Zukunft der Werke weiter offen

Aufsichtsrat winkt Sanierungsplan des VW-Vorstands durch

Der Volkswagen-Konzern will in den kommenden Jahren weitere 50.000 Stellen streichen, die Zahl seiner Modelle verringern sowie weniger Firmenbeteiligungen halten. Vier Werke stehen weiter auf der Kippe.

4 min
Die VW-Führung will die Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Belegschaft, Gewerkschaften und Politik bangen um Zehntausende Arbeitsplätze und die Standorte Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm.
Der Volkswagen-Konzern steht vor einem einschneidenden Umbau

Der erwartete Showdown im Volkswagen-Aufsichtsrat ist ausgeblieben. Nach wochenlangen Auseinandersetzungen stimmte das Gremium am Donnerstagabend weiten Teilen des Zukunftsplans 2030 einstimmig zu. Für die deutschen Werke ist das Ergebnis weder Rettung noch endgültiges Aus. Eine Schließung der Standorte Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm wurde nicht beschlossen. Neue Modelle oder verbindliche Produktionsvolumina für die Zeit nach dem Auslaufen der heutigen Baureihen erhielten die Fabriken allerdings ebenfalls nicht.

Die zentralen Standortentscheidungen sind damit zunächst vertagt. Bis Ende Juni 2027 soll Volkswagen ein Konzept für eine langfristig wettbewerbsfähige Produktionsstruktur in Europa erarbeiten.

Keine Schließung, aber auch keine Folgebelegung

Volkswagen beziffert die Überkapazitäten seines europäischen Produktionsverbunds auf rund 500.000 Fahrzeuge. Gleichzeitig könne für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm derzeit keine wettbewerbsfähige Folgebelegung garantiert werden. Die kritischen Zeitpunkte beginnen je nach Standort zwischen 2031 und 2034.

Für die vier Werke will der Konzern neben möglichen neuen Produktionsprogrammen auch alternative Verwendungen prüfen. Was darunter konkret zu verstehen ist und welchen Umfang solche Lösungen erreichen könnten, ließ Volkswagen zunächst offen.

IG Metall und Konzernbetriebsrat verbuchen den Beschluss dennoch als Erfolg. Aus ihrer Sicht ist keines der Werke aufgegeben und keine Werksschließung besiegelt. Auch eine Ausgliederung der Kernmarke Volkswagen Pkw und der Komponentensparte sei vom Tisch. Konzernbetriebsratschefin Daniela Cavallo stellte zugleich klar, dass der Umbau nicht einseitig zulasten der Beschäftigten gehen dürfe.

Die Formulierung des Zukunftsplans lässt den Standorten damit eine Chance, aber keine Bestandsgarantie. Entscheidend wird sein, ob Volkswagen ihnen bis Mitte 2027 wirtschaftlich tragfähige Produkte oder Aufgaben zuweisen kann.

Was aus den konkreten Auslaufplänen wird

Noch zwei Tage vor dem Beschluss hatte zuerst die Wirtschaftswoche über wesentlich konkretere Planungen berichtet. Demnach sollte die Fahrzeugproduktion in Emden und Zwickau 2031 enden, in Hannover 2032 und in Neckarsulm 2034.

Mit dem vorgesehenen Auslaufen waren konkrete Verschiebungen von Nachfolgemodellen verbunden. Der Nachfolger des ID.4 sollte von Emden nach Mladá Boleslav wechseln, der Nachfolger des Audi Q4 e-tron von Zwickau nach Bratislava. Für die neue Elektro-Transporterfamilie B-Space war Poznań anstelle von Hannover vorgesehen. Der Nachfolger des Audi A8 sollte nicht mehr in Neckarsulm, sondern in Leipzig gebaut werden.

Diese Modellzuordnungen tauchen in den nun veröffentlichten Eckpunkten des Zukunftsplans nicht mehr auf. Auch ein festes Ende der Fahrzeugproduktion an den vier Standorten wird nicht bestätigt. Stattdessen spricht Volkswagen davon, dass eine wettbewerbsfähige Folgebelegung „aktuell“ nicht gewährleistet werden könne.

Damit ist der zuvor bekannt gewordene Auslauffahrplan nicht beschlossen. Vollständig verworfen ist er allerdings ebenfalls nicht. Die Zeitspanne von 2031 bis 2034 findet sich auch in der Einigung des Aufsichtsrats wieder. Offen bleibt, ob die konkreten Modellverlagerungen intern weiterverfolgt werden oder ob Volkswagen nun andere Szenarien entwickelt.

Zudem muss zwischen einem Ende der Fahrzeugproduktion und der vollständigen Schließung eines Standorts unterschieden werden. Auch bei auslaufenden Fahrzeugbaureihen könnten einzelne Bereiche, neue Geschäftsfelder oder andere industrielle Aufgaben erhalten bleiben. Genau solche Möglichkeiten sollen nun ergänzend untersucht werden.

Alternative Aufgaben allein lösen das Problem nicht

Wie eine alternative Nutzung aussehen könnte, zeigt bereits Zwickau. Volkswagen baut dort ein Geschäftsfeld für die Kreislaufwirtschaft auf. Ab 2030 sollen jährlich bis zu 15.000 Gebrauchtfahrzeuge zerlegt oder wiederaufbereitet werden. Damit könnten perspektivisch rund 1.000 Arbeitsplätze verbunden sein.

Gemessen an der heutigen Fahrzeugproduktion wäre das jedoch nur ein Teilersatz. Das Zwickauer Werk ist für bis zu 360.000 Autos im Jahr ausgelegt. Zu Spitzenzeiten beschäftigte der Standort etwa 11.000 Menschen, zuletzt waren es noch rund 8.000. Eine der beiden verbliebenen Fertigungslinien soll 2027 stillgelegt werden.

Auch in Emden wäre eine alternative Verwendung kein einfacher Ersatz für die bestehende Automobilproduktion. Volkswagen hat das Werk erst in den vergangenen Jahren für mehr als eine Milliarde Euro zum reinen Elektrostandort umgebaut. Dort entstehen ID.4, ID.7 und ID.7 Tourer. Rund 7.700 Menschen arbeiten am Standort.

Für Hannover und Neckarsulm stellt sich dieselbe Grundfrage: Können alternative Geschäftsfelder annähernd die Beschäftigung und Wertschöpfung einer Fahrzeugproduktion erreichen? Solange Volkswagen keine konkreten Nutzungskonzepte und Größenordnungen nennt, bleibt offen, ob es sich um eine industrielle Zukunftsperspektive oder lediglich um eine teilweise Nachnutzung handelt.

Weniger Modelle verschärfen den Wettbewerb der Werke

Die Suche nach einer Folgebelegung wird zusätzlich dadurch erschwert, dass Volkswagen sein Produktprogramm deutlich verkleinern will. Bis 2035 soll die Zahl der Modelle um rund 50 Prozent sinken. Die Komplexität des Angebots will der Konzern sogar um etwa 75 Prozent reduzieren.

Aus Produktionssicht bedeutet das weniger Baureihen, Varianten und Anläufe, die auf die vorhandenen Fabriken verteilt werden können. Gleichzeitig sollen höhere Stückzahlen je Modell, stärker vereinheitlichte Plattformen und einfachere Produktionsstrukturen die Kosten senken.

Volkswagen hatte bereits im Juni angekündigt, seinen Produktionsverbund stärker an den tatsächlichen Marktvolumina auszurichten. Werke sollen regionaler, wirtschaftlicher und effizienter zusammenarbeiten. Der Abbau von Überkapazitäten gehört dabei ausdrücklich zu den zentralen Handlungsfeldern.

Für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm wächst dadurch der Druck. Die Werke konkurrieren nicht nur untereinander um neue Produkte, sondern auch mit europäischen Konzernstandorten außerhalb Deutschlands. Je stärker Volkswagen seine Modellpalette bündelt, desto weniger Folgeprojekte stehen insgesamt zur Verfügung.

geplante produktionsausläufe im vw-konzern

Stellenabbau bleibt erklärungsbedürftig

Neben dem Produktionsnetz soll auch die Belegschaft weiter an die wirtschaftliche Lage angepasst werden. Im Zusammenhang mit dem Zukunftsplan ist von rund 50.000 Stellen die Rede. Gleichzeitig kündigte Volkswagen über die bestehenden Programme hinaus weitere grundlegende Anpassungen der weltweiten Personalkapazitäten an.

Wie sich diese Angaben zueinander verhalten, geht aus den vorliegenden Informationen nicht eindeutig hervor. Bereits im Juni wurden für Volkswagen, Audi, Porsche und die Softwaretochter Cariad insgesamt rund 50.000 Stellenstreichungen vereinbart. Davon entfallen 35.000 auf die Volkswagen AG. Zu diesem Zeitpunkt waren nach Konzernangaben bereits mehr als 28.000 Austritte bis 2030 verbindlich vereinbart.

Offen bleibt daher, ob der Zukunftsplan im Wesentlichen die bekannten Programme zusammenfasst oder ob darüber hinaus ein zusätzlicher Stellenabbau vorgesehen ist. Für die Beschäftigten der vier gefährdeten Werke hängt die Antwort vor allem davon ab, welche Produkt- und Nutzungskonzepte der Vorstand in den kommenden Monaten vorlegt.

Bis Juni 2027 muss aus dem Kompromiss ein Produktionsplan werden

Die Einigung verhindert zwar zunächst eine weitere Eskalation zwischen Vorstand, Arbeitnehmerseite und dem Land Niedersachsen. Sie löst aber noch keines der industriellen Probleme, die den Konflikt ausgelöst haben.

Volkswagen muss nun zeigen, wie sich 500.000 Einheiten Überkapazität abbauen lassen, ohne die vier Standorte aufzugeben. Dabei reicht es nicht, allgemeine Kostenziele oder alternative Verwendungsmöglichkeiten zu benennen. Für jedes Werk werden konkrete Produkte, Produktionsvolumina, Investitionen und Beschäftigungsperspektiven benötigt.

Der Aufsichtsrat hat Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm Zeit verschafft. Sicherheit entsteht daraus erst, wenn Volkswagen diese Zeit in belastbare Standortpläne übersetzt. Bis Ende Juni 2027 muss aus dem politischen Kompromiss deshalb ein industrielles Konzept werden.