BMW rüstet Steyr für den Serienstart des iX5 Hydrogen. Auf einer ehemaligen V8-Fläche entsteht die Brennstoffzellenfertigung – integriert in eine Produktion für fünf Antriebsvarianten.
Andrea Hoffmann-ToppAndreaHoffmann-ToppHead of Content Strategy Automotive & Industry
4 min
Hohes Tempo vor dem Serienstart 2028: Industrialisierung und Prototypentests der dritten Brennstoffzellen-Generation laufen bei BMW parallel.BMW Group
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Wo bislang V8-Ottomotoren montiert wurden, wird künftig das Brennstoffzellensystem für den BMW iX5 Hydrogen entstehen. Im österreichischen Steyr bereitet der Autobauer die ab 2028 geplante Serienfertigung der dritten Generation seines Wasserstoffantriebs vor. Prüfstände sind aufgebaut, Produktionsanlagen werden angepasst, die künftigen Fertigungsprozesse entwickelt. Parallel – und das ist ein neues Tempo – läuft die nächste Prototypenphase auf Hochtouren.
Für den Produktionsstandort Steyr fällt der Technologiesprung weniger disruptiv aus, als die Abfolge von V8-Motor und Brennstoffzelle zunächst vermuten lässt. Das Werk verfügt bereits heute über eine breit diversifizierte Antriebsproduktion: Benzin-, Diesel- und Elektromotoren werden dort parallel gefertigt. Rund 4.700 Beschäftigte produzieren jährlich mehr als 1,2 Millionen Antriebe. Seit Sommer 2025 ergänzt die Serienfertigung elektrischer Antriebe das bestehende Produktionsportfolio. Mit der Brennstoffzelle kommt nun eine weitere Antriebstechnologie hinzu – und erweitert die technologische Bandbreite des Standorts erneut.
Die aktuelle Erprobung zeigt, wie erfolgreich Brennstoffzellensystem, Hochvoltbatterie und elektrischer Antrieb bereits zusammenspielen und wie konsequent wir die Technologie in Richtung Serie entwickeln.
Josef Hochreiter, BMW Group
Von der Entwicklung in den Serientakt
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Kommt groß daher: die dritte Generation des X5 Hydrogen, präsentiert von Josef Hochreiter.Ness Rubey
BMW befindet sich beim Brennstoffzellensystem inzwischen in einer Phase, in der nicht mehr allein Funktion und Leistung zählen. Prüfmethoden müssen für die Serie festgelegt, Prozesse stabilisiert und die Systeme unter unterschiedlichen Betriebsbedingungen abgesichert werden.
Die Teams in Steyr übernehmen dazu Verfahren aus dem Wasserstoff-Kompetenzzentrum in München und passen sie an die Anforderungen einer industriellen Fertigung an. Parallel werden Mitarbeiter für die neuen Produktionsabläufe qualifiziert. BMW setzt dabei bewusst auf die Nähe von Entwicklung und Produktion, die am Standort bereits bei Diesel- und Elektroantrieben genutzt wird. Dazu Josef Hochreiter, Leiter Wasserstofffahrzeuge der BMW Group: „Die aktuelle Erprobung zeigt, wie erfolgreich Brennstoffzellensystem, Hochvoltbatterie und elektrischer Antrieb bereits zusammenspielen und wie konsequent wir die Technologie in Richtung Serie entwickeln.“
Im Werk Steyr fließen Prüfmethoden und Prozesse aus dem Kompetenzzentrum Wassersstoff in München ein.BMW Group
Fünf Antriebe erhöhen den Druck auf die Produktion
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Beim neuen X5 wird diese Flexibilität besonders gefordert. BMW plant innerhalb einer Modellreihe fünf Antriebsvarianten: Benzin, Diesel, Plug-in-Hybrid, Batterieelektrik und Brennstoffzelle. Was für den Kunden zu einer großen Auswahl führt, bedeutet im Werk, zusätzliche Varianten, Teile, Prüfprozesse und Lieferketten zu beherrschen.
BMW versucht deshalb, die Unterschiede bereits über die Fahrzeugarchitektur einzugrenzen. Einheitliche geometrische Vorgaben für Energiespeicher und Antriebskomponenten sollen es ermöglichen, verschiedene Antriebe innerhalb derselben Produktionsstruktur abzubilden. Ziel ist es, Komplexität und Produktionskosten zu reduzieren, was die Fertigung leichter skalierbar macht.
Die besondere Stärke unseres Standorts liegt im direkten Zusammenspiel von Entwicklung
und Produktion. Dieses Erfolgsrezept hat Steyr über Jahrzehnte geprägt und macht uns heute
auch zu einem starken Kompetenzzentrum für neue Antriebstechnologien.
Helmut Hochsteiner, Leiter E-Antriebsproduktion im BMW-Werk Steyr
Diese Strategie ist für den Wasserstoff-X5 entscheidend. Denn anders als bei einem Volumenmodell lässt sich die spätere Nachfrage nach der Brennstoffzellenvariante derzeit nur schwer abschätzen. Je mehr eigene Anlagen und Prozesse ein solcher Antrieb benötigt, desto höher liegt die Stückzahl, ab der sich die Investition rechnet. Die industrielle Rechnung lautet daher, dass BMW sein Brennstoffzellensystem möglichst günstig und mit wenig zusätzlicher Produktionsstruktur baut.
Wie konsequent BMW diesen Ansatz verfolgt, zeigt der Wasserstoffspeicher. Statt das Fahrzeug um einige große Druckbehälter herum zu konstruieren, setzt BMW auf einen flachen Speicher aus sieben miteinander verbundenen und parallel geschalteten 700-bar-Hochdrucktanks aus kohlenstofffaserverstärktem Verbundmaterial. Sie sitzen in einem Metallrahmen und werden über ein zentrales Hauptventil gesteuert.
Das System soll mindestens sieben Kilogramm Wasserstoff aufnehmen können. Produktionsseitig ist vor allem der Bauraum interessant. Der Flachspeicher nutzt eine Geometrie, die auch mit BMWs neuer Gen6-Hochvoltbatterie kompatibel ist. Das schafft nicht nur die Voraussetzung, die Wasserstoffversion auf derselben Produktionslinie wie andere X5-Antriebe zu fertigen, sondern sorgt auch für mehr Platz im Innenraum.
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Der neue Flachspeicher.BMW Group
BMW Entwicklungsvorstand Joachim Post nennt das Konzept „Bauraum-Tetris“. Hinter seiner anschaulichen Formulierung steckt ein ernstes Produktionsthema: Je früher eine Antriebsvariante eine eigene Fahrzeugstruktur verlangt, desto teurer wird ihre Industrialisierung. Beim iX5 Hydrogen versucht BMW deshalb, die Abweichung möglichst auf die antriebsspezifischen Komponenten zu begrenzen.
Bis zu 750 Kilometer, unter fünf Minuten Tankzeit
Auch die Produktziele stehen inzwischen fest: Der neue Speicher soll eine Reichweite von bis zu 750 Kilometern ermöglichen, vollgetankt in weniger als fünf Minuten. Noch handelt es sich allerdings um ein Entwicklungsfahrzeug; verbindliche WLTP-Verbrauchswerte liegen nicht vor.
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Für BMW soll Wasserstoff dabei keine Alternative für jeden batterieelektrischen Kunden darstellen. Wasserstoffexperte Jürgen Guldner beschrieb die Zielgruppe bereits 2025 gegenüber AUTOMOBIL PRODUKTION: „Es gibt Kundinnen und Kunden, für die batterieelektrische Mobilität nicht praktikabel ist – etwa wegen langer Strecken, Ladeinfrastruktur oder dem Nutzungsverhalten.“
Diese Position ist für die Produktionsplanung nicht unwichtig. Muss die Brennstoffzelle keinen Massenmarkt bedienen, rückt die wirtschaftliche Fertigung kleinerer Stückzahlen stärker in den Vordergrund. Flexible Produktion bedeutet dann nicht, beliebig viele Varianten bauen zu können. Sie muss dafür sorgen, dass auch eine Nischenvariante nicht von hohen Fixkosten aufgefressen wird.
BMW suchte auf der Ars Electronica 2026 in Linz den Dialog mit Besuchern, um die gesellschaftliche Akzeptanz von Wasserstoff als Antriebstechnologie zu stärken.Ness Rubey
Der Markt entscheidet über die Auslastung
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Wie groß diese Nische werden kann, bleibt offen. In einer Autostudie nannten 2026 nur ein Prozent von 933 potenziellen Autokäufern Wasserstoff als bevorzugten Antrieb ihres nächsten Autos. Batterieelektrische Fahrzeuge kamen auf 21 Prozent. Solche Befragungen sind natürlich keine verbindliche Absatzprognose. Sie verdeutlichen aber, unter welchen Vorzeichen BMW mit der Industrialisierung beginnt.
Eine eigene Fabrik für ein solches Volumen wäre schwer zu begründen. Eine zusätzliche Variante in einer ohnehin produzierten Baureihe kann anders kalkuliert werden – sofern Fahrzeugarchitektur und Fertigung genügend Gemeinsamkeiten zulassen.
Auch für Zulieferer verändert das die Anforderungen. Brennstoffzellensysteme benötigen unter anderem Kühlung, Ventile, Sensorik, Luftversorgung und Leistungselektronik. Das Tanksystem eröffnet zusätzliche Aufgaben bei Verbundwerkstoffen und Hochdrucktechnik. Doch Investitionen müssen sich zunächst mit überschaubaren Volumina tragen. Die Fähigkeit, klein anzufangen und Kapazität später auszubauen, wird damit wichtiger als eine möglichst große Anfangskapazität.
Wasserstoff-Kompass 2026
Deutschland: kleine, zuletzt schrumpfende Fahrzeugflotte.Zum 1. Januar 2026 waren laut Kraftfahrt-Bundesamt 1.575 Brennstoffzellen-Pkw zugelassen – 12,6 % weniger als ein Jahr zuvor. Zum Vergleich: Der Bestand batterieelektrischer Pkw erreichte rund 2,03 Millionen Fahrzeuge, ein Plus von 23,2 %. Diese Zahlen beschreiben den Fahrzeugbestand, nicht die jährlichen Neuzulassungen.
Europa: bislang kein breiter Absatzhochlauf. Die europäische Marktübersicht des European Alternative Fuels Observatory vom März 2026 zeigt: Die Verkäufe von Brennstoffzellen-Pkw lagen 2025 mehr als 70 Prozent unter dem Höchststand von 2022. Die Auswertung nennt unter anderem den anstehenden Generationswechsel beim Hyundai NEXO als Erklärung für das niedrige Absatzniveau 2025.
Hersteller: neue Modelle und Vorbereitung der Serienproduktion. Hyundai startete den Verkauf der neuen NEXO-Generation in Deutschland im Januar 2026. BMW plant den iX5 Hydrogen für 2028 als erstes eigenes Wasserstoff-Serienmodell. Im September 2026 berichtete BMW über laufende Prototypentests und die Vorbereitung der Brennstoffzellensystem-Produktion in Steyr. Diese Schritte belegen die technische Weiterentwicklung, aber noch keine breite Marktdurchdringung.
Tankstellen: Umbau statt flächendeckender Pkw-Expansion. H2 MOBILITY schloss 2025 ältere, vor allem für Pkw ausgelegte Tankstellen und richtet Investitionen stärker auf Busse und Nutzfahrzeuge aus. Als Grund nennt der Betreiber unter anderem einen hinter den Erwartungen gebliebenen Pkw-Markt. Neue leistungsfähige Kombistationen können weiterhin auch Pkw versorgen.
Studie: Europas Wasserstoffwachstum nicht mit Pkw-Wachstum gleichsetzen. Der Global Hydrogen Compass 2026 beschreibt, dass erneuerbarer Wasserstoff zur Erfüllung europäischer Verkehrsquoten zunächst vielfach in Raffinerien zur Kraftstoffherstellung eingesetzt wird. Diese Nachfrage ist vom direkten Wasserstoffeinsatz in Brennstoffzellen-Pkw zu unterscheiden; sie belegt keinen entsprechenden Absatzanstieg bei Wasserstoffautos.
Quelle: Branchenbericht des Hydrogen Council in Zusammenarbeit mit McKinsey & Company, September 2026.
Die Fabrik löst nicht das Infrastrukturproblem
Selbst eine kostengünstige Produktion beantwortet allerdings nur einen Teil der Wasserstofffrage. Das Fahrzeug braucht eine verlässliche Versorgung. Am Flughafen Memmingen ist seit April 2026 eine Wasserstofftankstelle in Betrieb. Perspektivisch soll dort ein Fünf-Megawatt-Elektrolyseur grünen Wasserstoff erzeugen. Der Standort verbindet damit Mobilität, Logistik und Energieversorgung. Solche regionalen Cluster könnten beim Hochlauf eine größere Rolle spielen als ein sofort flächendeckendes Pkw-Tankstellennetz. Wo Flotten und weitere industrielle Verbraucher Nachfrage bündeln, lässt sich Infrastruktur leichter auslasten.
BMW setzt ab 2028 auf Wasserstoffantrieb mit der dritten Generation.Fabian Kirchbauer
Für einen privaten Pkw-Kunden bleiben Reichweite und kurze Tankzeit jedoch nur dann ein Vorteil, wenn eine Tankstelle zuverlässig erreichbar ist. Hinzu kommt die Effizienz der Energiekette. Das Umweltbundesamt veranschlagt für einen Brennstoffzellen-Pkw mit grünem Wasserstoff einen zwei- bis dreimal höheren Strombedarf je Kilometer als bei einem vergleichbaren batterieelektrischen Fahrzeug. BMW muss deshalb nicht allein die Fertigung beherrschen. Der iX5 Hydrogen braucht Nutzungsfälle, in denen Reichweite, Tankgeschwindigkeit und Flexibilität den höheren Energiebedarf rechtfertigen.
Steyr wird zum Testfall für flexible Antriebsproduktion
Der Umbau im Produktionsbereich läuft: Das Werk setzt auf adaptive Hightech-Fertigung.Jonas Rattel
Bis zum geplanten Marktstart 2028 ist noch Zeit für Erprobung und Industrialisierung. Für Produktionsverantwortliche dürften dann weniger die üblichen Fahrzeugdaten interessant sein, sondern Kennzahlen: der zusätzliche Investitionsbedarf, der Prüfaufwand, der Anteil gemeinsam genutzter Anlagen und die Stückzahl, ab der sich die Wasserstoffvariante trägt.
Steyr liefert dafür schon heute ein anschauliches Bild. Auf einer ehemaligen V8-Fläche entsteht eine neue Fertigung. Bestehendes Prozesswissen wird auf die Brennstoffzelle übertragen. Gleichzeitig soll das Fahrzeug so konstruiert sein, dass der fünfte Antrieb keine fünfte Produktionswelt benötigt. Für eine Branche mit unsicherem Antriebsmix ist das ein konkreter Ansatz: weniger darauf wetten, welche Technologie sich durchsetzt – und stärker darauf achten, wie teuer es wird, wenn die eigene Prognose nicht aufgeht.