Mercedes-Produktion in Tuscaloosa

Wie aus Tuscaloosa ein Mercedes-Standort für die Welt wurde

Zwischen Washington und Berlin mag es gerade kräftig knirschen. Aber Mercedes lässt auf Amerika nichts kommen. Schließlich haben die Schwaben in Tuscaloosa jetzt gerade ihr fünf millionstes Auto gebaut. Und erneut Milliarden-Investitionen angekündigt. Ein Besuch.

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Heimat der Mercedes-Benz SUVs: Die Weltpremieren des neuen GLE und GLS wurden vom fünfmillionsten in Tuscaloosa montierten Fahrzeug gekrönt – ein Meilenstein für das Werk und die Menschen.
Heimat der Mercedes-Benz SUVs: Die Weltpremieren des neuen GLE und GLS wurden vom fünfmillionsten in Tuscaloosa montierten Fahrzeug gekrönt.
Dwight steht frontal vor einer dunkelblauen Wand, die mit Mercedes-Benz Geschichte dekoriert ist. Über ihm hängen zwei große klassische Kühlergrills, darum herum mehrere gerahmte Bilder historischer Mercedes-Modelle, Motorsportmotive und ein rundes Mercedes-Benz Service-Schild. Dwight trägt ein dunkelblaues Poloshirt mit Mercedes-Benz Logo und Namensstickerei, schwarze Hose, schwarzen Gürtel, schwarze Mercedes-Kappe und dunkle Sonnenbrille um den Hals. Er steht auf hellem Fliesenboden, die Wand hinter ihm ist im unteren Bereich in Holzoptik verkleidet. Das Bild verbindet die Person Dwight mit der Traditionslinie der Marke und unterstreicht seine Rolle als Zeitzeuge der Mercedes-Geschichte in Alabama.
Vor Kühlergrills, Klassikern und Markenmotiven steht Dwight als einer, der die Geschichte von Mercedes in Alabama von Anfang an miterlebt hat.

Er war gerade mal drei Tage im Job, da musste er schon wieder Koffer packen. Noch bevor Dwight den ersten Schlagschrauber in die Hand genommen hat, haben sie den einstigen Land- und Bergarbeiter aus dem tiefen amerikanischen Süden erst einmal nach Sindelfingen geschickt. Denn erstens war damals dort, wo jetzt auf rund vier Millionen Quadratmetern bald ein Dutzend moderner Werkshallen stehen, noch Wald und Wiese. Und zweitens wussten weder Dwight noch seine anfangs kaum mehr als 1 000 Kollegen, wie man ein Auto zusammen baut. Geschweige denn, einen Mercedes.

„Also haben sie uns gleich nach der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag in den Flieger gesteckt und immer wieder für ein paar Wochen nach Deutschland geschafft, damit wir in Sindelfingen am Band lernen konnten“, erinnert sich der mittlerweile Beinahe-Pensionär und kann es noch immer nicht glauben. „Für einen einfachen Kerl von einer Farm in Alabama war das schon eine echte Nummer. Dass ich mal so weit rum kommen würde, habe ich mir damals nicht träumen lassen.“

Mercedes in Tuscaloosa: Vom Aufbauwerk zum Millionen-Standort

Die ist jetzt runde 30 Jahr her, in denen sich viel getan hat. Für Dwight, weil er seitdem so oft in Deutschland war, dass er es schon nicht mehr zählen kann und weil er mittlerweile nicht nur Bier und Burger mag, sondern auch Trollinger und Maultaschen. Und natürlich auch für Mercedes. Denn kaum war Dwight zurück, haben die Schwaben hier in dem bis Sommer 1996 für 300 Millionen Dollar aus dem Boden gestampften Komplex Mercedes Benz U.S. International (MBUSI) in Tuscaloosa im Frühjahr 1997 die Produktion in ihrem ersten großen Werk außerhalb Deutschlands gestartet – und feiern jetzt, 29 Jahre später, die ersten fünf Millionen Fahrzeuge Made in USA.

Mercedes’ wichtiges Werk in den USA

Weil sie in den Südstaaten ausschließlich SUV produzieren und das längst weltweit die bevorzugte Fahrzeuggattung ist, ist das Werk, dessen Belegschaft mittlerweile auf 5 800 Mitarbeiter angewachsen ist, besonders wichtig für die Schwaben: Knapp zwei Drittel der maximal 300 000 Autos gehen aus Amerika ins Ausland und machen Mercedes-Benz US International (MBUSI) damit zu einem der größten Fahrzeugexporteure im Land.

Aber das Werk hat für Mercedes nicht nur eine enorme wirtschaftliche Bedeutung, sondern Vorstandschef Ola Källenius hängt auch mit dem Herzen daran. Schließlich hat er den Standort als Jungmanager mit ausgesucht und dann dort seinen ersten längeren Auslandseinsatz gehabt. Sechs Jahre hat er dort gelebt. „In der Zeit habe ich dort nicht nur Freunde fürs Leben gefunden, sondern auch meine Familie gegründet“, lässt er mal ein paar Emotionen durchblicken und erzählt davon, dass hier sogar zwei seiner Kinder geboren wurden und dass er das ebenso rustikale wie delikate Dreamland BBQ am Stadtrand von Tuscaloosa bis heute als Stammkneipe führt.

Häufige Fragen zum Mercedes-Werk in Tuscaloosa

Wie viele Fahrzeuge hat Mercedes in Tuscaloosa gebaut?

Mercedes hat im Werk Tuscaloosa inzwischen fünf Millionen Fahrzeuge produziert.

Welche Modelle baut Mercedes in Tuscaloosa?

In Alabama produziert Mercedes vor allem SUV-Modelle wie den GLE, das GLE Coupé, den GLS sowie das EQS SUV und die jeweiligen Maybach-Versionen.

Warum ist das Werk in Tuscaloosa für Mercedes so wichtig?

Der Standort ist für Mercedes ein zentrales SUV-Werk, ein wichtiger Exportstandort und ein strategischer Baustein für das US-Geschäft.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten bei Mercedes in Tuscaloosa?

Die Belegschaft in Tuscaloosa ist im Lauf der Jahre auf rund 6.000 Mitarbeiter angewachsen.

Was investiert Mercedes in den Standort USA und in Alabama?

Mercedes will bis zum Ende der Dekade sieben Milliarden Dollar in den USA investieren, davon sollen vier Milliarden Dollar nach Tuscaloosa fließen.

Warum Alabama für Mercedes mehr ist als nur ein Werk

Kein Wunder, dass sie aufs Deutsch-Amerikanische Verhältnis nichts kommen lassen hier unten in Alabama. Im großen nicht, weil die USA für Mercedes nach China noch immer der wichtigste Markt sind und sie keinesfalls wieder irgendwelche Zoll-Diskussionen anfachen wollen.

Und im kleinen, weil Washington von Tuscaloosa aus verdammt weit weg ist: „Freundschaften sind wichtiger und enger als Politik“, sagt Dwight, der Mitarbeiter der ersten Stunde, während er zum Lunch bei Sadies Diner gegenüber der Werks sitzt, wo an den Wänden keinen Cadillacs und keine Chevrolets hängen und keine romantischen Szenen von der Route 66, sondern wo die Herren Kling, Hermann oder Carracciola in Silberpfeilen über die Nordschleife fliegen und im ganzen Gastro-Bereich ein Best of Benz plakatiert ist.

Wie sich Produktion und Modelle in 30 Jahren verändert haben

Wenn Dwight auf dem Parkplatz vor dem Diner über eine der ersten M-Klassen stolpert, aus alter Gewohnheit den Fugenverlauf kontrolliert, schnell noch den Tankdeckel gerade drückt, versiert jeden Bauschritt und jede Teilenummer erinnert, als wäre es gestern gewesen, und dann rüber auf das riesige Werk schaut, kann er noch immer kaum glauben, was in den letzten drei Jahrzehnten passiert ist.

Wie mühsam es war, die Produktion Woche für Woche, Monat für Monat von anfangs nicht mal 50 auf später 150 Autos pro Tag hochzufahren, während sie in der gleichen Zeit mühelos rund 1 000 Geländewagen schaffen. Wie die Taktzeiten von Anfangs 3:40 Minuten angezogen haben auf mittlerweile 70 Sekunden. Wie stark die Belegschaft gewachsen ist, die mittlerweile fast rund 6000 Kollegen zählt. Und wie breit gefächert die Produktpalette heute ist, die sie in Tuscaloosa bauen. Denn was mal mit der M-Klasse begonnen hat, ist zu einer ganzen SUV-Sippe angewachsen. Neben dem M-Klasse Nachfolger GLE als Steilheck und Coupé bauen sie auch den GLS, seit 2023 fertigen sie das EQS SUV und weil es die beiden auch als Maybach gibt, ist Tuscaloosa neben Stuttgart die einzige wahre Luxus-Fabrik im Mercedes-Imperium.

Welche Investitionen Mercedes jetzt in Alabama plant

Dafür hat Mercedes kräftig investiert, das Werk immer wieder modernisiert und erweitert. Zuletzt zum Beispiel 2023, als die Schwaben für die Produktion des ersten elektrischen US-Mercedes in direkter Nachbarschaft auch ihr erstes Batteriewerk in den USA eröffnet haben.

Und auch jetzt haben sie wieder noch einmal die Schatulle noch einmal aufgemacht. Bis zum Ende der Dekade wollen sie sieben Milliarden Dollar in den USA investieren und vier davon sollen nach Tuscaloosa fließen, damit dort ab dem nächsten Jahr auch der GLC anlaufen kann. Schließlich hat der mit den größten Anteil an den zuletzt gut 300 000 US-Zulassungen der Schwaben.

Neben der neuerlichen Erweiterung der Modellpalette steckt Mercedes auch noch einmal Geld in die Dekarbonisierung: So hat MBUSI zum Beispiel Verträge mit seinen Energieversorgern geschlossen, nach denen das Werk ab Mitte des Jahres komplett mit Solarstrom versorgt wird.

Mercedes als Jobmotor im Süden

Aber nicht nur bei Mercedes ist in den letzten 30 Jahren viel passiert, sondern auch drumherum. Das Werk hat fast 150 Zulieferer angezogen und sichert so indirekt noch einmal rund 60 000 Jobs. Und vor allem hat es die Südstaaten auf die Landkarte der PS-Branche gebracht. Nicht umsonst residieren BMW und VW mit ihren US-Werken Spartanburg und Chattanooga in den Nachbarstaaten South Carolina und Tennessee und auch Hyundai und Kia haben sich nur ein paar Autostunden weiter hier in Alabama angesiedelt: Mercedes hat seinen US-Sitz seitdem von New York nach Atlanta verlegt und der letzte Erfolg der Südstaaten ist das neue Scout-Werk in South Carolina das nächstes Jahr ans Netz gehen soll.

Wie Mercedes auch den Alltag in Alabama geprägt hat

Und die Veränderungen sind natürlich nicht nur wirtschaftlicher Natur: Es gibt einen Mercedes-Marathon, Konzerte in Tuscaloosa schaut man im Mercedes Amphitheater, Sportfans gehen nicht nur zum Football in das achtgrößte Stadion der Welt auf dem Campus der University of Alabama. Sondern sie spielen hier längst auch alle Soccer und und schauen bisweilen in den Sportsbars sogar die Bundesliga. Und wenn sie am Game Day ihre BBQ machen gibt’s nicht nur Ribs und Coleslaw, sondern immer wieder auch mal Bratwurst und Kartoffelsalat. Selbst in der Werkskantine in Tuscaloosa haben sie meist ein deutsches Gericht auf der Karte, obwohl es hier 30 Jahre nach dem Start nur noch ein paar dutzend Expats gibt, sagt Köchin Leticia Mayhand, die jetzt aber erstmal den „Taco Tuesday“ stemmen muss.

Veteranen wie Dwight können das alles noch immer kaum glauben. Aber immerhin kann der Amerikaner seine Verwunderung nach 30 Jahren bei Mercedes und ein paar Dutzend Deutschlandreisen mittlerweile auch auf Deutsch ausdrücken.