Toyota will Sprachbarrieren in Planung und Produktion beseitigen
Toyota will mittels KI 45.000 unternehmensinterne Begriffe auf rund 5.000 standardisierte Bezeichnungen reduzieren. So soll es gelingen, die Zahl der Übersetzungsschritte zwischen Planung, Produktion und Vertrieb deutlich zu senken.
Toyota will mithilfew von KI das Sprach- und Daten-Wirrwarr in der Fahrzeugproduktion auflösen.
Toyota
Kaum ein Automobilhersteller verdeutlicht die Kosten
historisch gewachsener Unternehmensstrukturen so eindrucksvoll wie Toyota. Der
vom Branchenportal Nikkei Asia berichtete Plan, die in Spezifikationslisten
verwendete Sprache über die Bereiche Planung, Produktion und Vertrieb hinweg zu
vereinheitlichen, geht weit über eine reine Bereinigung von Begrifflichkeiten
hinaus. Im Kern handelt es sich um den Versuch, eine organisatorische
Sprachbarriere aufzulösen, die das Unternehmen seit mehr als 70 Jahren begleitet.
Historische Wurzeln des Problems
Der Ursprung der Problematik reicht bis ins Jahr 1950
zurück. Damals wurde Toyota in eigenständige Vertriebs- und
Produktionsgesellschaften aufgeteilt. Beide Unternehmen entwickelten in der
Folge ihre eigenen Systeme zur Erfassung und Verwaltung von Fahrzeugdaten – und
damit auch ihre jeweils eigenen Begriffswelten. Als die beiden Einheiten 1982 wieder zusammengeführt wurden,
ließen sich die über Jahrzehnte entstandenen unterschiedlichen Benennungen
nicht ohne Weiteres vereinheitlichen. Das Ergebnis ist eine
Informationsarchitektur, in der ein und dieselbe Komponente je nach Abteilung
und Prozessschritt unter verschiedenen Namen geführt wird.
Das Ausmaß dieser Diskrepanz ist beträchtlich. So könnte ein
Bauteil, das in der Produktplanung als „A1AC ohne Audiosystem“ bezeichnet wird,
im Produktionssystem lediglich unter der Kennung „136S“ auftauchen. Überträgt
man solche Unterschiede auf die Spezifikation eines kompletten Fahrzeugs,
summieren sich die daraus resultierenden Ineffizienzen erheblich.
Hoher Aufwand durch permanente „Übersetzungsarbeit“
Toyota hat die Auswirkungen dieser Uneinheitlichkeit selbst
quantifiziert. Der gesamte Prozess von der Fahrzeugplanung bis zur Auslieferung
umfasst 560 einzelne Arbeitsschritte. Davon dienen 195 Schritte – also rund 30
Prozent – ausschließlich dazu, Terminologien zwischen verschiedenen Bereichen
zu übersetzen und abzugleichen. Betroffen sind dabei rund 800 unterschiedliche
Geschäftssysteme. Insgesamt wenden die Beschäftigten des Unternehmens nach
Toyota-Angaben jährlich etwa 310.000 Arbeitsstunden für diese Konvertierungs-
und Abstimmungsprozesse auf – Tätigkeiten, die keinen direkten Mehrwert für das
Fahrzeug schaffen.
Um dieses Problem zu lösen, entwickelt Toyota seit 2021 das
System „OMUSVI“ (Organized Master Unified System for Vehicle Information). Ziel
ist der Aufbau einer durchgängigen, integrierten Datenebene entlang der
gesamten Wertschöpfungskette – von der Planung über die Produktion bis hin zum
Vertrieb. Die vollständige operative Integration soll bis 2028 erreicht werden.
Die KI-Komponente des Systems soll Begriffe automatisch
standardisieren und einen Echtzeit-Austausch von Fahrzeuginformationen
ermöglichen. Dadurch könnte beispielsweise der Vertrieb den
Produktionsfortschritt direkt verfolgen, anstatt auf aufbereitete und
übersetzte Berichte warten zu müssen.
Auswirkungen auf Zulieferer
Die Folgen der Initiative reichen weit über die Grenzen des
Konzerns hinaus. Das neue System soll direkt mit der jährlichen
Produktionsplanung verknüpft werden. Benötigte Stückzahlen für Komponenten
würden dann automatisch ermittelt und unmittelbar an die Zulieferer
übermittelt.
Derzeit müssen viele Lieferanten ihre jährlichen
Kapazitätsbedarfe noch selbst berechnen. Für einige Unternehmen bedeutet dies
einen Aufwand von bis zu 720 Arbeitsstunden pro Jahr. Künftig sollen
Planungsunterlagen detaillierte Spezifikationen und Mengenangaben für sämtliche
Komponenten enthalten. Ein erheblicher Teil der bislang notwendigen manuellen
Arbeit könnte damit entfallen.
Widerstände auf dem Weg zur Standardisierung
Reibungslos verlief die Einführung allerdings nicht. In
einer frühen Phase stieß das Projekt auf Widerstand innerhalb des Unternehmens.
Einige Bereiche befürchteten, dass die Automatisierung und Vereinheitlichung
von Prozessen Arbeitsplätze gefährden könnte, was den Fortschritt zunächst
bremste.
Neuen Schwung erhielt die Initiative erst im März 2024, als
der damalige Präsident der Toyota Motor Corporation, Koji Sato, das Vorhaben
öffentlich unterstützte. Mit dieser Rückendeckung aus der Unternehmensspitze
gewann das Projekt das notwendige Gewicht, um interne Vorbehalte zu überwinden. Ist das System vollständig implementiert, erwartet Toyota
deutliche Effizienzgewinne entlang der Produktions- und Lieferkette. Oder
anders formuliert: Weniger Übersetzungsaufwand soll zu einer schnelleren
Fahrzeugproduktion und kürzeren Lieferzeiten führen.