Deutsche Industrie zögerlich beim Produktionsausbau
Die Industrie investiert weiter in bestehende Standorte, hält sich beim Aufbau neuer Produktion in Deutschland jedoch zurück. Vor allem größere Unternehmen bauen Kapazitäten ab, verlagern Bereiche ins Ausland oder treiben Restrukturierungen voran.
Deutsche Industrieunternehmen investieren vor allem in den Ausbau in bestehende Produktionsanlagen. Ein Beispiel ist BMW am Stammsitz in München.
BMW
Trotz der anhaltenden Debatte um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland investiert ein Großteil der produzierenden Industrie weiterhin in seine Fertigung. Laut einer Forsa-Studie im Auftrag des Beratungsunternehmens FTI-Andersch haben 61 Prozent der befragten Unternehmen bestehende Produktionskapazitäten in Deutschland erweitert oder planen dies innerhalb der kommenden zwölf Monate.
Beim Aufbau neuer Produktionsstandorte zeigt sich jedoch ein anderes Bild: 55 Prozent der Unternehmen haben in den vergangenen 18 Monaten keine neuen Produktionskapazitäten in Deutschland aufgebaut und planen dies auch kurzfristig nicht. Im Maschinen- und Anlagenbau liegt dieser Anteil sogar bei 57 Prozent. Standortunabhängig haben nach Angaben der Studie 67 Prozent der Unternehmen seit Anfang 2025 in zusätzliche Produktionskapazitäten investiert oder entsprechende Entscheidungen getroffen. Besonders aktiv zeigt sich dabei der Maschinen- und Anlagenbau mit einem Anteil von 76 Prozent.
Jedes fünfte Unternehmen baut Kapazitäten ab
Parallel zu den Investitionen setzt ein Teil der Industrie auf Konsolidierung. So haben 21 Prozent der Unternehmen Produktionskapazitäten in Deutschland reduziert oder entsprechende Maßnahmen beschlossen. In der energieintensiven Industrie liegt der Anteil sogar bei 33 Prozent. Besonders deutlich fällt der Unterschied zwischen kleinen und großen Unternehmen aus. Während bei Unternehmen mit weniger als 50 Millionen Euro Umsatz 18 Prozent Kapazitäten abbauen, liegt der Wert bei Unternehmen ab 100 Millionen Euro Umsatz bei 31 Prozent. Ganze Standorte haben elf Prozent der befragten Unternehmen geschlossen oder deren Schließung beschlossen. Unter den größeren Unternehmen trifft dies auf 30 Prozent zu.
„Die Forsa-Zahlen verdeutlichen, dass viele Unternehmen handeln oder bereits gehandelt haben: Wo sich ein Werk auch perspektivisch nicht mehr rechnet, wird Kapazität abgebaut, verlagert, verkauft oder der Standort geschlossen“, so Christian Säuberlich, Sprecher des Vorstands von FTI-Andersch.
Auslandsverlagerungen haben wirtschaftliche Gründe
17 Prozent der befragten Unternehmen haben seit Anfang 2025 Produktionsschritte, ursprünglich für Deutschland vorgesehene Investitionen oder zentrale Funktionen ins Ausland verlagert beziehungsweise entsprechende Entscheidungen getroffen. Bei Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz liegt der Anteil bei 39 Prozent.
Als wichtigste Zielregionen nennen die Unternehmen Asien außerhalb Chinas (48 Prozent), Osteuropa (44 Prozent) sowie China (41 Prozent). Die USA folgen mit 21 Prozent. Ausschlaggebend für solche Entscheidungen sind laut Studie vor allem wirtschaftliche Faktoren. 83 Prozent der Unternehmen mit Verlagerungsaktivitäten nennen niedrigere Energie- und Lohnkosten als entscheidenden Treiber. Dahinter folgen bessere Markt- und Wachstumsperspektiven im Zielland (63 Prozent), Förderprogramme (44 Prozent) sowie steuerliche Vorteile (42 Prozent). Bürokratie und Verwaltungsprozesse spielen für 31 Prozent eine wichtige Rolle, die Infrastruktur allerdings nur für 13 Prozent.
KI und Automatisierung gewinnen an Bedeutung
Neben dem Ausbau klassischer Produktionskapazitäten investieren Unternehmen zunehmend in Zukunftstechnologien. Zu den wichtigsten Investitionsfeldern zählen Maßnahmen zur Energieeffizienz beziehungsweise eigenen Energieerzeugung (59 Prozent), die Absicherung von Lieferketten (55 Prozent) sowie künstliche Intelligenz in der Produktion (46 Prozent). Auch Automatisierung und Robotik gewinnen an Bedeutung. Insgesamt investieren 43 Prozent der Unternehmen in diesen Bereich. Bei Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz steigt der Anteil sogar auf 70 Prozent.
Die zunehmende Automatisierung könnte sich auch auf die Beschäftigung auswirken. Während 30 Prozent der Unternehmen bis Mitte 2027 mit steigenden Mitarbeiterzahlen rechnen, erwarten 19 Prozent einen Personalabbau. Unter den größeren Unternehmen liegt dieser Wert bei 34 Prozent. „Das hat auch damit zu tun, dass wir bei den Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz deutlich häufiger Investitionen in künstliche Intelligenz sowie Automatisierung und Robotik sehen“, erklärt Säuberlich.
Größere Unternehmen treiben Restrukturierungen voran
Die Studie zeigt zudem einen deutlichen Unterschied zwischen kleinen und großen Industrieunternehmen bei strategischen Umbauprogrammen. Während lediglich neun Prozent der kleineren Unternehmen Restrukturierungen durchführen oder planen, liegt der Anteil bei größeren Unternehmen bei 42 Prozent. Insgesamt setzen bereits 64 Prozent der Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz mindestens eine größere Transformationsmaßnahme um oder bereiten diese vor. Dazu zählen Übernahmen, Verkäufe von Geschäftsbereichen, Kapitalumschichtungen sowie Restrukturierungsprogramme.
Für die kommenden zwölf Monate bleibt die Stimmung dennoch vorsichtig. 65 Prozent der Befragten erwarten eine stabile Geschäftslage, lediglich 26 Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Industrieunternehmen weiterhin in Deutschland investieren, ihre Wachstums- und Produktionsstrategien jedoch zunehmend international ausrichten und Investitionen noch stärker nach wirtschaftlichen Kriterien bewerten.