Israelischer Investor plant Rüstungsstandort

Volkswagen will das Werk Osnabrück verkaufen

Für das VW-Werk Osnabrück zeichnet sich eine Zukunft jenseits des Automobilbaus ab. Das Land Niedersachsen und der israelische Investor Aurelius wollen den Standort übernehmen und zu einem Zentrum für Verteidigungslösungen entwickeln.

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Oliver Blume (Vorstandsvorsitzender Volkswagen AG), Olaf Lies (Ministerpräsident Niedersachsen) und Jacob Tomer (Co-Founder and Partner of Aurelius Capital) stehen zusammen im Werk der Volkswagen Osnabrück GmbH am 07.09.2026 in Osnabrück. Foto: Friso Gentsch/Volkswagen
v.l.: VW-Boss Oliver Blume, Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies und Aurelius-Gründer Jacob Tomer besiegeln die Zukunft des Werks Osnabrück.

Für den Volkswagen-Standort Osnabrück zeichnet sich eine grundlegende Neuausrichtung ab, über die bereits seit längerem spekuliert wurde. Der Wolfsburger Konzern hat sich mit dem Land Niedersachsen und der israelischen Investmentgesellschaft Aurelius Capital auf Eckpunkte für einen möglichen Verkauf des Werks verständigt. Ziel sei es, das Werk langfristig zu sichern und schrittweise zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen auszubauen, heißt es in einer Mitteilung. VW-Betriebsratschefin Cavallo hatte Rüstung bereits im März als Option bezeichnet.

Damit konkretisiert Volkswagen erstmals die Zukunftsperspektive für einen deutschen Produktionsstandort, dessen Fahrzeugfertigung bereits zur Disposition stand. Das Unternehmen hatte 2024 beschlossen, die Automobilproduktion in Osnabrück im Sommer 2027 auslaufen zu lassen.

Neuer Eigentümer, neues Geschäftsfeld

Im VW-Werk Osnabrück wird aktuell noch der T-Roc als Cabriolet gebaut.
Im VW-Werk Osnabrück wird aktuell noch der T-Roc als Cabriolet gebaut.

Nach den nun vorgestellten Plänen soll Aurelius Capital die Mehrheit an der Volkswagen Osnabrück GmbH übernehmen. Gemeinsam mit dem Land Niedersachsen wollen die Partner neue industrielle Aktivitäten am Standort etablieren. Als erstes Ankerprojekt ist eine Zusammenarbeit mit der israelischen Rüstungsfirma Rafael Advanced Defense Systems vorgesehen. Geprüft wird die Fertigung von Systemen und Komponenten für Luftverteidigungslösungen für Deutschland und Europa.

Rafael-Chef Joav Tourgeman teilte mit: „Heute bauen wir eine langfristige industrielle Partnerschaft mit unseren deutschen Partnern auf mit dem Ziel, dass die Technologie vollständig in Deutschland produziert wird, um Deutschland und Europa zu schützen.“

Volkswagen will den Übergang begleiten und seine Produktions- und Industrialisierungskompetenz einbringen. Die bestehende Infrastruktur sowie das Knowhow der Beschäftigten sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. „Volkswagen steht zu seiner Verantwortung für Osnabrück. Mit der heutigen Vereinbarung gehen wir einen wichtigen Schritt, um dem Standort eine neue industrielle Zukunft zu eröffnen“, sagte Konzernchef Oliver Blume.

Nächster Schritt im VW-Umbau

Die Osnabrück-Lösung fällt in eine Phase tiefgreifender Umstrukturierungen im Volkswagen-Konzern. Erst vor wenigen Tagen hatte der Aufsichtsrat den Zukunftsplan 2030 gebilligt. Dieser sieht unter anderem den Abbau von Überkapazitäten im europäischen Produktionsverbund, eine Reduzierung des Modellangebots sowie einen umfangreichen Stellenabbau vor. Gleichzeitig bleibt die Zukunft mehrerer deutscher Werke, darunter Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm, weiterhin offen.

Vor diesem Hintergrund könnte Osnabrück als Beispiel dafür dienen, wie industrielle Nachnutzungskonzepte für Standorte mit auslaufender Fahrzeugproduktion aussehen können. Anders als bei den derzeit diskutierten Alternativszenarien an anderen VW-Standorten liegt in der Causa Osnabrück jedoch bereits ein konkreter Investoren- und Industrieansatz vor.

Perspektive für 1.200 Beschäftigte

Nach Angaben der Arbeitnehmerseite bietet das Konzept zunächst Perspektiven für einen Großteil der Belegschaft. Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo erklärte: „Mehr als 1.200 Menschen erhalten eine Perspektive an ihrem Standort.“ Zugleich werde weiter an Lösungen gearbeitet, um langfristig für die gesamte Stammbelegschaft Beschäftigungsperspektiven zu schaffen.

Auch Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies sieht im Projekt eine industriepolitische Chance. Angesichts veränderter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen müssten Deutschland und Europa ihre Fähigkeiten stärken. Osnabrück könne dabei „eine wichtige Rolle übernehmen“, sagte Lies.

Noch ist der Verkauf nicht vollzogen. Die Vereinbarung bildet zunächst die Grundlage für weitere Verhandlungen über Eigentümerstruktur, Organisation und wirtschaftliche Ausgestaltung. Der mögliche Übergang der Volkswagen Osnabrück GmbH steht unter dem Vorbehalt weiterer Verträge, Gremienbeschlüsse und behördlicher Genehmigungen.

Was steckt hinter Rafael?

Die Firma Rafael produziert auch das System „Iron Beam“, eine Laserwaffe gegen Ziele in der Luft. Es liefert außerdem das aktive Schutzsystem Trophy, das anfliegende Raketen und Panzerfäuste zerstören kann und auf dem deutschen Kampfpanzer Leopard verbaut ist. Das Unternehmen geht zurück auf eine 1948 gegründete Forschungseinrichtung des israelischen Militärs.

VW hat Werk von Karmann übernommen

Das Volkswagen-Werk in Osnabrück ist aus dem traditionsreichen Karosserie- und Auftragsfertiger Karmann hervorgegangen. Das Unternehmen baute seit 1949 das Käfer-Cabrio und fertigte später im Auftrag verschiedener Hersteller Nischenmodelle, vor allem Cabrios und Sportcoupés. Zu den Kunden zählten neben Volkswagen unter anderem BMW, Renault, Jaguar, Kia und Mercedes-Benz. Weltweit bekannt wurde Karmann mit dem Karmann Ghia.

Im Krisenjahr 2009 rutschte Karmann in die Insolvenz. Volkswagen übernahm anschließend große Teile des Werks. Eine wichtige Rolle spielte dabei Christian Wulff. Damals saß der CDU-Politiker als niedersächsischer Ministerpräsident im VW-Aufsichtsrat. In dieser Funktion machte sich Wulff, dessen Wahlkreis in Osnabrück lag, dafür stark, dass VW sich in der Stadt engagierte und große Teile des Standorts übernahm.

Auto-Produktion läuft aus

Der Autohersteller führte den Standort als kleines Mehrmarken-Werk weiter - spezialisiert auf Klein- und Kleinstserien sowie auf Überlaufproduktionen aus anderen Konzern-Fabriken. Doch zuletzt blickten die dortigen Beschäftigten in eine ungewisse Zukunft: Die Produktion der in Osnabrück gefertigten Porsche-Modelle ist bereits Ende 2025 ausgelaufen. Außerdem sagten die Stuttgarter einen erhofften Folgeauftrag für einen E-Sportwagen. Aktuell wird in Osnabrück nur noch das T-Roc Cabrio gebaut. Eine Nutzung des Standorts außerhalb der klassischen Pkw-Produktion ist daher schon länger im Gespräch.

Mit Material der dpa.