Hier wächst Volkswagens große Hoffnung für Amerika
Sie haben große Pläne in Blythewood und deshalb mehr Boden bewegt als auf jeder anderen US-Baustelle. Denn hier in South Carolina will der VW-Konzern bald seinen Hoffnungsträger Scout produzieren. Die Fabrik dafür ist fast fertig.
Thomas GeigerThomasGeiger
5 min
In den Hallen in Blythewood, South Carolina, will Volkswagens Pick-Up-Hoffnung Scout in Zukunft jährlich 200.000 Fahrzeuge bauen.Scout
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Knöcheltiefe
Schlaglöcher, schlammige Pfützen, ausgefahrene Furchen und meterlange
Staubfahnen – wer Jörn Petri an seinem Arbeitsplatz besuchen will, der braucht
ein robustes Auto wie einen Ford F-150 oder Dodge Ram 1500. „Noch“, sagt
der Deutsche, der seinen Dienstsitz gerade in Blythewood in South Carolina hat.
Denn hier, 20 Minuten nordöstlich von Columbia, baut er als „Vice
President Plant Launch“ zusammen mit seinem Vice President of Plant Engineering
Ronald Grosse für den VW-Konzern gerade das Stammwerk der neuen Marke Scout, mit der die Niedersachsen endlich auf dem US-Markt reüssieren wollen. Der
Fullsize-Pick-up Terra und ein entsprechend großes SUV namens Traveler, beide
genau wie die ewigen Bestseller aus Detroit auf einem Leiterrahmen konstruiert,
sollen den Wolfsburger Konzern in den USA wieder salonfähig machen.
Scout will
200.000 Fahrzeuge pro Jahr bauen
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Im Scout-Werk sollen künftig 40 Autos pro Stunde vom Band rollen.Scout
Knapp zweieinhalb
Jahre nach dem ersten Spatenstich im Februar 2024 haben Petri und Grosse
bereits 80 Prozent ihres Jobs erledigt: Die zusammen gut 500.000
Quadratmeter großen Gebäude jedenfalls sind mittlerweile alle
fertiggestellt, sagt Petri, der ein Budget von rund zwei
Milliarden Dollar verwaltet. So viel plus noch einmal 300 Millionen für
den Zulieferer-Park investiert Scout in die Fabrik, die unter Volllast später
mal bis zu 200.000 Fahrzeuge im Jahr produzieren soll: „Dann laufen
hier pro Stunde rund 40 Autos vom Band, alle 90 Sekunden eines.“
Auch Scout-Chef
Scott Keogh sieht das Projekt voll auf Kurs. Das neue Produktionszentrum liege
im Zeitplan, die Fortschritte auf der Baustelle seien atemberaubend. Jetzt gehe
es mit aller Konsequenz darum, das Werk vollständig in Betrieb zu nehmen – und
zugleich einen nachhaltigen wirtschaftlichen Impuls für die Region South
Carolina zu setzen.
Trotz Rückschläge
steht Vorserienproduktion kurz bevor
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Scott Keogh (l.) und Jörn Petri sind zufrieden mit dem Baufortschritt in South Carolina.Scout
Diesen Optimismus
verbreitet Keogh nicht ohne Grund: Denn zuletzt gab es viele Meldungen über
Probleme und Verspätungen bei der Entwicklung, und die späte Entscheidung, der
abgekühlten Euphorie für den Elektroantrieb mit einem Range Extender zu
begegnen, hat den Zeitplan sicher auch nicht verkürzt. Aber Petri und Grosse
strotzen nur so vor Zuversicht: „Wir sind mit dem Werk voll im Plan.“ Und dass
ihnen jetzt noch die Autos fehlen, dagegen wollen sie bald selbst etwas tun und
den Entwicklern unter die Arme greifen. Im Herbst sollen in Blythewood die
Produktion der ersten Vorserienmodelle beginnen, die dann möglichst schnell zu
den Wintertests in die Kälte fahren müssen. Dann werden im nächsten Jahr
weitere Prototypen gebaut, bevor dann Anfang 2028 endlich die Auslieferung
beginnen soll. Dabei hatten viele darauf gehofft, es könnte schon nächstes Jahr
losgehen mit den Kundenfahrzeugen.
Während draußen
noch Bagger und Bulldozer am Werk sind, läuft in den fünf großen Werkhallen
deshalb längst der Innenausbau auf Hochtouren: Nachdem Petri und Grosse im
Juni das erste Mal das Licht – und in den schwülen Sommern des amerikanischen
Südens noch viel wichtiger – die Klimaanlage angeschaltet haben, ist
mittlerweile der Karosserie-Rohbau fertig montiert, zur allgemeinen
Überraschung bereits zu hundert Prozent automatisiert. Die ersten Rohkarossen
für den fast sechs Meter langen Terra haben die später mal mehr als 700
Roboter deshalb bereits zusammengeschweißt.
Lokale Nachhaltigkeit
im Fokus
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In den weiteren
Hallen bereiten sie gerade alles für die Endmontage vor und befüllen die
Lackierstraßen, die VW beim GM-Hauslieferanten Gallagher Kaiser schlüsselfertig
bestellt hat. Sie werden erstmals im VW-Konzern rein elektrisch betrieben und
brauchen deshalb weder Heizgas noch Öfen. Die Energie dafür liefert der lokale
Versorger Dominion Energy – zu hundert Prozent aus erneuerbaren
Quellen, so Petri stolz.
Und das ist nur
ein Punkt, der für die Nachhaltigkeit des Werkes steht: Zwei weitere sollen die
riesigen Wärmepumpen der gerade verkauften Konzerntochter Everllence, die
das Prozesswasser aufheizen. Zwei Kompressoren mit je 12,5
Megawatt Leistung sollen hier künftig heizen und kühlen. Und weil die
lokalen Behörden Angst vor Erosion und um den Trinkwasserspiegel haben, wird
jede Brachfläche binnen zwei Wochen bepflanzt und alles Regenwasser in
Rückhaltebecken gespeichert, bevor es gefiltert wieder in den Kreislauf gepumpt
wird.
Noch bestimmen
täglich rund 500 bis 1.000 der insgesamt rund 4.500 für das Projekt engagierten
Bauarbeiter draußen und Aufbauhelfer drinnen das Bild. Sie wohnen meist in
Trailerparks nur ein paar Minuten von der Baustelle entfernt und arbeiten ganz
anders, als man es aus Europa kennt, sagt Grosse. Er lobt nicht nur den
„Can-do“-Spirit, der sehr viel ergebnisorientierter sei als in Europa, sondern
auch ihr Tempo und ihre Organisation. Den Beton zum Beispiel karren sie nicht
viele Kilometer heran, sondern haben einfach zwei Brunnen gegraben und
machen ihn jetzt hier auf dem Gelände selbst. Und damit ihnen nie die passende
Ausrüstung fehlt oder technische Defekte sie zur Pause zwingen, kommen die
Trupps gleich mit leeren Händen – und leihen sich alle Gerätschaften bei zwei
Dienstleistern, die jeweils einen riesigen Maschinenpark vorhalten. „So werden
Standzeiten minimiert“, sagt Grosse.
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Personalsuche
bleibt anspruchsvoll
Die beiden zentralen Modelle von Scout: Terra und Traveler.Scout
Aber Scout hat
auch schon die ersten von später mal über 4.000 Mitarbeitern
angeheuert, die jetzt an den Hochschulen in der Stadt, im Trainingscenter am
Rande des Werksgeländes oder in Lernwerkstätten hier in den Hallen fitgemacht
werden für den Job. Und da sind die rund 1.000 Jobs im Zulieferpark nicht
mitgerechnet, wo zum Beispiel gerade eine riesige Montagehalle für die Akkus
des voll elektrischen oder mit einem zusätzlichen Verbrenner als Range Extender
ausgestatteten Rustikalmobils entsteht.
Personal zu
finden sei mittlerweile gar nicht mehr so einfach, selbst wenn hier im Umkreis
von 45 Fahrminuten 900.000 Menschen lebten. Denn so strukturschwach, wie die
Südstaaten gerne wahrgenommen würden, sei es hier längst nicht mehr, sagt
Petri. Dafür hat nicht zuletzt die Automobilindustrie gesorgt, die in der
Region mit über einem halben Dutzend Werken vertreten ist: Den Anfang hat BMW
in Spartanburg gemacht, dann kam Mercedes in Tuscaloosa, VW baut den Atlas in
Chattanooga, Honda hat ein Werk in Lincoln, Alabama, Volvo in Ridgeville, und
die Koreaner haben gleich drei Werke in den Südstaaten.
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Trotz des
schwierigen Arbeitsmarktes hat sich Blythewood gegen rund 70 andere Kandidaten
durchgesetzt, erzählt Petri. Das Gros davon hat er nur in der Theorie
analysiert, doch die engere Auswahl von 18 Standorten habe der Konzern vor Ort
inspiziert, sechs davon vertieft diskutiert, bis am Ende vier Standorte
parallel weiterverfolgt wurden – bis 2023 die Entscheidung für Blythewood fiel.
Zu einer Zeit, in der Werksansiedlungen echt schwierig waren: „Covid war
vorbei, die Preise gingen durch die Decke, und wo früher mal ein oder zwei
Gigaprojekte in den USA gebaut wurden, laufen jetzt parallel mehr als ein
Dutzend.“
Scout-Werk in Blythewood (South Carolina)
Das 650 Hektar große Scout-Areal in South Carolina.Scout
Standort:
Blythewood, South Carolina (USA), rund 20 Minuten nordöstlich von Columbia
Produkte:
E-Pick-up Scout Terra und SUV Scout Traveler
Investitionsvolumen:
2,0 Mrd. US-Dollar für das Werk, zusätzlich 300 Mio. US-Dollar für den
Zulieferpark
Baubeginn:
Februar 2024
Gebäudefläche:
Mehr als 500.000 Quadratmeter Produktions- und Werksgebäude
Werkgröße:
Rund 650 Hektar Gelände
Produktionsstart
Vorserie: Herbst 2026
Serienanlauf:
Geplant für Anfang 2028
Produktionskapazität:
Bis zu 200.000 Fahrzeuge pro Jahr
Taktzeit:
Ein Fahrzeug alle 90 Sekunden bzw. etwa 40 Fahrzeuge pro Stunde
Robotereinsatz:
Mehr als 700 Roboter im Rohbau
Beschäftigte:
Über 4.000 Mitarbeiter im Werk geplant, rund 1.000 weitere Arbeitsplätze im
Zulieferpark
Aber nur, weil
Blythewood hier „Best Match“ gewesen sei, war auch die ehemalige
Forstplantage nicht perfekt, räumt Grosse ein: Um Scout den Weg nach South
Carolina zu ebnen, musste viel Erde bewegt werden: „Mit rund 20 Millionen
Kubikmetern waren wir zu dieser Zeit eine der größten Baustellen in den ganzen
USA.“
Flexible Fertigung
in Startlöchern
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Dafür ist Scout
allerdings jetzt auch für die Zukunft gerüstet: Das Areal ist mit rund 650
Hektar groß genug, um die Fabrik zu spiegeln und die Kapazitäten zu verdoppeln.
Und zwar nicht nur für mögliche weitere Modelle der eigenen Marke, sondern auch
für Konzernfahrzeuge oder Fremdaufträge. „Solange es auf einem Leiterrahmen
steht, können wir hier jedes Auto bauen“, sagen die beiden Chefs auf der
Baustelle. „Unsere Qualitätsziele gehen dafür weit über die US-Standards hinaus
und wären selbst für Audi oder Porsche hoch genug.“
Mittlerweile sind
die schweren Gerätschaften allerdings fast abgezogen, nur noch ein paar
Minibagger sind unterwegs. Denn Petri und Grosse sind auf der Zielgeraden,
können jede Woche ein paar mehr Roboter einschalten und ein paar weitere
Fertigungsabschnitte freigeben. Und bis die Sommerferien rum sind, werden auch
alle Straßen auf dem Gelände asphaltiert sein. Gut so, denn wenn die ersten Autos für die bevorstehenden Wintertests vom Band laufen sollen,
wird es offenbar noch rund anderthalb Jahre dauern, bis es im VW-Konzern ein
passendes Fahrzeug für unwegsame Baustellen gibt.