Volkswagen-Werk Chattanooga

Nach eher mauen Absatzzahlen arbeitet Volkswagen daran, sich stärker auf dem US-Markt zu positionieren. Zum Epizentrum der Entwicklung soll das Werk in Chattanooga werden. (Bild: Volkswagen)

VW und Amerika – das ist eine lange und zumeist auch eine leidige Geschichte. Denn seit den seligen Tagen von Käfer & Co kommen die Niedersachsen in den USA so recht auf keinen grünen Zweig und dümpeln bestenfalls im Mittelfeld der Zulassungstabelle herum. „Trotz vieler Anläufe ist es VW bislang nicht gelungen, eine starke Marktposition in den USA zu erreichen“, urteilt Autoexperte Stefan Bratzel. Dabei wäre die wichtiger denn je, sagt der Professor an der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach und Leiter des Center of Automotive Management (CAM): „Denn Volkswagen muss dringend seine Abhängigkeit von China reduzieren und dafür in den USA stärker werden.“

Weil sie das auch in Wolfsburg wissen, investiert VW in den nächsten fünf Jahren über sieben Milliarden Dollar in ein verbessertes US-Portfolio und der Vorstand schaut mal wieder etwas genauer über den großen Teich – und sieht zaghaft positive Zeichen: Im letzten Jahr haben die Niedersachsen dort 375.000 Autos verkauft und zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder Profit gemacht – wenn auch nur wegen der Sondersituation, dass die knappe Verfügbarkeit die Rabatte abgeschmolzen und die Transaktionspreise in die Höhe getrieben hat. Und die Zahlen für 2022 sind mit einem Absatzrekord für den elektrischen Hoffnungsträger ID.4 im dritten Quartal nicht minder ermutigend.

Volkswagen USA im Aufwärtstrend

Ein Grund für den verhaltenen Optimismus, der deshalb in diesen Tagen durch die US-Zentrale in Herndon bei Washington weht, ist aber auch das VW-Werk in Chattanooga. Dort soll Werksleiter Chris Glover dafür sorgen, dass der Aufwärtstrend anhält. Er und seine Vorgänger haben auch in Tennessee schon viele Höhen und Tiefen erlebt, seit die für über eine Milliarde Dollar auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik errichtete Fertigung vor elf Jahren gestartet wurde. So hat das Werk, das VW sich bislang insgesamt rund 4,3 Milliarden hat kosten lassen, Autos wie den US-Passat offenbar so weit am Markt vorbei produziert, dass er ohne Nachfolger eingestellt wurde. Aber dafür sind unter den bis heute mehr als 1,2 Millionen VW Made in Chattanooga auch viele hunderttausend Atlas aus der aufs Maximum ausgedehnten MEB-Architektur, der als solider Treffer bei der Mittelschicht gilt. Und seit es den großen Geländewagen auch noch als cooles Coupé gibt, läuft es so langsam wieder rund auf der anderen Seite des Atlantiks.

Volkswagen ID.4
Der ID.4 wird zunehmend zum Hoffnungsträger Volkswagens für den US-Markt. (Bild: Volkswagen)

Doch aktuell steht Werkleiter Glover mal wieder unter Strom – und das kann man diesmal sogar wörtlich nehmen. Schließlich hat er vor ein paar Wochen die lokale Fertigung des ID.4 gestartet und sich damit als weltweit sechstes Werk für den Modularen Elektrobaukasten in den Produktionsverbund eingereiht. „Zum ersten Mal im weltweiten VW-Produktionsnetzwerk laufen hier bei uns Modelle aus dem MEB und dem MQB gemeinsam auf einem Band durch die Lackiererei und die Endmontage“, sagt Glover stolz.

Massive Investitionen sollen Chattanooga voranbringen

Dafür hat VW in den letzten zwei Jahren rund 800 Millionen Euro investiert, hat über 70.000 Quadratmeter neue Fläche erschlossen, einen neuen Rohbau für das MEB-Auto installiert, eine eigene Batteriemontage errichtet und 450 neue Roboter in Betrieb genommen. Dazu kommt das Invest bei den Zulieferern, die mehrheitlich in den USA sitzen: Zwei Drittel aller Komponenten kommen aus Nordamerika, sagt Werksleiter Glover und zählt nicht weniger als elf US-Staaten auf, aus denen Chattanooga jetzt beliefert wird: Vom Stahl aus Alabama und Ohio über Elektronik aus Kentucky und North Carolina bis hin zur Batterie, die von SK Innovation in Georgia zur Endmontage in die neue Zellmontage nach Chattanooga geliefert wird. Allein dort in Commerce wurden 2,6 Milliarden Dollar investiert und 2.000 neue Jobs geschaffen.

Anstrengendes Recruiting für die Elektro-Offensive

Zwar hatte Werksleiter Glover beim Aus- und Umbau der Fabrik auch mit den Nebenwirkungen der Pandemie zu kämpfen. Doch als eines der größten Probleme bei der Erweiterung hat sich die Personalsuche erweisen, berichtet HR-Chef Burkhard Ulrich, der binnen zweier Jahre mehr als 1.000 neue Mitarbeiter einstellen musste. Ulrich hat deshalb nicht nur im unmittelbaren Umfeld der 180.000 Einwohner-Stadt Chattanooga gesucht, sondern ist monatelang über Jobmessen und Recruiting-Börsen im ganzen Land getingelt und hat parallel eine digitale Recruiting-Offensive in bislang unbekanntem Ausmaß gefahren. Dass Chattanooga nur wenige Wochen nach der Aufnahme der MEB-Produktion auch noch eine dritte Schicht gestartet hat, für die Ulrich nochmal mehr Mitarbeiter brauchte, hat die ihm die Arbeit dabei sicher nicht leichter gemacht.

Doch Ulrich hat offenbar den richtigen Ton getroffen. „Denn mit Prämien und Paketen haben wir rechtzeitig das richtige Personal an Bord geholt“, freut sich der Chef von jetzt rund 4.700 Werkern und ist damit freilich noch nicht am Ziel. Schließlich muss er die neuen Kollegen erst einmal durch ein insgesamt 75.000 Stunden währendes Trainingsprogramm bekommen schleusen. Auch das ist ein Grund dafür, dass sie maximale Produktionskapazität für den ID4 erst einmal auf 7.000 Autos im Monat limitiert ist.

Alle Hoffnung ruht auf dem ID.4

Wenn man Thomas Schäfer zuhört, kann man den Produktionsstart des ID4 deshalb offenbar gar nicht hoch genug hängen: „Wir fangen gerade an, ein neues Kapitel für Volkswagen in Amerika zu schreiben und es ist eine sehr amerikanische Geschichte“, so der Marken-Vorstand, „denn als wir versprachen, Volkswagen E-Fahrzeuge für Millionen von Menschen zugänglich zu machen, schlossen wir immer amerikanische Arbeiter ein, die diese E-Fahrzeuge hier in Chattanooga bauen.“

Volkswagen Werk Chattanooga
Am Standort Chattanooga kommen MEB und MQB zusammen. (Bild: Volkswagen)

Musste der elektrische Crossover bislang aus Zwickau importiert werden und war deshalb nicht nur knapp, sondern auch teuer, steigt jetzt die Verfügbarkeit für den aktuell einzigen VW aus der MEB-Auto in Amerika, während die Preise fallen. So gibt es den ID.4 nun in den USA auch mit einem 62 statt 82 kWh großen Akku und damit schon zu Preisen ab 37.495 Dollar – rund 4.000 Dollar weniger als bisher.

Das passt in eine Zeit, in der auch in den USA die Zulassungen für Elektroautos landesweit anziehen: Zwar ist selbst im grünen Kalifornien der Marktanteil der Stromer unter Neuzulassungen mit 15,7 Prozent lange nicht so hoch wie in vielen EU-Ländern und in Rest der USA sieht es noch viel trauriger aus. Doch immerhin sind die landesweit 5,7 Prozent EV-Marktanteil in den ersten drei Quartalen schon mehr als doppelt so viel als in den ersten drei Quartalen des letzten Jahres - und die große Modelloffensive rollt ja gerade erst an: In Detroit bei Ford, GM und dem amerikanischen Arm von Stellantis - und bei VW steht nach dem ID4 schließlich bereits der ID.Buzz in den Startlöchern. Außerdem bringt VW den elektrischen Passat-Nachfolger, der aktuell noch als ID Aero auf den Messen steht und weitere elektrische Geländewagen in den USA, um seinen Akku-Anteil am Verkauf bis zum Ende der Dekade auf 55 Prozent zu steigern.

Schnellladenetz soll Elektromobilität den Weg ebnen

Parallel investiert VW in die Infrastruktur: Seitdem sich die Niedersachsen im Ablasshandel für ihre Dieselsünden bei Electrify America stark machen, hat die Organisation bereits 3.500 Lader an 800 Standorten aufgestellt und sich so zum größten Netzwerk nach Tesla entwickelt - bis 2026 sollen 1.800 Standorte mit 10.000 Fastchargern stehen. Und wer dort mit einem ID.4 vorfährt, kann in den ersten drei Jahren beliebig oft für 30 Minuten kostenlos laden.

Das alles könnte sich lohnen, urteilt Automobilwirtschaftler Bratzel: „Der ID4 jetzt vor Ort produziert, der Imageträger ID.Buzz in den Startlöchern und die Ladeinfrastruktur von Electrify America im Wachstum – mit der Elektromobilität hat VWs neuer Anlauf in den USA bessere Chancen“, urteilt der Professor.

Fertigung von MEB und MQB ist komplett verzahnt

Gute zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich für die Erweiterung hat VW die MEB-Produktion komplett mit der MQB-Fertigung verzahnt, die Produktion fährt langsam hoch und die dritte Schicht läuft an. Damit sind die Niedersachsen in den USA für weiteres Wachstum gerüstet: „Wir wollen im nächsten Jahr 90.000 ID.4 produzieren“, sagt Glover und hat sogar noch Luft für mehr Autos. Denn insgesamt liegt die Kapazität bei jeweils etwa 130.000 Fahrzeugen aus dem MEB und dem MQB.

Das müssen – zumindest in der Theorie – nicht unbedingt ID.4 sein. Sondern wenn die Nachfrage nach dem ID Buzz in den USA auch nur ansatzweise so groß sein sollte wie in Europa, dann ist schon jetzt abzusehen, dass Hannover diese alleine nicht wird bedienen können. „Und es liegt ja im Wesen unserer Baukastensysteme, dass diese Autos alle in der gleichen Fabrik gebaut werden können“, bringt Werksleiter Glover seinen Standort in Stellung. Und dabei denkt er nicht allein an die 40.000 MEB-Autos pro Jahr, für die er im aktuellen Setting noch Luft hat. Sondern wie alle VW-Fabriken ist auch Chattanooga so angelegt, dass man das Werk einfach spiegeln und so den Ausstoß verdoppeln kann. „Den Platz dafür haben wir nach wie vor.“

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