Humanoide Robotik aus Europa
Was hinter dem neuen Robotik-Startup Vesoma steckt
Vesoma kommt aus dem Stealth-Modus – mit bekannten Namen aus Robotik und KI an Bord. Das junge Unternehmen entwickelt humanoide Roboter für die Industrie und könnte damit auch für die Automobilproduktion spannend werden.
Vesoma entwickelt humanoide Roboter, die durch Interaktion mit ihrer Umgebung neue Aufgaben erlernen sollen. Mit einem erfahrenen Team aus Robotik, KI und Industrialisierung zielt das junge Unternehmen auf Anwendungen in Fertigung und Logistik und damit perspektivisch auch in der Automobilindustrie.
Vesoma
Ein neuer Name taucht auf der europäischen Robotik-Landkarte auf. Hinweise auf das neue Robotikprojekt gab es durch Posts der Beteiligten schon zuvor, jetzt hat das Kind auch offiziell einen Namen: Vesoma. Das Unternehmen entwickelt humanoide Roboter für körperliche Arbeit in Fertigung, Logistik und Lagerhaltung.Vesoma entwickelt humanoide Roboter für körperliche Arbeit in Fertigung, Logistik und Lagerhaltung. Das Unternehmen spricht selbst von „Physical General Intelligence“ und meint damit KI-Systeme, die ihre Umgebung wahrnehmen, mit ihr interagieren und daraus lernen sollen. Das erste Produkt trägt den Namen Vesoma 1 und befindet sich derzeit noch in der Entwicklung. Alpha-Roboter sind nach Angaben des Unternehmens bereits im Labor im Einsatz.
Vesoma ist dabei kaum älter als seine ersten Roboter. Das Unternehmen startete nach eigenen Angaben im Dezember 2025 und beschäftigt inzwischen mehr als 60 Mitarbeiter. Hinzu kommen mehr als 3.500 Quadratmeter Labor- und Bürofläche. Entwickelt wird vor allem an den Standorten München und Limassol auf Zypern.
Hinter der deutschen Vesoma GmbH in Garching bei München steckt allerdings kein spontan entstandenes Garagenprojekt. Die Gesellschaft ist unter HRB 306532 beim Amtsgericht München eingetragen und beschäftigt sich mit Entwicklung, Produktion und Vertrieb von Robotersystemen und KI-Software.
Wer steckt hinter Vesoma?
Interessanter als die noch kurze Unternehmenshistorie ist das Team. Mitgründer und CEO Nikolai Ensslen hat zuvor Synapticon aufgebaut und bringt damit Erfahrung aus Motion Control, Robotikantrieben und funktionaler Sicherheit mit. Ende 2025 gab Synapticon bekannt, dass Ensslen seine operative CEO-Rolle abgibt, um ein neues Unternehmen im Bereich Physical AI aufzubauen. Mitgründer und CSO Peter Skoromnyi kommt aus der Softwarewelt und war unter anderem Mitgründer des Mobile-Gaming-Unternehmens Easybrain.
Für die KI-Seite konnte Vesoma Martin Riedmiller gewinnen. Der heutige Chief AI Officer war zuvor Research Director und Leiter des Controls-Teams bei Google DeepMind und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Reinforcement Learning und selbstlernenden Regelungsverfahren. Bereits Anfang der 1990er-Jahre entwickelte er den Lernalgorithmus Rprop. Hinzu kommen Führungskräfte mit Erfahrungen bei Unternehmen wie Tesla, Apptronik, BMW, Lamborghini, Lilium, Franka Robotics, Agile Robots oder Neura Robotics. Head of Design Marcelo Gutierrez arbeitete beispielsweise zuvor an Teslas Optimus und Apptroniks Apollo.
Damit verbindet Vesoma mehrere Kompetenzen, die bei Humanoiden zusammenkommen müssen: Mechanik und Aktuatorik, Bewegungsregelung, funktionale Sicherheit, KI, Produktentwicklung, Lieferkette und Industrialisierung. Zudem haben sich viel Erfahrung rund um die humanoide Robotik ins Boot geholt.
Was macht Vesomas Ansatz besonders?
Der zentrale Unterschied liegt nach Darstellung des Unternehmens darin, wie der Roboter lernen soll. Viele heutige Robotiksysteme werden über programmierte Abläufe, Teleoperation oder menschliche Demonstrationen trainiert. Vesoma will stärker darauf setzen, dass der Roboter Fähigkeiten durch eigene Interaktion mit seiner Umwelt entwickelt. Der Roboter soll demnach ausprobieren, Rückmeldungen aus der physischen Welt erhalten und sein Verhalten schrittweise verbessern. Reinforcement Learning spielt dabei eine zentrale Rolle. Vesoma spricht von einem sich selbst verbessernden physischen Agenten.
Dabei will das Unternehmen KI und Roboterkörper nicht als getrennte Systeme entwickeln. Mechanik, Aktuatoren, Sensorik, Steuerung und Lernalgorithmen sollen möglichst eng aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig soll funktionale Sicherheit von Beginn an Teil der Architektur sein.
Dass Vesoma dieses Konzept tatsächlich bis tief in die Hardware verfolgt, zeigen auch Stellenausschreibungen. Gesucht werden Spezialisten für die kinematische und dynamische Gesamtarchitektur, Aktuatoren, Energieversorgung, Elektronik, Simulation, Roboterhände und Validierung. Bei den Aktuatoren entwickelt Vesoma hochdrehmomentige lineare und rotatorische Systeme mit BLDC-Motoren, Encodern sowie Präzisionsgetrieben und Lagern.
Vertikale Integration scheint dabei kein Selbstzweck zu sein. Bei Roboterhänden will Vesoma beispielsweise zunächst verfügbare Lösungen evaluieren und erst dann selbst entwickeln, wenn externe Systeme die Anforderungen an Leistung, Zuverlässigkeit oder Skalierbarkeit nicht erfüllen.
Wie weit ist Vesoma 1?
Ein fertiger Serienroboter existiert noch nicht. Öffentlich zu sehen ist bislang vor allem eine interne Entwicklungsplattform mit dem Namen Kyle. Der frühe Humanoid ist rund 1,70 Meter groß und wiegt etwa 75 Kilogramm. Er dient Vesoma als Plattform für Bewegungsregelung und KI-Entwicklung.
Das Unternehmen hat bereits gehende Prototypen gezeigt. Die Bewegungssteuerung kombiniert dabei klassische kinematische Planung mit erlerntem dynamischem Tracking und Stabilisieren. Vesoma befindet sich damit inzwischen jenseits der reinen Konzeptphase, aber weiterhin deutlich vor einem kommerziellen Serienprodukt. Öffentlich bekannt sind weder ein belastbarer Produktionsstart noch Preis, Auftragsbestand oder ein konkreter Kundenpilot.
Für Vesoma 1 fehlen bislang zudem wesentliche technische Kennzahlen. Angaben zu Freiheitsgraden, Nutzlast, Geschwindigkeit, Akkulaufzeit, Genauigkeit oder Rechenhardware hat das Unternehmen noch nicht veröffentlicht. Auch Stückzahlen oder geplante Produktionskapazitäten sind nicht bekannt. Die erste Generation des Humanoiden soll Anfang 2027 vorgestellt werden.
Bemerkenswert ist allerdings, dass Vesoma bereits jetzt Personal für Industrialisierung, Lieferkette, Fertigungsqualität und Hardwarekosten aufbaut. Das Unternehmen scheint den Schritt vom Demonstrator zum reproduzierbar herstellbaren Produkt damit früh mitzudenken.
Warum ist die Automobilindustrie für Vesoma interessant?
Vesoma nennt bislang keine Automobilhersteller als Kunden und hat auch keinen öffentlich bestätigten Pilotversuch bei BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen oder einem anderen OEM vorgestellt. Automotive ist dennoch ein naheliegender Zielmarkt. So nennt das Unternehmen Fertigung, Logistik und Lagerhaltung ausdrücklich als erste Einsatzfelder. Genau dort wird die Automobilindustrie seit einigen Jahren zu einem wichtigen Testfeld für humanoide Roboter.
Der Grund liegt weniger darin, dass Humanoide vorhandene Industrieroboter ersetzen könnten. Beim Schweißen, Lackieren oder hochautomatisierten Teilehandling sind spezialisierte Anlagen hinsichtlich Geschwindigkeit, Genauigkeit und Verfügbarkeit nur schwer zu schlagen. Interessant werden Humanoide an anderer Stelle: bei Aufgaben, die bislang von Menschen ausgeführt werden, häufig wechseln und sich wirtschaftlich nur schwer mit einer speziell konstruierten Anlage automatisieren lassen.
Eine humanoide Bauform hat hier einen prinzipiellen Vorteil. Fabriken, Werkzeuge, Regale, Behälter und Arbeitsplätze wurden für Menschen konstruiert. Ein Roboter mit vergleichbaren Reichweiten und Bewegungsmöglichkeiten könnte deshalb vorhandene Infrastruktur nutzen, ohne dass für jede neue Tätigkeit eine eigene Automatisierungszelle aufgebaut werden muss.
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Wo könnten Vesoma-Roboter im Autowerk arbeiten?
Der wahrscheinlichste Einstieg liegt in Produktionslogistik und Materialhandling. Denkbar sind beispielsweise das Bereitstellen und Sortieren von Bauteilen, das Bestücken von Sequenzierwagen, der Transport von Kleinladungsträgern oder das Nachfüllen von Material an Montagestationen. Auch Maschinenbedienung wäre ein mögliches Feld. Ein Humanoid könnte Werkstücke aufnehmen, in Maschinen oder Vorrichtungen einlegen und nach der Bearbeitung wieder entnehmen. Aufwendiger werden Aufgaben in der Montage, bei denen Bauteile positioniert, gehalten, eingeführt oder verschraubt werden müssen.
Gerade bei wechselnden Varianten könnte der lernbasierte Ansatz interessant werden. Klassische Automatisierung ist besonders wirtschaftlich, wenn ein Ablauf über lange Zeit identisch bleibt. In der Automobilproduktion steigen jedoch Variantenvielfalt und Änderungsfrequenz. Kleinserien, Nacharbeiten und manuelle Restprozesse bleiben deshalb auch in hochautomatisierten Werken bestehen. Als mögliche Einsatzgebiete für Humanoide werden entsprechend Intralogistik, flexible Montage und Tätigkeiten in bereits für Menschen eingerichteten Bereichen diskutiert.
Andere Hersteller testen solche Szenarien bereits. Figure arbeitete mit BMW an Teilehandling in der Produktion, Apptronik erprobt seinen Humanoiden Apollo mit Mercedes-Benz, Tesla entwickelt Optimus auch für die eigene Fertigung. Vesoma trifft somit auf einen Markt, in dem sich mehrere gut finanzierte Wettbewerber bereits positioniert haben.
Was muss Vesoma jetzt beweisen?
Für Automobilhersteller zählt am Ende weniger, wie spektakulär ein Humanoid in einem Demonstrationsvideo wirkt. Relevant sind Taktzeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit, Integrationsaufwand und Kosten. Genau hier fehlen bei Vesoma (noch) die entscheidenden Daten. Das Unternehmen hat weder einen Automotive-Pilotkunden noch belastbare Angaben zu Verfügbarkeit, Nutzlast oder Arbeitsgeschwindigkeit veröffentlicht. Auch der Nachweis, dass neue Aufgaben durch das angekündigte Reinforcement Learning tatsächlich schneller oder mit weniger Engineering-Aufwand erlernt werden können, steht noch aus.
Dabei könnte gerade diese Fähigkeit Vesomas wichtigste Differenzierung werden. Ein Humanoid, der für jede neue Tätigkeit ähnlich aufwendig programmiert und eingerichtet werden muss wie klassische Automatisierung, bietet nur begrenzte Vorteile. Kann ein System dagegen mehrere Aufgaben erlernen und zwischen ihnen wechseln, verändert sich die Rechnung. Für die Automobilindustrie wäre das vor allem dort relevant, wo sich eine fest installierte Automatisierung bislang kaum lohnt: bei wechselnden Logistikaufgaben, Varianten, Nacharbeiten oder vergleichsweise kleinen Stückzahlen.
Vesoma startet damit in einen Markt mit großen Erwartungen und ebenso großen technischen Hürden. Das Team und der technologische Ansatz machen das Unternehmen bemerkenswert. Wie viel davon sich auf einen zuverlässigen Roboter für den Fabrikalltag übertragen lässt, dürfte sich mit der Vorstellung von Vesoma 1 ab 2027 erstmals genauer beurteilen lassen.
Was allerdings klar wird: Den Tag des Launches hat sich das Unternehmen gut überlegt. Bleiben wir gespannt, was die Zukunft bringt.