtung zur kontinuierlichen Verbesserung. Dabei gibt es Übergangsfristen für die Erreichung von unterschiedlichen Leistungsstufen für eine IRMA Zertifizierung“, so der Mercedes-Benz-Sprecher.

Hersteller nehmen Lieferanten in die Pflicht

Volkswagen fordert für die Kobaltlieferkette ebenfalls eine Zertifizierung über die gesamte Lieferkette nach OECD-Standard. Dazu führe man mit einem externen Dienstleister Audits durch und nutze die verfügbaren Auditergebnisse der Responsible Minerals Initiative (RMI). Auch Mercedes-Benz ist RMI beigetreten. „Von unseren Lieferanten, deren Produkte die Konfliktminerale Tantal, Zinn, Wolfram und Gold (3TG) enthalten, erwarten wir, dass sie diese ausschließlich von Schmelzen und Raffinerien beziehen, die die Anforderungen des Zertifizierungsschemas der RMI erfüllen“, erläutert der Konzernsprecher.

Mit den Vorgaben der RMI soll nachgewiesen werden, dass in Raffinerien und Hütten Systeme vorhanden sind, die eine verantwortungsvolle Beschaffung von Mineralien gewährleisten. In seinen Vergaben verpflichtet Mercedes-Benz seine Lieferanten, jährlich ein Conflict Minerals Reporting Template (CMRT) über die industrieweit angewendete Plattform von NQC einzureichen und dessen Richtigkeit sicherzustellen.

Eine Zertifizierung bringe durch Transparenz und Sicherheit einen hohen Nutzen mit sich. Allerdings könne damit auch viel Arbeit verbunden sein, bringt es der VW-Konzern auf den Punkt. Mit der Initiative Drive Sustainability will sich VW verstärkt für eine Vereinheitlichung des Prozesses zur Rohstoffzertifizierung einsetzen. Mit Blick auf den kommenden Digitalen Produktpass arbeitet man aktiv in der Arbeitsgruppe der Global Battery Alliance (GBA) mit. „In unserem Lastenheft für Batterierohstoffe fordern wir Transparenz von unseren Batterielieferanten. Das umfasst zum einen eine Selbstauskunft über die vorgelagerte Lieferkette, zum anderen führen wir Audits durch. Zudem pilotieren wir, wie ‚Traceabillity based on Blockchain‘ funktioniert“, erklärt der Volkswagen-Konzernsprecher.

Darum ist Datentransparenz ein Problem

Auch für VW sind die Daten aus Subzuliefer-Ebenen eine Herausforderung. Der Volkswagen-Konzern bezieht aktuell keinen der Batterierohstoffe Lithium, Kobalt, Nickel oder Graphit direkt. Daher arbeite man eng mit den Herstellern von Batteriezellen zusammen, um die Transparenz der Lieferkette zu erhöhen und sicherzustellen, dass die Batterie-Rohstoffe verantwortungsvoll produziert und beschafft werden. Man respektiere Vereinbarungen zu Daten- und Geschäftsbeziehungen, die die Zulieferer mit ihren Sub-Lieferanten vereinbart haben, doch dies sei immer wieder ein Hindernis für die notwendige Lieferkettentransparenz, so der Konzernsprecher.

Die neuen Maßstäbe, die an Lieferanten angelegt werden, müssen natürlich auch kontrolliert werden – keine einfache Aufgabe. Mit Blick auf Batterierohstoffe reiche es nicht aus, sich darauf zu verlassen, dass die Vorlieferanten „es schon richten“, meint VDA-Experte Püschner: „Es ist wichtig, Reisen zu unternehmen und vor Ort persönliche Kontakte aufzubauen.“

Bei VW wird seit 2019 die Nachhaltigkeitsleistung relevanter Geschäftspartner vor der endgültigen Einkaufsentscheidung mit einem obligatorischen Nachhaltigkeits-Rating (S-Rating) bewertet. Erfülle ein Lieferant Anforderungen zur Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards nicht, komme er grundsätzlich nicht zur Auftragsvergabe in Frage. Damit bestehe ein direkter Anreiz für Lieferanten, ihre Nachhaltigkeitsleistung zu verbessern, sagt VW.

BMW arbeitet schon länger mit einem Fragebogen zur individuellen Bewertung der Nachhaltigkeitsleistung eines Produktions- und Auslieferstandortes von unmittelbaren Lieferanten. „Das Ergebnis der Selbstauskunftsfragebogens ist vergaberelevant und ein wichtiges Instrument zur Risikoidentifizierung und Vereinbarung von Präventionsmaßnahmen. In der OEM-übergreifenden Initiative Drive Sustainability entwickeln wir den Nachhaltigkeitsfragebogen mit Industriepartnern stetig weiter, sodass dieser ab 2023 alle Anforderungen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes erfüllen wird“, berichtet Nadine Philipp.

Digitaler Batteriepass ist das Ziel

Ebenso wie Volkswagen ist BMW Teil eines Förderprojekts des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, das die Entwicklung eines digitalen Batteriepasses zum Ziel hat. Er soll alle relevanten Informationen entlang des gesamten Lebenszyklus bündeln. „Der Datenaustausch beschränkt sich dabei auf die direkten Partner, sodass die Datensicherheit aller Teilnehmer gewährleistet wird. Ziel ist es, dass der erarbeitete Batteriepass die Anforderungen der kommenden EU-Batterie-Regulierung erfüllt“, erklärt Nadine Philipp.

„Wenn wir über Nachverfolgbarkeit sprechen, denken wir dabei oft an die vorgelagerten Wertschöpfungsketten. Doch künftig wird vor allem der Kreislaufgedanke entscheidend sein“, stellt VDA-Experte Püschner fest. Gerade bei Produktpässen wie dem Batteriepass müssten auch Informationen für Verwerter und Recycler verfügbar sein, die mit den Materialien am Ende des Lebenszyklus umgehen. Nur so kann sichergestellt werden, dass in der Zukunft mehr Batteriematerialien aus dem Recycling auf Marktplätzen als aus der Neugewinnung kommen.

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