Traffic on Hassan II bridge in Rabat, Morocco

Verkehr auf der Hassan-II-Brücke in Rabat, Marokko (Bild: Adobe Stock / Mounir)

Europa, Nordamerika und Australien sind weitgehend gesättigt, Asien mit China und Indien voll erschlossen und Südamerika ebenfalls seit Jahren am Wickel: Überall auf der Welt hat die Automobilindustrie einen großen Fuß in der Tür. Überall? Nicht ganz. Denn ausgerechnet Afrika, mit 1,4 Milliarden Einwohnern immerhin Heimat für etwa ein knappes Fünftel der Weltbevölkerung, hat die PS-Branche bislang vernachlässigt. Zwar gibt es eine etablierte Industrie mit zahlreichen Werken internationaler Hersteller ganz im Süden, und im Norden an der Mittelmeerküste haben ebenfalls viele Firmen Fuß gefasst. Doch in weiten Teilen ist der Kontinent für die Automobilindustrie ein weißes Blatt.

Entsprechend bescheiden sind die Zahlen, die der Afrikanische Verband der Automobilhersteller zu melden hat. So wurden auf dem gesamten Kontinent im Jahr 2021 1.131.249 Neufahrzeuge verkauft. Das sind immerhin schon fast wieder so viele wie vor der Corona-Krise, und in Ländern wie Marokko, Ägypten oder Tunesien liegen die Zahlen bereits wieder über jenen vor der Pandemie, so der Verband weiter. Trotzdem sei der Markt nach wie vor von Gebrauchten abhängig, meldet der von deutschen Industrieverbänden initiierte Africa Business Guide und viele bezeichnen den Kontinent als die Resterampe des europäischen Autohandels.

Südafrika und Marokko treiben den Export voran

Doch die Produktion auf dem Kontinent nehme kontinuierlich zu, natürlich vor allem für den Export. So haben unter andrem BMW, Mercedes und VW seit Jahrzehnten Werke in Südafrika, von denen aus sie auch andere Rechtslenker-Märkte bedienten. Und aus dem Ford-Werk in Silverton bei Johannesburg kommt jetzt auch ein Auto aus Südafrika zu uns: Denn dort bauen die Amerikaner im Joint Venture mit VW neben ihrem Pick-Up-Ranger für die Niedersachsen auch den technisch weitgehend identischen Amarok.

Der zweite Produktionsschwerpunkt ist Marokko, wo vor allem die französischen Hersteller Werke unterhalten und neben diversen Export-Dacias auch den elektrischen Kleinstwagen Citroen Ami und seinen Opel-Zwilling Rocks-e bauen. „Diese beiden Länder haben vorgemacht, wie ein attraktiver Markt für die Produktion und den Absatz von Autos entstehen kann“, sagen die Experten beim Africa Business Guide und nennen als Grundvoraussetzung eine Gesetzgebung, welche die Produktionsbedingungen für den lokalen und internationalen Markt verbessert. Das habe Vorbildcharakter: Regierungen und in Afrika ansässige Unternehmen arbeiteten bereits an solchen Reformen. „Bevölkerungsreiche Länder wie Ägypten und Nigeria, aber auch regionale Hubs wie Kenia besitzen großes Marktpotenzial.“

Volkswagen Group South Africa in Kariega
Das Werk der Volkswagen Group South Africa (VWSA) ist beheimatet in Kariega, einer Industriestadt etwa 750 km östlich von Kapstadt und ist mit fast 4.000 Beschäftigtender größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber in der Metropolregion Nelson Mandela Bay, zu der Kariega gehört. (Bild: Volkswagen)

Als Vorzeige-Beispiel gilt den Experten aktuell aber Ghana: Dort hat VW vor zwei Jahren in Accra ein Montage-Werk eröffnet und mittlerweile montieren in dem Land auch Toyota, Nissan und Peugeot. Das zieht Zulieferer sowie weitere Hersteller an und schürt bei der Regierung die Hoffnung, dass Ghana zu einem Automobil-Hub in Westafrika werden könnte. An internationaler Aufmerksamkeit mangelt es dabei nicht.

Habeck will wirtschaftliche Beziehungen intensivieren

Nicht erst, seit der erklärte Afrika-Fan Thomas Schäfer zum VW-Markenchef befördert wurde, liegt die Region verstärkt im Fokus der Automobilbranche. Zahlreiche Initiativen von Regierungsseite und Branchenverbänden wie dem VDA oder dem BDI versuchen, den Markt zu erschließen, dort neue Kunden oder Kollegen zu gewinnen und zugleich ein zartes Gegengewicht zum alles dominierten China-Geschäft aufzubauen. „Afrika ist heute ein Muss für deutsche Unternehmen - und nicht mehr nur ein Chancenkontinent", heißt es etwa in einem Positionspapier des BDI.

Es gehe darum, die Abhängigkeit von China zu verringern und das Potenzial Afrikas als Rohstofflieferant etwa für Metalle, seltene Erden oder grünen Wasserstoff und auch als Absatzmarkt zu nutzen, so der Industrieverband. Zudem hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck beim ersten Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsgipfel in Johannesburg einen Neustart mit Afrika versprochen und angekündigt, die Wirtschaftsbeziehungen deutlich auszubauen.

Das sollte sich lohnen, sagt der globale Marktbeobachter Mordor aus Hyderabad: Obwohl die Afrikaner ein knappes Fünftel der Weltbevölkerung ausmachen, stehen sie nur für ein Prozent der weltweiten Autokäufe. Verglichen mit den 30 Prozent Absatzanteil für China, 22 Prozent für Europa und 17 Prozent für Nordamerika zeige das ein gewaltiges Potenzial. „Vor allem wegen des stetig steigenden verfügbaren Einkommens und einer wachsenden Mittelklasse in vielen afrikanischen Ländern ist der Kontinent für viele Hersteller die letzte große Herausforderung in der Autowelt“, melden die indischen Analysten und raten dringend dazu, diesen Markt zu erschließen.

Sonnige Aussichten für die E-Mobilität

Dass es bislang noch nicht dazu gekommen ist, begründet Berylls-Partner Axel Koch neben allen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen auch mit technischen Aspekten: „Die Automobilwirtschaft in Afrika hat historisch unter anderem auch aufgrund der Treibstoffqualität ihr Potential nicht so schnell entwickeln können, da moderne Motoren mit der niedrigeren Qualität oft nicht gut zurechtkommen,“ sagt der Strategieberater aus München.

Doch sieht Koch eine mögliche Lösung in der Mobilitätswende: „Mit Elektromobilität lässt sich das Problem umgehen. Schließlich laufen E-Motoren natürlich mit jeder Art von Strom und gerade dank der vielen Sonnenstunden lässt sich in Afrika etwa mit Solartechnik viel Strom erzeugen.“ Dass die Vorstellung, ausgerechnet Schwellen- und Entwicklungsländern könnten zum Vorreiter grüner Mobilität werden, auf den ersten Blick ein wenig irritiert, lässt der Berylls-Mann nicht gelten und verweist auf eine Parallele in einer anderen Industrie: „Es könnte mit der Elektromobilität in Afrika ähnlich verlaufen wie damals bei der Telefonie: Weil es früher in Afrika kaum Festnetzverbindungen gab, verlief der Durchbruch der Mobiltelefonie umso schneller.“

Zwar sind sich fast alle Analysten darin einig, dass Afrika der Branche ein riesiges Potenzial biete. Schließlich gibt es in Afrika zahlreiche Volkswirtschaften mit überproportionalem Wachstum, meldet etwa die Subsahara-Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft. Doch wissen die Experten auch um die gravierenden Probleme, die es neben Naturkatastrophen und Hungersnöten auf dem Kontinent gibt.

Nicht umsonst klagen die BDI-Mitglieder in einer Unternehmensumfrage vor allem über Korruption, politische Instabilität, internationale Konkurrenz, bürokratische Hürden, mangelnde Infrastruktur, Verlässlichkeit lokaler Partner sowie einen Mangel an qualifizierten Fachkräften. „Die Verbesserung der wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen bleibt einer der wichtigsten Entscheidungsfaktoren für oder gegen ein (verstärktes) wirtschaftliches Engagement deutscher Unternehmen in Afrika“, heißt es deshalb im Positionspapier des Industrieverbandes.

Bessere Bedingungen für Afrikas Automobilmarkt

Doch es gibt Hoffnung, sagt Berylls-Experte Koch: Zumindest für bessere Rahmenbedingungen könnte das geplante Afrikanische Freihandelsabkommen sorgen, das einen einheitlichen Rechts- und Steuerraum für die Autobranche schaffen würde. Und vor allem mehr Wachstum. So rechnet die Weltbank damit, dass ein solches Abkommen das Brutto-Inlandsprodukt der beteiligten Staaten bis 2035 auf 450 Milliarden Dollar steigern und 100 Millionen Menschen aus der Armut führen könnte.

„Afrika wäre für die Autoindustrie ein spannender Kontinent, wenn Wirtschaftswachstum und Industrialisierung stattfinden würden“, sagt CAR-Chef Ferdinand Dudenhöffer. „Aber das ist ja leider nicht der Fall.“ Allerdings sieht der Leiter des Duisburger Forschungsinstituts durchaus einen Hoffnungsschimmer und blickt dafür nach Osten: „Die Chinesen mit ihrer Neuen Seidenstraße könnten neue Impulse bringen und damit das überfällige Wirtschaftswachstum anstoßen,“ ist der Experte überzeugt. „Und dann zieht auch der Automarkt an.“ Profitieren werden dann allerdings weniger die westlichen Konzerne, sondern eine andere Gruppe, die längst mit den Hufen scharrt und ihre Fühler nach Afrika ausgestreckt hat: „Denn wenn China das Wachstum anstößt, dann haben natürlich auch die chinesischen Autobauer die besten Karten.“

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