Produktionsanlauf in Hannover

So integriert VWN den neuen Multivan in die laufende Fertigung

Volkswagen Nutzfahrzeuge hat die Produktion des überarbeiteten Multivan in Hannover gestartet. Größere Umbauten waren dafür nicht nötig. Stattdessen passte VWN bestehende Anlagen und Montagehilfen gezielt an.

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Der neue Multivan läuft vom Band in Hannover.

Kurz vor Beginn der IAA Transportation in Hannover vermeldete Volkswagen Nutzfahrzeuge den Anlauf des neuen Multivan in derselben Stadt. Auf der Messe selbst nimmt der VWN-Stand in Halle 12 gefühlt die Hälfte der Halle ein. Auch auf dem Freigelände ist die Nutzfahrzeugsparte Volkswagens nicht zu übersehen. Natürlich erfolgte die Planung des Messeauftritts unabhängig von der aktuellen Situation rund um das Stammwerk im Stadtteil Stöcken. Dennoch wirkt es gerade jetzt so, als wolle man in der Landeshauptstadt zeigen, dass eine Zukunft ohne den Standort Hannover für VW keine gute Idee wäre. Nach einem internen Transformationskonzept des Volkswagen-Vorstands könnte die Fahrzeugproduktion am Standort 2032 auslaufen. Die nächste Elektro-Transporterfamilie B-Space, intern T8, könnte demnach anschließend im polnischen Poznań gebaut werden. Für Hannover würde damit ausgerechnet ein wichtiges Folgeprojekt fehlen.

Dabei hat Volkswagen den Standort in den vergangenen Jahren umfassend transformiert. Heute entstehen dort ID. Buzz, Multivan und California, parallel wurde eine lokale Batteriesystemfertigung aufgebaut. Zudem läuft bereits die Vorserienproduktion des autonomen ID. Buzz AD, dessen Serienfertigung 2027 beginnen soll. Hannover verbindet damit verschiedene Antriebskonzepte, Plattformen und zunehmend auch Software- und Sensorikthemen innerhalb eines bestehenden Werks.

Umso wichtiger ist die Frage, wie effizient neue Produkte und Produktänderungen in diese Strukturen integriert werden können. Beim aufgefrischten Multivan gelingt das mit vergleichsweise kleinen Eingriffen. Neue Scheinwerfer und Stoßfänger verändern die Front, im Innenraum kommen eine neue Schalttafel, ein 12,9 Zoll großes Infotainmentdisplay sowie neue Sitzvarianten hinzu. In der Produktion fiel der Aufwand dennoch überschaubar aus.

Das war bereits während der Entwicklung ein Ziel. Produktentwicklung und Produktion arbeiteten nach Angaben von Volkswagen Nutzfahrzeuge frühzeitig zusammen, damit sich die Änderungen möglichst ohne größere Eingriffe in die bestehenden Fertigungsabläufe umsetzen lassen. Neue Produktionsbereiche waren nicht notwendig, auch umfangreiche Umbauten an den Linien blieben aus.

Anpassungen von Karosseriebau bis Montage

Ganz ohne Änderungen ging der Modellwechsel allerdings nicht. Sie verteilen sich über mehrere Gewerke. Im Karosseriebau und Presswerk waren beispielsweise Anpassungen an der A-Säule notwendig. Dort kamen zusätzliche Lochbilder und Befestigungspunkte für einen neuen Haltegriff auf der Beifahrerseite hinzu. Dafür musste die vorhandene Anlagentechnik laut Volkswagen Nutzfahrzeuge lediglich in kleinerem Umfang verändert werden. In der Montage wurde anschließend der zusätzliche Haltegriff in den Fertigungsprozess integriert. Auch die neuen Außenfarben wirken bis in die Produktion hinein. Die Lackiererei musste ihre Lackversorgungs- und Applikationsprozesse entsprechend abstimmen und die dafür notwendigen Prozesse neu freigeben.

Deutlicher waren die Auswirkungen einzelner Änderungen in der Montage. Für den neuen Beifahrersitz mit Isofix-Anbindung musste VWN den bestehenden Sitz-Manipulator anpassen. Gleiches gilt für das überarbeitete Frontend. Der neue Stoßfänger erforderte eine Anpassung des Frontend-Manipulators. Dass Hannover regelmäßig für solche Änderungen in bestehenden Strukturen umgebaut wird, zeigte sich bereits bei früheren Modernisierungsmaßnahmen im Werk. Damals nutzte VWN ebenfalls den Urlaubskorridor für zahlreiche Eingriffe in Presswerk, Karosseriebau, Lackiererei und Montage.

Umbau überwiegend während der laufenden Produktion

Auch beim aktuellen Multivan-Anlauf benötigte Volkswagen Nutzfahrzeuge keinen umfangreichen Produktionsstopp. Die Umstellung wurde weitgehend innerhalb der laufenden Serienfertigung umgesetzt. Die notwendigen Arbeiten fanden überwiegend an Wochenenden sowie während eines ohnehin langfristig eingeplanten Umbaufensters im Werksurlaub statt. Die bestehenden Produktionslinien konnten dadurch größtenteils weiter genutzt werden.

Gerade vor dem Hintergrund der Auslastung des Werks Hannover gewinnt dieser Ansatz an Bedeutung. Das Werk ist laut Betriebsrat für bis zu 360.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. Für 2026 wurden zuletzt rund 202.000 Einheiten erwartet, zudem soll 2027 eine der beiden Fertigungslinien stillgelegt werden.

Elektronik sorgt für zusätzlichen Absicherungsbedarf

Die anspruchsvollsten Aufgaben lagen dabei nicht ausschließlich bei sichtbaren Bauteilen wie Stoßfänger oder Sitzen. Eine besondere Rolle spielte die Elektronik. Beim Wechsel auf die neuen Komponenten und Prozesse mussten neu auftretende Fehlerspeichereinträge analysiert werden. Gleichzeitig galt es, die Abläufe für die Bewertung und Behandlung irrelevanter oder fehlerhafter Einträge entsprechend abzusichern.

Zusätzliche Vorbereitung erforderte der Cockpit-Bereich. Die überarbeitete Schalttafel, das neue Digital Cockpit und die nächste Generation des Infotainmentsystems machten eine sorgfältige Vorbereitung der Abläufe notwendig. Die Beschäftigten in der Cockpit-Vormontage wurden dafür gezielt qualifiziert.

50 Fahrzeuge vor dem eigentlichen Serienhochlauf

Bevor die reguläre Serienproduktion anlief, fertigte Volkswagen Nutzfahrzeuge 50 vorgezogene Serienfahrzeuge. Sie dienten dazu, den Anlauf unter seriennahen Bedingungen abzusichern. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse aus Montage und Elektrik flossen unmittelbar in die weitere Optimierung und Feinabstimmung der Prozesse ein. Der anschließende Serienanlauf verlief nach Angaben von VWN planmäßig. Die Produktaufwertung konnte damit in die bestehende Serienfertigung integriert werden, ohne den Produktionsablauf wesentlich zu beeinträchtigen.

Für Hannover ist der Multivan dabei nur ein Teil der aktuellen Veränderungen. Parallel hat Volkswagen Nutzfahrzeuge auch die Fertigung des California neu organisiert. Seit August wird das Reisemobil erstmals vollständig auf neuen Produktionslinien in Hannover-Stöcken gefertigt. Zuvor erfolgte der Reisemobilausbau außerhalb des Hauptwerks in Hannover-Limmer. Während beim California also Produktionsschritte räumlich zusammengeführt werden, zeigt der Multivan-Anlauf, wie weit sich Produktänderungen mit gezielten Eingriffen in bestehende Anlagen integrieren lassen. Für ein Werk, dessen langfristige Rolle im Produktionsnetzwerk derzeit erneut zur Diskussion steht, dürfte genau diese Fähigkeit zu möglichst flexibler und investitionsarmer Anpassung weiter an Bedeutung gewinnen.