Industrie im Wandel

Deutsche Autoindustrie unterschätzt Tempo der Transformation

Eine PwC-Studie zeigt klare Defizite zwischen strategischem Anspruch und operativer Umsetzung in der deutschen Autoindustrie. Besonders bei Software, KI und Risikobereitschaft sieht die Beratung Nachholbedarf. Regulierung und Zölle erhöhen den Druck.

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Automatisierte Fahrzeugproduktion mit Industrierobotern und digital überlagerter Fahrzeugdarstellung.
Software, KI und flexible Produktionsstrukturen gewinnen für die Automobilindustrie an Bedeutung. Die PwC-Studie sieht vor allem bei Umsetzung, Kompetenzen und internen Steuerungsmodellen weiteren Anpassungsbedarf.

Die deutsche Automobilindustrie hat zentrale Veränderungen ihres Geschäfts erkannt, sieht sich nach Einschätzung von PwC jedoch noch nicht ausreichend auf die Transformation vorbereitet. Zu diesem Ergebnis kommt der erstmals veröffentlichte „Global Automotive Sector Outlook 2026“. Für die Untersuchung wurden 720 Führungskräfte von Automobilherstellern und Tier-1-Zulieferern in 33 Ländern befragt. 86 Teilnehmer kamen aus Deutschland.

Wie können Unternehmen fit für die Zukunft werden?

PwC identifiziert vier Handlungsfelder für „future-fit" Unternehmen:

  • Den Verbrenner und das Aftermarket-Geschäft als Startbahn behandeln, nicht als Ziel. Cashflows aus dem Bestandsgeschäft konsequent als Transformationskapital umwidmen – mit expliziten Zeitplänen und verantwortlicher Führung für den geordneten Übergang.

  • Neue und alte Geschäfte getrennt steuern. Neue Geschäftsmodelle dürfen nicht an den Renditen des traditionellen Geschäftsmodells gemessen werden.

  • Workforce und Kultur auf die strategische Agenda setzen – vor dem Softwarebudget. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht ausschließlich rekrutieren; sie müssen entwickelt werden.

  • Partnerschaftsstärke als Hebel nutzen. 75 Prozent der führenden Unternehmen bauen gezielt auf Partnerschaften – gegenüber 56 Prozent aller anderen. Es ist der schnellste Weg, Fähigkeitslücken zu schließen, da der organische Aufbau zu lange dauern würden.


Bestehende Steuerungsmodelle stoßen an Grenzen

Viele deutsche Unternehmen bewerten ihre internen Führungs- und Entscheidungsstrukturen positiv. 72 Prozent der Befragten aus Deutschland geben an, Kapital konsequent in besonders renditestarke Projekte zu lenken. 73 Prozent beschreiben ihre Entscheidungsprozesse als agil und datenbasiert. PwC sieht darin allerdings auch ein mögliches Hindernis für die Transformation. Etablierte Investitionskriterien und hohe Renditeanforderungen könnten dazu führen, dass neue Geschäftsmodelle frühzeitig aus dem Portfolio aussortiert werden.

Insbesondere disruptive Ansätze ließen sich häufig nicht mit denselben Maßstäben bewerten wie etablierte und profitable Geschäftsbereiche. Hinzu kommt eine vergleichsweise geringe Bereitschaft, strategische Risiken einzugehen. Lediglich 57 Prozent der deutschen Studienteilnehmer berichten von einer hohen Risikotoleranz. Bei der von PwC als besonders zukunftsfähig eingestuften Unternehmensgruppe liegt dieser Anteil bei 80 Prozent.

Parallel zur internen Transformation sehen die Unternehmen wachsende Risiken im wirtschaftspolitischen Umfeld. 41 Prozent der deutschen Befragten zählen regulatorische Veränderungen zu den drei größten Bedrohungen für ihr Geschäft. Zölle werden von 39 Prozent genannt. Im weltweiten Vergleich liegt dieser Wert bei 27 Prozent.

Hohe Technologieoffenheit trifft auf fehlende Kompetenzen

Technologischen Veränderungen stehen die deutschen Unternehmen zugleich vergleichsweise offen gegenüber. 71 Prozent betrachten technologische Disruptionen laut Untersuchung als Chance. PwC sieht deshalb weniger ein Erkenntnisproblem als eine Frage der Umsetzung. Entscheidend sei, ob interne Steuerungsprozesse ausreichenden Spielraum für neue Technologien und Geschäftsmodelle schaffen. Software und KI gewinnen strategisch an Bedeutung. 54 Prozent der deutschen Teilnehmer nennen KI als wichtigste Technologie für die Erreichung ihrer strategischen Ziele. Weltweit liegt der Anteil bei 51 Prozent.

Software-Engineering und KI werden von 85 Prozent der deutschen Befragten als sehr oder äußerst wichtig bewertet. Damit liegt Deutschland nach Angaben der Beratung 16 Prozentpunkte über dem globalen Durchschnitt. Gleichzeitig berichten außerhalb der von PwC definierten Spitzengruppe lediglich 45 Prozent der Unternehmen, entsprechende Fähigkeiten bereits in größerem Umfang aufgebaut zu haben. Die Beratung sieht die Ursache nicht allein in fehlenden Fachkräften. Softwarekompetenz müsse auch durch Weiterbildung innerhalb der bestehenden Belegschaft entwickelt werden. Dazu seien Organisationsstrukturen erforderlich, die kürzere Entwicklungszyklen und eine höhere Fehlertoleranz ermöglichen. 51 Prozent der Befragten nennen zugleich fehlende Talente als relevantes Hemmnis für ihre Wertschöpfung.

Elektroantrieb verändert die industrielle Kostenbasis

Auch der Wandel der Antriebstechnologien erhöht den Anpassungsbedarf. PwC erwartet, dass der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge an der weltweiten Produktion bis 2030 von derzeit 18 auf 30 Prozent steigt. Der Anteil konventioneller Verbrenner soll im selben Zeitraum von 60 auf 41 Prozent sinken. Das Geschäft mit Verbrennungsmotoren sowie der Aftermarket dürften dennoch zunächst wichtige Cashflows erwirtschaften.

Ihre Rolle verändert sich aus Sicht der Studienautoren jedoch zunehmend. Erträge aus etablierten Geschäftsbereichen könnten verstärkt zur Finanzierung neuer Technologien und Angebote dienen. Für deutsche Unternehmen stellt sich damit zugleich die Frage nach ihrer industriellen Kostenstruktur. Produktionskapazitäten und bestehende Strukturen sind vielerorts auf deutlich größere Stückzahlen bei Verbrennungsmotoren ausgelegt. Sinkende Volumina erhöhen damit den Druck, Fertigung, Investitionen und Kapazitäten an ein verändertes Antriebsportfolio anzupassen.

Neue Wettbewerber verändern die Marktgrenzen

Die Transformation verändert nach Einschätzung der Untersuchung auch das Wettbewerbsumfeld. 47 Prozent der deutschen Befragten betrachten Zulieferer, die sich über ihre bisherige Rolle in der Wertschöpfungskette hinausentwickeln, als ernsthafte Wettbewerber. Weltweit liegt der entsprechende Anteil bei 41 Prozent.

Zugleich dringen Technologie- und Energieunternehmen stärker in den Mobilitätsmarkt vor. Damit verschiebt sich der Wettbewerb zunehmend von einzelnen Fahrzeugherstellern hin zu unterschiedlichen Softwarearchitekturen, Plattformen und technologischen Ökosystemen. PwC empfiehlt Unternehmen deshalb, ihren Wettbewerbsvergleich breiter anzulegen und Entwicklungen außerhalb der klassischen Automobilindustrie stärker einzubeziehen.

Aus den Studienergebnissen leitet die Beratung mehrere Handlungsfelder ab. Cashflows aus dem etablierten Verbrenner- und Aftermarket-Geschäft sollten demnach gezielter für den Aufbau neuer Geschäftsfelder verwendet werden. Gleichzeitig empfiehlt PwC, traditionelle und neue Geschäftsmodelle nach unterschiedlichen wirtschaftlichen Kriterien zu steuern.

Kompetenzaufbau wird zum zentralen Handlungsfeld

Einen weiteren Schwerpunkt sieht das Beratungsunternehmen bei Qualifikation und Unternehmenskultur. Der Aufbau von Softwarekompetenz könne nicht allein über Neueinstellungen erfolgen. Weiterbildung und organisatorische Veränderungen müssten deshalb enger mit Technologieinvestitionen verzahnt werden.

Auch Kooperationen könnten beim Aufbau fehlender Kompetenzen an Bedeutung gewinnen. Nach Angaben der Studie setzen 75 Prozent der als besonders zukunftsfähig eingeordneten Unternehmen gezielt auf Partnerschaften. Bei den übrigen Unternehmen liegt der Anteil bei 56 Prozent.

Die Untersuchung zeichnet damit das Bild einer Branche, die wesentliche technologische und wirtschaftliche Veränderungen erkannt hat, deren etablierte Steuerungsmechanismen den Umbau jedoch teilweise erschweren könnten. In den kommenden Jahren dürfte deshalb stärker in den Vordergrund rücken, wie Kapital, Kompetenzen und industrielle Strukturen zwischen bestehendem Geschäft und neuen Technologien verteilt werden.