Hier schickt Stellantis seine Kleinsten in die Wüste
Im marokkanischen Kenitra bringt Stellantis seine kleinsten Modelle groß raus und will so dem Rest des Konzerns den Anschluss an die Zukunft sichern.
Thomas GeigerThomasGeiger
4 min
Stellantis baut in Marokko unter anderem das Micro-Car Citroen AmiStellantis / Manuel Hollenbach
Anzeige
Andere bauen ihre
Fabriken auf die grüne Wiese. Doch als Hakim Semmami zum ersten Mal nach
Kenitra kam, war da nichts als Weite, Wüste und Sand. Das ist kaum mehr als
zehn Jahre her, doch mittlerweile stehen hier auf den sandigen 600 Hektar der
Altlantic Free Zone auf halbem Weg zwischen Casablanca im Süden und Tanger im
Norden drei Dutzend Fabriken, die über 20.000 Menschen Arbeit geben. Der Grund
dafür ist das Kenitra Plant, für das König Mohammed VI damals noch
PSA in die Wüste geschickt hat: 2015 wurde der Vertrag unterzeichnet, vier
Jahre später liefen die ersten Autos vom Band.
Wachstumsmotor im
Norden Afrikas
Anzeige
Nachdem Renault
bereits seit 2012 Werk bei Tanger und Casablanca betreibt, war es damals PSA,
die hier die dritte und bislang letzte Automobilproduktion aus dem Sand
gestampft haben. Für rund 600 Millionen Euro gebaut, war es ursprünglich aus
eine Jahreskapazität von 100.000 Fahrzeugen ausgelegt. „Doch schon 2020 wir
bereits das Doppelte geschafft, drei Jahre vor der ursprünglichen Planung“,
sagt Semmami, der nach dem Start in Kenitra mittlerweile an die Spitze der
Stellantis-Kommunikation in Marokko aufgestiegen ist. Aus 15 Einheiten pro
Stunde wurden so 30 und die Zahl der Mitarbeiter ist von anfangs etwa 3.000 auf
mittlerweile 5.620 gewachsen.
Und weil alle
drei Werke von Stellantis und Renault in Marokko unter Volllast laufen, haben
die Nordafrikaner mit einer Gesamtproduktion von 700.000 Fahrzeugen im Jahr
Südafrika von der Spitze der Automobilnationen auf dem Kontinent verdrängt. Bis
zum Ende des Jahrzehnts soll die Produktion auf eine Million Fahrzeuge steigen.
Insgesamt bietet die Automobilindustrie im Land rund 180.000 Jobs und damit
etwa neun Prozent aller Arbeitsplätze im Land. Gleichzeitig erwirtschaftet sie
rund 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Zwar werden rund
80 Prozent der Produktion exportiert – vor allem nach Europa. Doch auch die
rund 39 Millionen Marokkaner selbst sorgen zunehmend für mehr Auslastung. Ihr
Automobilmarkt wächst und hat im letzten Jahr um rekordverdächtige 33 Prozent
auf 235.000 Zulassungen zugelegt.
Anzeige
Günstige
Kleinstwagen in hoher Schlagzahl
War die Fabrik
samt Motor-Montage, Presswerk und Lackiererei in Kenitra ursprünglich nur für
den Peugeot 208 gedacht, haben die Marokkaner seit 2019 noch eine zweite
Fertigung. In einem Werk im Werk bringen sie die kleinsten in der
Stellantis-Palette groß heraus und bauen die Mirco-Cars, die jenseits des
Mittelmeers als Citroen Ami, Fiat Topolino und Opel Rocks-E schon von 15-Jährigen
gefahren werden dürfen und mit Preisen ab knapp 8.000 Euro das untere Ende der
Elektromobilität definieren. Anfangs auf 20.000 Fahrzeuge im Jahr ausgelegt,
sind es jetzt schon mehr als zwölf pro Stunde und am Ende eines Jahres 70.000.
Dass die
Zweisitzer so günstig angeboten werden können, liegt nicht nur am mageren
Antrieb mit einem Acht-PS-Motor und einem 5,5 kWh-Akku für 75 Norm-Kilometer,
der abgespecktem Ausstattung und den niedrigen Fertigungskosten hier in
Marokko, sondern auch an der simplen Konstruktion. Ist der Gitterrohrrahmen
erst einmal zusammengeschweißt, geht es ganz schnell. Die Kunststoff-Karosserie
wird in einer Art Ofen auf das Metallgestell geklebt und die Inneneinrichtung
mit wenigen Schrauben oder Klipsen installiert: Statt 13 Stunden wie beim
Peugeot 208 brauchen die Marokkaner dafür nur 129 Minuten.
Anzeige
Seit ein paar
Monaten steht daneben noch eine neue Halle, in der sie eine weitere Modellreihe
für die Mikromoblität montieren: Dem Fiat Tris. Als elektrisches Dreirad mit
Mofa-Lenker in der offenen Kabine und einer Pritsche groß genug für eine
Euro-Palette hinten drauf, soll er die legendäre Ape beerben, die Piaggio seit
Ende 2024 in Europa nicht mehr anbietet. In Marokko schon im Handel, kommt das
Dreirad bald auch übers Mittelmeer und will den Kontinent erobern. Auch deshalb
geben sie kräftig Gas in Kenitra und erhöhen die Schlagzahl Monat für
Monat.
Zahlen & Fakten: Stellantis-Werk Kenitra
Stellantis
Investitionsvolumen
(Bau): rund 600 Mio.
Euro
Produktionskapazität: bis zu 535.000 Fahrzeuge pro Jahr
Automatisierung: gering; 200–300 FTS im Einsatz; Erweiterung auf
1.000 geplant
Modelle: Peugeot 208, Citroën Ami, Fiat
Topolino, Opel Rocks‑E,
Fiat Tris
Menschenhand vor
Automatisierung
Aktuell
beschäftigt das Werk knapp 6.000 Mitarbeiter, die in fünf mal drei Schichten à
acht Stunden arbeiten. Fast alle sind Marokkaner, der Frauen-Anteil liegt laut
Semmami für afrikanische Verhältnisse bei hohen 14 Prozent, und gerade mal die
Hälfte des Personals kommt aus der Region. Denn es war Teil des Projektes und
eine Vorgabe des Königs, auch Menschen aus anderen, weniger gut erschlossenen
Gegenden des Wüstenstaats einen Job zu geben, sagt der PR-Manager.
Auch das ist ein
Grund, weshalb es mit der Automatisierung in Kenitra nicht so weit her ist wie
in vielen anderen Werken. Selbst die zwei-, dreihundert automatischen Fahrerlosen
Transportsysteme (FTS) waren ein Streitpunkt, erinnert sich Semmami und lacht
über einen typisch afrikanischen Kompromiss. Erst als sie die Fertigung der
Fahrzeuge direkt ins Werk geholt haben, war die Regierung zufrieden. Erst
recht, als Kenitra dann auch noch den Zuschlag für 1.000 weitere FTS pro Jahr
bekommen hat, die bald durch andere Stellantis-Fabriken surren sollen.
Anzeige
Zwischen
Tradition und E-Moderne
Im vorletzten
Sommer gab es aber noch deutlich mehr Grund zu feiern in der Freihandelszone.
Denn Stellantis und das Königreich haben die Investition von weiteren 300
Millionen Euro vereinbart, mit denen 2.000 neue Jobs geschaffen und die
Kapazität auf 535.000 Fahrzeuge mehr als verdoppelt werden soll. Dann kann
Kenitra nicht nur bis zu 135.000 Micro-Cars pro Jahr bauen, sondern neben dem
208 auch ein zweites ausgewachsenes Auto. Dafür investiert Stellantis in der
marokkanischen Wüste auch massiv in eine Motorenproduktion, die in zwei Phasen
auf eine Kapazität von 350.000 Aggregate kommen soll – darunter auch ein
moderner Mild-Hybrid. Auch das soll helfen, den Local Content von aktuell
bereits gut zwei Drittel auf drei Viertel zu steigern.
Wenn allerdings
stimmt, was die lokalen Medien berichten, wird nicht jedes der neuen Autos auch
ein traditionelles Triebwerk brauchen. Denn angeblich soll in Marokko die
Fastback-Version des Grande Panda gebaut werden – dann auch mit Elektroantrieb.
Schließlich kennen sich die Marokkaner damit seit den Mikro-Modellen schon ein
bisschen aus.
Anzeige
Während der Tris
seinen Einstand tatsächlich in Marokko gegeben hat, ist die Sehnsucht nach
Stromern unter den ausgewachsenen Autos allerdings noch nicht so groß in
Casablanca, Rabat oder Marrakech. Die Ladeinfrastruktur ist langsam und löchrig
und das Interesse an Nachhaltigkeit lange nicht so groß wie auf der andren
Seite des Mittelmeers.
Das gilt übrigens
auch für das Werk selbst, muss Semmami einräumen. Wenngleich sich auch in
Kenitra ein Team um die Reduktion des CO2-Fußabdrucks müht, Wasserrecycling
untersucht und Solar-Strom-Pläne schmiedet. Außerdem rühmen sich die Marokkaner
eines niedrigen Energieeinsatzes von 425 kWh pro Fahrzeug und hoffen auf den
Anschluss an den Grünstrom, dessen Produktion in Marokko gerade im großen Stil
anläuft.
Bis dahin sorgt
Kenitra aber schon im Rest der Stellantis-Welt für einen reibungslosen
Anschluss an die Zukunft. Und das kann man durchaus wörtlich nehmen. Denn
zwischen der Endmontage für den 208 und dem Motorenbau haben sie eine weitere
Halle unter das Dach gezogen, in der sie pro Jahr bis zu 200.000 Wallboxen für
die Stellantis-Tochter Free2Move produzieren.
Anzeige
Impressionen aus dem Stellantis Werk Kenitra:
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen KenitraStellantis / Manuel Hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach
Impressionen aus dem Stellantis-Werk im marokkanischen Kenitramanuel hollenbach