"Neu ist immer besser." Fans der amerikanischen Kult-Sitcom "How I Met Your Mother" dürften sofort wissen, woher diese Aussage stammt. Doch das Motto des extrovertierten Frauenhelden Barney Stinson ist zumindest auf die Automobilindustrie nicht immer passend anwendbar. Klar, neue Werke sorgen für Aufmerksamkeit. BMWs neueste iFactory im ungarischen Debrecen etwa wurde eigens für die Neue Klasse gebaut und gilt als Leuchtturmprojekt für die nächste Generation der Automobilproduktion. Der größere industrielle Kraftakt findet jedoch vielerorts im Bestand statt. Seit Jahren versuchen Hersteller, bestehende Fabriken so umzurüsten, zu renovieren und aufzuwerten, dass sie auch für künftige Plattformen, elektrifizierte Antriebe und flexiblere Produktionskonzepte taugen. Auch BMW ist diesen am Stammwerk in München gegangen, wo ein altes, enges und mitten in der Stadt gelegenes Werk auf die Produktion neuester Fahrzeuge vorbereitet wurde. Eine ähnliche Philosophie verfolgt auch Stellantis. Der Konzern setzt in seinem globalen Produktionsnetzwerk verstärkt darauf, vorhandene Werke weiterzuentwickeln, statt neue Kapazitäten auf der grünen Wiese aufzubauen.
Gerade in Europa gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Die
Branche steht unter Druck durch strukturelle Überkapazitäten, schwankende
Nachfrage und hohe Investitionsanforderungen. Stellantis will deshalb den
bestehenden industriellen Footprint besser nutzen und Werke so anpassen, dass
sie flexibler auf neue Produkte und Technologien reagieren können. Bestehende
Gebäude, Anlagen, Logistikstrukturen, Zuliefernetzwerke und Belegschaften
werden damit zu strategischen Ressourcen.
Ein Beispiel ist der französische Standort Poissy. Das Werk
wird auf neue industrielle Aktivitäten ausgerichtet, darunter Fahrzeugumbauten,
Kreislaufwirtschaft und Teileproduktion. Damit soll die vorhandene industrielle
Substanz weiter genutzt, die Auslastung verbessert und Beschäftigung am
Standort langfristig gesichert werden.
Flexibilität wird zur industriellen Kernaufgabe
Hinter solchen Projekten steht eine veränderte Logik in der
Produktionsstrategie. Werke müssen heute nicht nur effizient produzieren,
sondern auch deutlich anpassungsfähiger werden. Die Elektrifizierung ist dabei
ein zentraler Treiber, aber nicht der einzige. Hinzu kommen steigende
Modellvielfalt, neue Plattformen, Kostendruck und eine Nachfrage, die sich
regional und technologisch schwerer planen lässt.
Für Stellantis bedeutet das, dass Werke mehrere
Antriebsarten und Fahrzeugkonfigurationen beherrschen müssen. Montagelinien
werden deshalb so umgebaut, dass Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, Hybridantrieb
und batterieelektrischem Antrieb auf denselben Linien produziert werden können.
Auch Range-Extender-Modelle spielen in der Planung eine Rolle. In einem Markt,
in dem sich die Nachfrage nach einzelnen Antriebskonzepten unterschiedlich
entwickelt, wird diese Multi-Energy-Fähigkeit zu einem wichtigen industriellen
Puffer.
Gleichzeitig steigt der Druck, neue Modelle schneller zu
industrialisieren. Werke müssen Anläufe beschleunigen, Nachfrageschwankungen
auffangen und Lieferketten robuster machen. Damit verschiebt sich der Fokus.
Entscheidend ist nicht mehr nur, ob ein Werk technisch für ein neues Produkt
umgerüstet werden kann, sondern wie schnell und mit möglichst wenig
Produktionsunterbrechung diese Umrüstung gelingt.
Neue Plattformen greifen tief in die Werke ein
Ein weiterer Auslöser für die Umbauten sind neue
Fahrzeugarchitekturen. Sie sollen Komplexität reduzieren, Modularität erhöhen
und eine stärkere Standardisierung ermöglichen. Was auf Produktebene
Vereinfachung verspricht, bedeutet für die Produktion zunächst erheblichen
Anpassungsbedarf. Neue Plattformen verändern Karosseriestrukturen,
Montageprozesse, Prüfabläufe, Logistikflüsse und teilweise auch Anforderungen
an Batterie- oder Hochvolttechnik.
Exemplarisch hierfür steht das Stellantis-Werk im spanischen
Zaragoza. Zwischen 2026 und 2028 bereitet der Multimarken-Konzern dort eines
der größten Produkterneuerungsprogramme in der Geschichte des Standorts vor.
Mehrere neue Fahrzeuge sollen in den laufenden Betrieb integriert werden.
Zugleich wird das Fertigungssystem auf künftige Technologien und Architekturen
ausgerichtet.
Im Zentrum steht die Einführung von STLA One, einer neuen
globalen modularen Architektur von Stellantis. Sie soll verschiedene
Fahrzeugsegmente und Antriebstechnologien unterstützen. Für Zaragoza bedeutet
das erhebliche Anpassungen an bestehenden Anlagen, Prozessen und
Fertigungssystemen. Wenn immer möglich, setzt Stellantis darauf, bestehende
Werke weiterzuentwickeln, statt neue Kapazitäten aufzubauen. Auch Mulhouse in
Frankreich folgt diesem Muster. Das Werk wird auf die Produktion von drei
elektrischen und hybriden Peugeot-Modellen der nächsten Generation auf Basis
der STLA-One-Plattform vorbereitet. Solche Projekte zeigen, wie stark die
Plattformstrategie inzwischen mit der Weiterentwicklung bestehender
Produktionsstandorte verbunden ist.
Nicht jeder Bestand eignet sich für jeden Umbau
Trotz des Fokus auf bestehende Werke ist Brownfield first
kein Automatismus. Ob ein Standort modernisiert, erweitert oder ersetzt wird,
hängt von mehreren Faktoren ab. Stellantis verweist dabei auf industrielle,
finanzielle und strategische Kriterien. Im Rahmen der „FaSTLAne-2030-Strategie“
soll die Optimierung des Produktionsnetzwerks dazu beitragen,
Wettbewerbsfähigkeit, Kapazitätsauslastung und Kapitaldisziplin zu verbessern. Entscheidend
sind unter anderem die Produktstrategie, die erwartete Marktnachfrage, die
Kostenposition des Standorts und das Produktivitätspotenzial. Hinzu kommen der
Zustand vorhandener Anlagen, deren technische Aufrüstbarkeit, die
Logistikeffizienz, das lokale Zuliefererumfeld und die Fähigkeiten der
Belegschaft. Erst aus diesem Zusammenspiel ergibt sich, ob eine Modernisierung
wirtschaftlich und industriell sinnvoll ist.
Damit wird auch klar, dass bestehende Werke zwar viele Vorteile
bieten, der Planung aber zugleich klare Grenzen setzen. Ein Brownfield-Projekt
kann Investitionen begrenzen und vorhandene Strukturen nutzen. Es muss aber mit
bestehenden Gebäuden, Layouts, Anlagen und laufenden Prozessen zurechtkommen.
Genau darin liegt die Komplexität.
Lackiererei und Karosseriebau bleiben besonders
anspruchsvoll
Besonders herausfordernd sind Bereiche, in denen neue
Technologien tief in bestehende Prozesse eingreifen. Dazu zählen vor allem
Lackierereien. Sie sind energieintensiv, unterliegen hohen Umweltanforderungen
und haben direkten Einfluss auf die Produktqualität. Änderungen betreffen daher
nicht nur einzelne Anlagen, sondern häufig auch Energieversorgung, Emissionen,
Trocknungstechnologien, Layouts und Qualitätssicherung.
Stellantis modernisiert Lackierereien im globalen Netzwerk
und setzt dabei unter anderem auf den Four-Wet-Compact-Painting-Process,
elektrifizierte Öfen und fortschrittliche Automatisierung. Als Beispiel nennt
der Konzern Sochaux. Dort wurde die Lackiererei umfassend modernisiert und mit
elektrifizierten Prozessen, KI-basierter Qualitätskontrolle und optimierten
Layouts ausgestattet.
Auch der Karosseriebau zählt zu den anspruchsvollen
Bereichen. Dort ist der Automatisierungsgrad hoch, Robotik ist tief in die
Prozesse integriert. Neue Fahrzeugarchitekturen müssen daher in bestehende
Anlagen und Steuerungssysteme eingebunden werden. Das kann neue Fügeverfahren,
andere Geometrien oder geänderte Prozessfolgen erfordern, während Taktzeiten
und Qualitätsanforderungen stabil bleiben müssen.
In der Endmontage liegt die Herausforderung weniger in
einzelnen Anlagen als in der wachsenden Variantenvielfalt. Wenn Verbrenner,
Hybride und Elektrofahrzeuge auf gemeinsamen Linien entstehen, müssen Logistik,
Ergonomie, Prüfprozesse und Qualifizierung der Mitarbeitenden mitziehen. Auch
batteriebezogene Tätigkeiten und Hochvoltprüfungen verändern die Anforderungen
an die Linie.
Umbauten müssen in den laufenden Betrieb passen
Die größte praktische Schwierigkeit vieler
Brownfield-Projekte liegt darin, neue Produkte, Anlagen oder Prozesse
einzuführen, ohne die laufende Produktion stärker als nötig zu stören.
Stellantis plant solche Umstellungen deshalb langfristig und setzt sie
phasenweise um. Größere Eingriffe werden nach Möglichkeit in geplante
Stillstandszeiten gelegt, etwa in die Sommerpause.
Das verlangt eine enge Abstimmung zwischen Produktion,
Engineering, Logistik, Instandhaltung, Supply Chain und Zulieferern.
Installation, Inbetriebnahme und Hochlauf müssen so getaktet werden, dass
Lieferzusagen eingehalten und Qualitätsrisiken begrenzt werden können. In
einzelnen Fällen können vor kritischen Umbauphasen Bestände aufgebaut werden,
um die Kundenbelieferung während der Arbeiten abzusichern.
Die Wiederverwendung vorhandener Anlagen und Infrastruktur
begrenzt zwar den Kapitalbedarf. Sie erhöht aber zugleich die planerische
Komplexität. Neue Systeme müssen in bestehende Strukturen passen, und die
Übergänge zwischen alter und neuer Produktion müssen beherrscht werden.
Brownfield ist damit weniger eine einmalige Umrüstung als ein genau
sequenzierter Eingriff in ein laufendes industrielles System.
Digitale Werkzeuge sollen Risiken früher sichtbar machen
Simulation, digitale Zwillinge und virtuelle Validierung
gewinnen bei solchen Projekten an Bedeutung. Sie ermöglichen es, Layouts,
Materialflüsse, Automatisierungskonzepte und Prozessänderungen vor der
Umsetzung zu prüfen. Gerade bei Umbauten im Bestand können digitale Modelle
helfen, Engpässe früh zu erkennen und verschiedene Szenarien durchzuspielen.
Stellantis integriert digitale Zwillinge, Simulation und
Predictive Analytics nach eigenen Angaben zunehmend in Fertigungsplanung und
Industrialisierung. Ziel ist es, Risiken zu senken, Entscheidungen zu
verbessern und Probleme virtuell zu lösen, bevor Anlagen auf dem Shopfloor
installiert werden. Der Konzern will damit auch die Zusammenarbeit zwischen
Engineering-Teams und Werken früher und enger verzahnen.
Dieser Ansatz wurde zuletzt durch eine Initiative zur
Ausweitung KI-gestützter digitaler Zwillinge im Produktionsnetzwerk verstärkt.
Sie soll die Industrialisierung beschleunigen, die operative Leistung
verbessern und datenbasiertere Entscheidungen ermöglichen.
Transformation bleibt auch eine Frage der Menschen
So sehr technische Aspekte bei der Transformation auch im
Fokus stehen – ihr Erfolg hängt nicht allein von Anlagen, Robotern oder
Software ab. Neue Prozesse, neue Ausrüstung und neue Sicherheitsanforderungen
müssen von den Mitarbeitenden verstanden und beherrscht werden. Stellantis
bindet deshalb Produktionsmitarbeiter, Instandhaltung, Arbeitssicherheit,
Engineering und Werksmanagement früh in die Projekte ein.
Der Konzern spricht dabei von einem
Workplace-Integration-Ansatz. Engineering-Funktionen und Werksteams arbeiten
demnach bereits in frühen Projektphasen zusammen, damit praktische Erfahrungen
aus dem Werk in Prozessgestaltung und Industrialisierungsentscheidungen
einfließen. Gerade bei Umbauten im Bestand kann diese Rückkopplung entscheidend
sein, weil nicht jede praktische Einschränkung in zentralen Planungsmodellen
sichtbar wird.
Schulungen, Workshops und Pilotaktivitäten sollen
Mitarbeitende vor dem vollständigen Rollout auf neue Anlagen und Prozesse
vorbereiten. Instandhaltungsteams werden früh eingebunden, um technisches
Wissen aufzubauen und die langfristige Anlagenverfügbarkeit zu sichern. Wo
ähnliche Technologien bereits an anderen Standorten laufen, können erfahrene
Teams beim Wissenstransfer helfen.
Mit Digitalisierung und Automatisierung verändern sich
zugleich die Kompetenzprofile. Datenverständnis, digitale Werkzeuge und
Kenntnisse moderner Fertigungstechnologien werden wichtiger. Damit ist die
Werkstransformation nicht nur ein Investitionsprogramm, sondern auch ein
Qualifizierungsprozess.
Zielkonflikte sind vorprogrammiert
Allein die Stellantis-Beispiele zeigen, wie stark sich die
industrielle Transformation in der Automobilindustrie in den Bestand verlagert.
Für Stellantis ist Brownfield nicht nur eine Reaktion auf Kosten- und
Kapazitätsdruck. Der Ansatz soll vorhandene industrielle Substanz nutzen und
Werke zugleich auf neue Produkte, Plattformen und Antriebe vorbereiten. Doch sich
daraus bildende Zielkonflikte sind nicht von der Hand zu weisen. Bestehende
Werke bieten zwar eingespielte Belegschaften, vorhandene Logistikstrukturen,
etablierte Zulieferbeziehungen und geringeren Kapitalbedarf. Gleichzeitig
begrenzen sie jedoch die planerische Freiheit und machen Umbauten im laufenden Betrieb
anspruchsvoll.