KI spielt bei vielen Laserprozessen bereits eine Rolle. Ein Blick auf die Strategien von Bosch, Schaeffler und VW zeigt die Bandbreite: Sie reicht von smarten Bremsscheiben und autonomer Batteriefertigung bis hin zum lernenden 3D-Druck.
Nikolaus FechtNikolausFecht
3 min
Beim vom Fraunhofer ILT entwickelten Extremen Hochgeschwindigkeits-Laserauftragschweißen (EHLA) kommt KI zum Einsatz. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.Fraunhofer ILT
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Künstliche
Intelligenz ist für die Laser-Community kein neues Thema. Das zeigt sich
besonders auf dem Branchentreff AKL’26 International Laser Technology Congress
in Aachen. Es feiert in
diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen und gilt als Insider-Treffen der
europäischen Laserbranche. Ging es dort früher vor allem um das Sichten von Daten,
Qualitätskontrolle und digitale Transparenz, greift künstliche Intelligenz nun immer
mehr in den laufenden Prozess ein.
Einen noch sehr
frühen Ansatz zeigte Schaeffler in Aachen: Das Unternehmen setzt KI beim
Multimaterial-3D-Druck ein, dem kombinierten Verarbeiten unterschiedlicher
Werkstoffe in einer Anlage (LPBF-Verfahren). Die KI-Sichtprüfung analysiert
Sichtbilder und korrigiert einfache Fehler. Komplexere Probleme führen noch zum
Anlagenstopp und verlangen nach menschlichem Eingriff. Genau diesen Part soll ein
selbstlernendes System übernehmen. „Mit jeder Schicht, die wir legen und
aufzeichnen, füttern wir die KI mit Realdaten“, erklärte Florian Dörrfuß,
Produktionsfachmann beim Schaeffler Sondermaschinenbau. „Noch arbeiten wir
teilweise mit synthetischen Fehlerdaten, doch je mehr Maschinen im Feld laufen,
desto schneller lernt das System.“
Auch die Volkswagen Group Components in Hannover nutzt KI im Zusammenspiel mit
3D-Druck. Der interne VW-Zulieferer beschichtet Bremsscheiben mit dem Extremen
Hochgeschwindigkeits-Laserauftragschweißen (EHLA). Die vom Fraunhofer ILT
entwickelte Technologie bringt eine Hartmetallschicht additiv auf Grauguss auf.
Dafür sprechen hohe Produktivität, geringe Wärmeeinbringung und der Verzicht
auf eine separate Vorbehandlung der Oberfläche. Volkswagen spricht von
tausenden Teilen pro Tag und Materialwirkungsgraden von deutlich über 90
Prozent.
Wir müssen den Prozess sichern und Daten sammeln, um Verschleißphänomene rechtzeitig zu erkennen und den Austausch der Komponenten rechtzeitig zu planen.
Markus Harke, Volkswagen Group Components
Die ersten
Versuche liefen vor gut zehn Jahren gemeinsam mit dem Fraunhofer ILT. Damals
startete das Verfahren mit rund zwei Kilowatt Laserleistung, heute arbeitet
Volkswagen nach Angaben von Entwickler Markus Harke mit 20 Kilowatt. Ziel sind
weniger Feinstaubemissionen, längere Standzeiten (100.000 Kilometer) und
robustere Serienprozesse. Preiswert ist die neue Technik zunächst allerdings
nicht. Harke gab zu, dass die Bremsen durch diesen aufwendigen Laserprozess
„mehr als doppelt so teuer werden wie bisher“.
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Langfristig seien
jedoch Leistungen von 30 Kilowatt und mehr denkbar. Damit kommt EHLA für die
Großserienproduktion infrage. Für VW wäre das ein wichtiger Schritt – nicht nur
zur Senkung der Kosten, sondern auch, um beschichtete Bremsscheiben im großen
Umfang in Volumenmodellen einzusetzen und so auch steigende Emissionsvorgaben
wirtschaftlich zu erfüllen.
Das Verfahren verändert auch den Blick auf den Gesamtprozess: Als Engpass gilt weniger das Lasern selbst als vielmehr Pulverhandling, Komponentenverschleiß und Prüfprozesse. Harke: „Wir müssen den Prozess sichern und Daten sammeln, um Verschleißphänomene rechtzeitig zu erkennen und den Austausch der Komponenten rechtzeitig zu planen.“ Es ist derselbe Trend wie bei Schaeffler: KI soll einzelne Prozessschritte optimieren und zugleich komplette Fertigungslinien robuster machen.
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Bosch denkt in Sachen KI als Hersteller von Anlagen noch weiter: Die Schwaben wollen künftig Anlagen als komplette digitale Systeme mit IT-Architektur, Edge-Computing, Datenpipelines und softwaregestützter Qualitätskontrolle anbieten. Software und KI bestimmen dann die Leistung der Maschinen, deren Fertigungsprozesse sich laufend optimieren. Wie die KI-Zukunft aussehen könnte, beschrieb Andreas Russ, Senior Manager Technology bei Bosch Manufacturing Solutions, am Beispiel einer großformatigen Schweißanlage für Batteriepacks mit rund 600 Kilogramm Gewicht und etwa 1.000 Zellen. Daraus ergeben sich rund 2.000 Schweißverbindungen je Pack. Bei dieser Größe stößt die klassische manuelle Optimierung an Grenzen. Die Stuttgarter setzen deshalb auf ein eng verzahntes Zusammenspiel aus Messtechnik, digitalem Zwilling und automatisierter Prozessführung.
Virtuelles Teamwork: Bosch Manufacturing Solutions setzt bei Schweißanlagen für Batteriepacks auf das gezielte Zusammenspiel von Laser und KIBosch Manufacturing Solutions
Wenn digitale Zwillinge den Prozess optimieren
Bereits vor dem
realen Aufbau werden Bewegungsabläufe, Taktzeiten und Steuerungsprogramme
virtuell getestet. „Wenn ich digitale Zwillinge habe, dann kann ich sie
natürlich nutzen, um in der frühen Phase schon auf digitaler Ebene die
Maschinen zu optimieren“, erläutert Russ. Ziel sei es, Anlagen mit hohem
Reifegrad in die Produktion zu bringen und die Inbetriebnahme deutlich zu
beschleunigen.
In der realen
Fertigung vermisst die Anlage zunächst nicht nur jede einzelne Batteriezelle,
sondern auch ein mehrteiliges Zellkontaktiersystem, das dann nach dem „Best
Fit“-Prinzip positionsgenau abgelegt wird. Erst dann startet das eigentliche Laserschweißen.
Damit verschiebt sich der Fokus von nachgelagerter Qualitätskontrolle hin zur
gezielten Fehlervermeidung.
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Die Maschine
wandelt sich zum intelligenten System. Bosch integriert nach eigenen Angaben
mehr als 40 Achsen und über 30 Koordinatensysteme. Entsprechend wichtig seien
automatische Überwachung, Kalibrierung und Zustandskontrolle. Selbst die
Fokuslage des Lasers werde vollautomatisch in weniger als 15 Sekunden
eingestellt – ohne dass der Bediener eingreift.
Die in Aachen
skizzierten Entwicklungen zeichneten sich bereits am Fraunhofer ILT ab. Carlo
Holly, Leiter des RWTH-Lehrstuhls für Technologie optischer Systeme sowie
Abteilungsleiter Data Science und Messtechnik am Fraunhofer ILT, zeigte in
seinem Schlussvortrag die nächste Stufe der KI-Nutzung auf: „Unsere Rolle
wechselt von manueller Ausführung hin zur Orchestrierung.“ KI-Agenten könnten
künftig Literatur auswerten, Versuche planen, Daten erzeugen und Labor- wie
Produktionsabläufe autonom optimieren. Damit würde sich die Rolle des Menschen
zunehmend von der Bedienung einzelner Prozesse hin zur Steuerung komplexer Gesamtsysteme
verschieben.
„Wer Daten nicht sauber erfasst, kann keine leistungsfähige KI einsetzen“
Julius Neuß, Gruppe Prozesssensorik und Systemtechnik am Fraunhofer ILTFraunhofer ILT
Bereits auf der Spectaris-Konferenz
in Berlin hieß es im Herbst 2025: Erst kommt die Datenstrategie, dann die KI.
Wie weit ist die Autoindustrie?
Neuß: Neue
Maschinen bringen heute vieles mit, was KI braucht – Sensorik, Datenerfassung,
Schnittstellen. Das Problem liegt oft im gewachsenen Maschinenpark. Gerade in
etablierten Fertigungen stehen heterogene Anlagen aus vielen Jahren. Diese auf
einen Standard zu bringen, ist technisch und organisatorisch anspruchsvoll.
Gleichzeitig braucht KI große, saubere Datenmengen aus vielen Maschinen. Genau
dort hakt es häufig noch.
Wo bietet KI in
der Laserfertigung derzeit den größten praktischen Nutzen?
Kurzfristig klar
in der Prozessüberwachung und Qualitätssicherung. Das lässt sich einfacher
integrieren. Das eigentliche Potenzial liegt aber in der Echtzeitregelung. Dann
würde Expertenwissen digital in die Maschine wandern und unmittelbar auf
Schwankungen reagieren. Viele Unternehmen tun sich allerdings
noch schwer mit einer „Blackbox“, die aktiv Prozessparameter verändert.
Wo würden Sie
investieren, wenn Sie heute Werksleiter wären?
Zuerst in
Digitalisierung und Sensorik. Wer Daten nicht sauber erfasst, kann später auch
keine leistungsfähige KI einsetzen. Ein sinnvoller Einstieg sind
Assistenzsysteme, die mitlaufen, analysieren und dem Bediener Hinweise geben.
Das schafft Nutzen und Vertrauen.
Sie sprachen auf
dem AKL’26 über „Self-supervised Learning“. Was ist daran interessant?
Klassisches
Machine Learning braucht viele von Experten markierte Trainingsdaten. Das ist
teuer und langsam. Beim Self-supervised Learning nutzt der Anwender zunächst
unmarkierte Rohdaten, um Modelle vorzutrainieren. Danach reicht deutlich
weniger Aufwand für die eigentliche Anwendung. Das macht Systeme flexibler und
schneller anpassbar.
Gibt es dafür
schon Ergebnisse?
Ja. In einem
Projekt zur Schweißüberwachung konnten wir die nötige Menge an Trainingsdaten
um 20 bis 30 Prozent senken – bei gleicher Modellqualität. Für die Industrie
ist das ein starkes Signal.
Was fehlt noch
für den breiten Durchbruch?
Daten,
Partner und Offenheit zur Zusammenarbeit. Gerade Forschungsinstitute verfügen
über breite Datensätze aus vielen Prozessen. Wenn mehr Unternehmen bereit sind,
Daten strukturiert einzubringen, werden die Modelle deutlich besser.