Digitale Zwillinge und Physical AI sind aktuell die größten Game Changer der Automobilproduktion. Beispiele von BMW, Volkswagen oder Schaeffler verdeutlichen, warum einige technologischen Versprechen erst noch den Realitätstest bestehen müssen.
Silvio Zamzow von Schaefller erläuterte in Herzogenaurach, welchen Impact digitale Zwillinge schon heute auf die Produktionsprozesse beim Autozulieferer haben.UMG
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TL;DR - Digitale Fabrik 2026
Die digitale Fabrik wird in der Automobilindustrie zunehmend operativ: Digitale Zwillinge, KI-gestützte Planung und Live-Daten aus der Produktion sollen nicht nur Prozesse visualisieren, sondern Entscheidungen vorbereiten und Anlagen steuerbar machen. BMW setzt auf KI in der Fabrikplanung, Schaeffler nutzt digitale Abbilder und Echtzeitdaten zur Beherrschung komplexer E-Mobility-Programme, Volkswagen und Audi treiben Physical AI und softwaredefinierte Robotik voran. Humanoide Roboter gelten dabei als spannendes Zukunftsfeld, bleiben aber noch weit von robuster Serienreife entfernt. Entscheidend wird, aus Demos skalierbare, wirtschaftliche und sichere Lösungen für den Shopfloor zu machen.
Die Automobilproduktion steht vor einem neuen
Digitalisierungsschub. Auf dem 21. Kongress Digitale Fabrik in Herzogenaurach zeigten
Experten unter anderem von BMW, Volkswagen oder Schaeffler, wie digitale
Zwillinge, KI-gestützte Planung und Physical AI die Fabrik verändern könnten.
Klar wurde aber auch: Zwischen beeindruckenden Demos und robustem Serieneinsatz
bleibt viel Arbeit.
Bei Schaeffler, diesjähriger Gastgeber der Veranstaltung,
wurde diese Verschiebung besonders greifbar. Silvio Zamzow, Senior Vice
President Operations & SCM E-Mobility beim Zulieferer, beschrieb die
Digitalisierung nicht als abstraktes Strategieprojekt, sondern als operative
Notwendigkeit. Die Division E-Mobility, die sich durch die Übernahme von
Vitesco vor zwei Jahren neu strukturiert hat, sei aus der Startup-Phase
herausgewachsen und habe inzwischen ein nennenswertes Seriengeschäft. Damit
steige die Komplexität massiv: Eine elektrische Achse könne aus rund 1.200
Bauteilen bestehen, die aus zahlreichen Standorten, Werken und Regionen
zusammengeführt werden müssten.
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Zamzow nannte ein Beispiel mit 1.280 Komponenten aus 17
Schaeffler-Standorten, sieben Werken und drei Regionen. „Alle Einflüsse, die
man haben kann, stecken da drin“, sagte er. Qualität, Material, regionale
Risiken und Lieferketten müssten so gemanagt werden, dass am Ende eine sichere
Belieferung des Kunden stehe.
Vom digitalen Master zum steuerbaren Zwilling
Für Schaeffler beginnt die Antwort darauf mit einem
digitalen Master. Gemeint ist ein möglichst vollständiges digitales Abbild von
Standort, Gebäude, Anlagenplanung und Produktentstehung, bevor Investitionen in
„Stahl und Eisen“ fließen. Der zweite Schritt sei der digitale Schatten, also
der Live-Blick auf Maschinen- und Prozessdaten. Erst aus der Verbindung beider
Welten entstehe für Zamzow der digitale Zwilling: ein System, mit dem Produkte
und Produktionsprozesse standortunabhängig lenkbar werden.
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Der Anspruch ist dabei deutlich operativer als in früheren
Digitalisierungsprogrammen. Zamzow verglich den digitalen Schatten mit einem
Navigationssystem: Wenn eine Blockade auftrete, müsse das System einen neuen
Weg vorschlagen. Übertragen auf die Produktion heißt das: Störungen, Engpässe
und Abweichungen sollen nicht mehr erst in nachträglichen Reports sichtbar
werden, sondern möglichst in Echtzeit steuerbar sein.
In der E-Mobility-Division ist Schaeffler dabei schon weit
fortgeschritten. Zamzow erklärte, 100 Prozent der E-Mobility-Flächen seien
digital erschlossen, mit definiertem jährlichem Re-Scan. Konzernweit seien rund
70 Prozent der Produktionsflächen über Navis zugänglich. Hinzu kommen
Anwendungen wie der Manufacturing Intelligence Assistant, kurz MIA. Über dieses
System können Verantwortliche auf Stations- und Anlagendaten zugreifen, Output,
OEE, Stillstände oder Fehlerbilder analysieren und Eskalationen ableiten. „Ich
will in Terminen mit Live-Daten diskutieren und nicht mit Daten, die irgendwer
eingetragen hat“, sagte Zamzow.
Gerade im Brownfield ist das jedoch kein Selbstläufer. In
der Diskussion wurde deutlich, dass Schaeffler in den vergangenen Jahren
zunächst die technische Basis schaffen musste. Mehr als 10.000 Maschinen seien
über ein eigenes Machine-Connectivity-Programm auf einen einheitlichen Standard
gebracht worden. Erst dadurch entsteht jener Data Layer, auf dem Dashboards,
digitale Zwillinge und künftige KI-Anwendungen überhaupt aufsetzen können.
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BMW setzt auf KI in der Produktionsplanung
Auch bei BMW ist der digitale Zwilling die Grundlage für den
nächsten Schritt. Tobias Delago, Researcher Virtual Factory bei der BMW Group,
machte deutlich, dass der Einsatz von KI in der Produktionsplanung besonderen
Bedingungen unterliegt. Die Komplexität sei hoch, die Datenbasis im Vergleich
zu klassischen Machine-Learning-Anwendungen aber begrenzt. BMW habe zwar
weltweit große Produktionsstrukturen, aber eben nicht Tausende identische
Anlagen als Trainingsgrundlage. „Wir haben 16 Produktionsstandorte“, sagte
Delago. Für ein Machine-Learning-Modell sei das keine „coole Anzahl“.
Deshalb verfolgt BMW nach Delagos Darstellung einen
neurosymbolischen Ansatz. Dabei werden probabilistische KI-Verfahren mit
deterministischem Expertenwissen kombiniert. Das klingt abstrakt, lässt sich
aber an einem einfachen Planungsbeispiel erklären: Eine KI muss nicht nur
Vorschläge für Anlagenlayouts generieren, sondern auch Regeln beachten, die für
Menschen selbstverständlich sind. Eine Produktionsanlage sollte etwa nicht auf
einer Hallensäule platziert werden. Genau dieses Wissen müsse symbolisch eingebracht
werden, um KI-Systeme in der Planung belastbar zu machen.
Delago ordnete den Weg in eine mehrstufige
Digitalisierungslogik ein. Zunächst habe BMW Anlagen weltweit gescannt und mit
Planungssystemen verbunden. Darauf folgten holistische Planungsumgebungen,
Simulation und Optimierung im Industrial Metaverse. Nun rücke die KI-gestützte
und zunehmend agentische Planung in den Fokus. Ziel sei nicht, beliebige
Anlagen generativ zu entwerfen, sondern verfügbare Betriebsmittel sinnvoll
anzuordnen und Planungsvarianten schneller zu bewerten. Der Maßstab sei dabei
hoch: Ein KI-Vorschlag müsse mindestens so gut sein wie das Kopieren und
Anpassen einer bewährten Anlage aus einem früheren Projekt.
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Lars Fritzsche, Geschäftsführer von IMK Industrial
Intelligence, zeigte gemeinsam mit Delago, wie KI Planungsprozesse konkret
beschleunigen kann. In der EMA-Software von IMK lassen sich manuelle
Tätigkeiten, Ergonomie, Produktivität und Materialflüsse simulieren. Bisher war
vor allem der Aufbau solcher Simulationen aufwendig. Genau hier setzt KI an:
Aus Textinformationen, Arbeitsanweisungen und 3D-Daten soll automatisch eine
erste Simulation entstehen.
Fritzsche sprach von einer neuen Qualität, weil KI Objekte
in der 3D-Szene auch dann zuordnen könne, wenn Bezeichnungen nicht exakt mit
der Arbeitsanweisung übereinstimmen, etwa bei Abkürzungen oder verschiedenen
Sprachen. In einem Beispiel habe ein erfahrener Anwender rund neun bis zehn
Minuten benötigt, die KI etwa eine Minute. Das entspreche einem Potenzial von
80 bis 90 Prozent bei der Erstellung einer Erstsimulation. Gleichwohl bleibe
der Mensch entscheidend. Fritzsche betonte, aus seiner Sicht mache „am Ende,
wenn jeder einfach KI nutzt, trotzdem noch der Mensch den Unterschied“. Der
Mensch definiere Prämissen, stoße Optimierungsschleifen an und validiere
Ergebnisse.
Physical AI wird zum nächsten Automatisierungsschritt
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Jenseits von Simulation und Planung zeigte Volkswagen, wie
KI bereits in reale Automatisierungsaufgaben hineinwächst. Timon Thomaser,
Leiter Analytical & Physical AI Produktion bei Volkswagen, und Henning
Löser, Leiter Innovationsmanagement bei Audi, stellten den Begriff „AI Robotics“
in den Mittelpunkt. Physical AI bedeute, dass KI in der physischen Welt agiere.
Wenn dies in Robotern geschehe, spreche Volkswagen von AI Robotics.
Wichtig war Thomaser die Abgrenzung zum Hype um humanoide
Roboter. Humanoide seien für Volkswagen nur ein Teilgebiet. Der Formfaktor sei
zweitrangig, entscheidend seien die Fähigkeiten, die in ein Robotersystem
integriert werden. Ziel sei es, Prozesse zu automatisieren, die bislang nicht
automatisierbar waren, Qualität zu erhöhen und Engineering-Aufwand zu
reduzieren. Thomaser sprach von der Erwartung, den Engineering-Aufwand für
klassische Robotik um bis zu 70 Prozent senken zu können. Gerade unter dem Kostendruck
deutscher Werke sei dieses Potenzial strategisch relevant.
Der Volkswagen-Konzern hat das Thema in einem
Dreischalenmodell organisiert. Ein Lead-Team von Volkswagen und Audi
koordiniert, ein Core-Team bindet die zwölf Automobilmarken ein, eine Community
soll Wissen breiter in den Konzern tragen. Die Roadmap ist dreistufig: zunächst
Use Cases umsetzen und lernen, was funktioniert; anschließend erfolgreiche
Anwendungen auf weitere Standorte ausrollen; schließlich den
Automatisierungsgrad deutlich erhöhen. Thomaser sprach von dem Ziel,
perspektivisch 50 Prozent zusätzlicher Prozesse zu automatisieren.
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Als Beispiel nannte er das Handling von Kabeln in der
Batteriemontage im VWN-Werk Hannover. Dort entnimmt ein Roboter ein Kabel aus
einer Kiste, ein zweiter übernimmt es und steckt es in der realen Produktion in
die Batterie. Grundlage sind Kameradaten, CAD-Modelle und synthetische
Trainingsdaten. Der zweite Use Case betraf das Entpacken von Kugellagern aus
Kartons und das Trennen von Verpackungsmaterialien. Hier arbeitete Volkswagen
mit dem US-Startup Rhoda AI zusammen. Nach rund zehn bis 15 Stunden
zusätzlichem Training habe das System mit zwei stationären Robotern die Aufgabe
stabil bewältigt. Thomaser zeigte sich beeindruckt von den Möglichkeiten und
kündigte an, das Thema Ende des Jahres in Wolfsburg in Serie bringen zu wollen.
Audi will Robotik aus der Automatisierungsbox lösen
Löser weitete den Blick anschließend auf die Architektur der
Automatisierung. Klassisch werde in der Industrie für eine Funktion eine Kiste
gekauft: Kamera, Rechner, Steuerung, Roboterhardware. Doch diese Logik passe
immer weniger zu einer Welt, in der sich Software und KI-Hardware in kurzen
Zyklen weiterentwickeln. Ein Roboter, der heute gekauft wird, müsse auch in
drei Jahren noch mit neuen KI-Modellen und leistungsfähigerer Hardware umgehen
können.
Löser plädierte deshalb für ein neues Paradigma. Funktionen
sollten nicht dauerhaft an proprietäre Hardware gebunden sein, sondern als
Software virtualisiert oder containerisiert im lokalen Rechenzentrum laufen
können. Audi habe gemeinsam mit Partnern bereits gezeigt, dass eine
speicherprogrammierbare Steuerung mit Safety Integrity Level 3 in einer solchen
Architektur betrieben werden könne. Daraus leitet Löser den nächsten Schritt
ab: Wenn eine virtuelle SPS möglich ist, warum sollte dann nicht auch Roboterpfadplanung
vom Roboter getrennt und zentral auf skalierbarer Hardware betrieben werden?
Seine Vision reicht bis zur Echtzeitkopplung von digitalem
Zwilling und realer Roboterzelle. Eine zentrale Steuerung könnte dann wissen,
wo sich jeder Roboter befindet, wie Prozesszeiten schwanken und wie Programme „on
the fly“ angepasst werden müssen. Klassische Verriegelungen, bei denen ein
Roboter wartet, bis der andere seine Position erreicht hat, könnten dadurch
reduziert werden. Löser sieht darin eine Chance, bestehende und künftige
Anlagen flexibler und kostengünstiger zu betreiben.
Auch hier relativierte er den Blick auf humanoide Systeme.
Auf dem Shopfloor gebe es kaum Tätigkeiten, bei denen Mitarbeitende Treppen
steigen müssten. „Warum also zwingend Beine?“, fragte Löser in die Runde. Und
warum sich auf menschliche Spannweite begrenzen, wenn vier Meter für einen
Seitenwandrahmen sinnvoller sind? Löser formulierte es zugespitzt: „Humanoide
Robotik liefere wichtige Impulse bei Perzeption, Reaktion auf Umwelteinflüsse
und Software. Für die Produktion müsse man diese Fähigkeiten aber auf Bauformen
übertragen, die tatsächlich zum Prozess passen.“
Humanoide Roboter: großes Potenzial, große Lücken
Genau diese Einordnung vertiefte Sebastian Reitelshöfer vom
Lehrstuhl für Fertigungsautomatisierung und Produktionssystematik der FAU
Erlangen-Nürnberg. Er zeichnete ein ambivalentes Bild der humanoiden Robotik.
Einerseits könnten solche Systeme für Europa und Deutschland zu einem neuen
industriellen Zukunftsfeld werden. Gerade die Automobil- und Zulieferindustrie
verfüge über Knowhow, um komplexe mechatronische Systeme in hoher Qualität zu
bauen. Andererseits sei der industrielle Einsatz noch weit von der
Alltagstauglichkeit entfernt.
Reitelshöfer warnte davor, Demo-Videos mit produktiver Reife
zu verwechseln. Anfang 2025 habe es praktisch keine marktverfügbaren humanoiden
Systeme gegeben. Inzwischen gebe es mit Unitree und Agibot erste kaufbare
Plattformen, doch diese seien noch nicht mit robusten Industrierobotern
gleichzusetzen. Beim Unitree G1 etwa fehlten CE-Kennzeichnung und industrielle
Reife; nach wenigen Minuten könnten einfache Belastungen bereits an Grenzen
stoßen. Solche Systeme seien geeignet, um zu üben und Use Cases vorzubereiten,
aber noch nicht für den breiten produktiven Einsatz.
Zugleich verwies Reitelshöfer auf die Dynamik chinesischer
Hersteller. Unternehmen wie Agibot seien erst seit kurzer Zeit am Markt,
kommunizierten aber bereits hohe Stückzahlen. China investiere massiv in
humanoide Robotik. Für Europa stelle sich daher nicht nur die Frage nach dem
Einsatz in Fabriken, sondern auch nach industrieller Souveränität. Wenn
Robotersysteme künftig eine Art Workforce in Pflege, öffentlichem Raum oder
Produktion würden, könne eine starke Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern
problematisch werden.
KI sei dabei ein zentraler Enabler, aber nicht die ganze
Lösung. Visual-Language-Action-Modelle funktionierten in Demos beeindruckend,
erreichten unter Laborbedingungen aber noch nicht die Zuverlässigkeit, die in
der Produktion nötig sei. Reitelshöfer sprach von Erfolgsquoten um 80 bis 85
Prozent für einzelne Aktionen. Für industrielle Prozesse, in denen Ausschuss
und Stillstand teuer sind, reiche das nicht aus. Hinzu kämen Normung,
Sicherheit, soziale Akzeptanz und Mechatronik. Besonders kritisch sieht er geplante
Normen für stabilisierte Robotersysteme, wenn sie Anforderungen aus der
kollaborativen Robotik nahezu unverändert übertragen. Der Nachweis, dass ein
frei agierendes KI-System bei Körperkontakt definierte Schmerztoleranzgrenzen
einhält, könne den Einsatz in Europa erheblich erschweren.
Auch die soziale Interaktion werde unterschätzt.
Reitelshöfer schilderte ein Beispiel aus einem Werk, in dem mobile Roboter
aufgrund eines Betriebsratsbeschlusses nicht mehr sprechen dürfen. Der Grund:
Die Systeme hätten ohne Szenenverständnis wiederholt Mitarbeitende gestört. Bei
humanoiden Robotern seien die Erwartungen noch höher, weil ihre Form
menschliches Verhalten suggeriere. Wenn diese Systeme in Produktionsumgebungen
akzeptiert werden sollen, müssten sie nicht nur sicher, sondern auch sozial angemessen
agieren.
Simulation als Brücke zwischen Hype und Serienfähigkeit
Ein gemeinsamer Nenner der Vorträge war die Rolle der
Simulation. Ob bei BMW, Volkswagen oder Schaeffler: Digitale Modelle sollen
nicht nur Planung visualisieren, sondern Entscheidungen vorbereiten, Varianten
bewerten und reale Systeme steuerbar machen. Fritzsche zeigte, wie humanoide
Roboter in EMA-Szenarien simuliert und mit manuellen Tätigkeiten oder Cobots
verglichen werden können. Dabei geht es nicht nur um Taktzeit, sondern auch um
Laufwege, Energieverbrauch, Ergonomie und Kosten-Nutzen-Bewertungen. Selbst für
Roboter bleibe Arbeitsplatzgestaltung relevant, sagte Fritzsche sinngemäß: Ein humanoider
Roboter brauche länger, verbrauche mehr Energie oder verschleiße schneller,
wenn er ständig schwere Teile vom Boden aufheben müsse.
Damit wird Simulation zur Übersetzungsinstanz zwischen
technologischer Euphorie und industrieller Realität. Sie hilft, Use Cases zu
identifizieren, Wirtschaftlichkeit abzuschätzen und physische Grenzen sichtbar
zu machen, bevor teure Hardware in Linien integriert wird. Gerade weil viele
humanoide Systeme noch nicht verfügbar oder nicht ausreichend robust sind, kann
die virtuelle Bewertung dazu beitragen, die richtigen Anwendungen
vorzubereiten.
Die digitale Fabrik wird operativer
Was die Beiträge in Herzogenaurach verband, war ein
nüchterner Blick auf den Nutzen. Die digitale Fabrik wird nicht mehr primär als
Visualisierungsumgebung verstanden, sondern als operatives
Steuerungsinstrument. Bei Schaeffler geht es darum, globale E-Mobility-Programme
mit Live-Daten beherrschbar zu machen. Bei BMW sollen KI und Simulation die
Planung beschleunigen. Volkswagen sucht nach AI-Robotics-Use-Cases, die reale
Automatisierungslücken schließen. Audi denkt die Architektur der
Automatisierung neu, weg von festen Hardwareboxen hin zu softwaredefinierten
Funktionen. Und die Forschung mahnt, dass humanoide Robotik nur dann zum
industriellen Zukunftsfeld wird, wenn Sicherheit, Normung, Mechatronik und
Akzeptanz mitwachsen.
Damit zeigt die Digitale Fabrik 2026 eine Branche im
Übergang. Die Automobilproduktion hat viele Grundlagen der digitalen Fabrik
geschaffen: gescannte Werke, vernetzte Maschinen, Datenplattformen, virtuelle
Modelle. Der nächste Schritt besteht darin, diese Grundlagen intelligent zu
nutzen. KI soll nicht nur analysieren, sondern planen, optimieren, steuern und
physisch handeln. Doch der Weg in die autonome Fabrik wird kein Sprung, sondern
eine Abfolge harter Integrationsarbeit. Die entscheidende Frage lautet daher
nicht, ob KI und Physical AI die Produktion verändern. Sondern wie schnell es
gelingt, aus beeindruckenden Demonstratoren robuste, skalierbare und
wirtschaftliche Produktionslösungen zu machen.