Ob Direktvertrieb oder Markteintritt der Chinesen: Die Zeichen im deutschen Automobilhandel stehen auf Transformation. IfA-Experte Benedikt Maier über die Vorzüge des echten Agenturmodells, KI-Impact und die Entwicklung des Autohauses zum Experience Center.
„Der Begriff Phygitalität beschreibt sehr gut, was der Autohandel leisten muss: Er muss dem Kunden entlang der gesamten Customer Journey Wahlmöglichkeiten bieten", sagt Benedikt Maier, stellv. Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA).Benedikt Maier
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Herr Maier, Agenturmodell, Direktvertrieb, chinesische
Anbieter, Digitalisierung: Der Autohandel steht vor vielen parallelen
Herausforderungen. Wie ernst ist die Lage?
Die Situation ist sehr facettenreich. Wie in anderen
Bereichen der Automobilbranche haben wir es auch im Handel mit einer Polykrise
zu tun. Wenn man aber nur über Krise spricht, beleuchtet man ausschließlich die
negative Seite. Jede Krise enthält auch Chancen. Wir sehen Unternehmen, die
besser durch die aktuelle Situation kommen, und Unternehmen, die schlechter
damit umgehen. Zusammengefasst steht der Automobilhandel inklusive
Servicebereich unter Druck. Gleichzeitig ist es eine Branche, die mit Druck
umgehen kann. Der Autohandel war in den vergangenen Jahrzehnten nie durch
besonders hohe Margen geprägt. Er musste sich immer anpassen: an Kunden, an
Hersteller, an Marktveränderungen. Das Ende des Autohauses wurde über
Jahrzehnte immer wieder prognostiziert. Eingetreten ist es bis heute nicht. Ich
glaube weiterhin an das Konzept Autohaus – auch wenn es sich verändern muss.
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Viele OEMs wollen mehr direkten Kundenzugang und mehr
Daten. Ist dieser Wunsch nachvollziehbar?
Absolut. Wer ein Produkt verkaufen möchte, muss den Kunden
verstehen und richtig betreuen können. Dafür braucht man Informationen über
seine Vorlieben, sein Verhalten und seine Wünsche. Die Intention der
Hersteller, im Vertriebssystem möglichst viel über den Kunden zu wissen, ist
deshalb legitim und grundsätzlich richtig. Automobilmarken stehen heute nicht
nur im Wettbewerb mit anderen Automobilmarken. Sie konkurrieren auch mit
Kundenerlebnissen aus anderen Branchen. Dort ist die Customer Experience häufig
stark fokussiert, und Kundendaten liegen gebündelt bei einem Akteur. Im
klassischen Vertragshandel ist das schwieriger. Der Hersteller sammelt
Informationen über den Kunden, der Händler ebenfalls. Gleichzeitig besetzt der
Händler die physische Kundenschnittstelle. Im ungünstigsten Fall erhält ein
Kunde zu einem Thema zwei Angebote oder sogar zwei unterschiedliche Preise. Das
ist aus Kundensicht der Worst Case. Deshalb ist nachvollziehbar, dass
Hersteller Kundendaten konsolidieren und die Customer Journey stärker steuern
wollen – unabhängig davon, ob sie das über Direktvertrieb oder über ein
Agenturmodell versuchen.
Von einer unechten Agentur würde ich Händlern abraten, weil dort nicht die volle Übernahme von Aufgaben, Kosten und Risiken durch den Hersteller gegeben ist. In der echten Agentur übernimmt der Hersteller deutlich mehr Verantwortung.
Benedikt Maier, IfA
Was wäre denn aus Ihrer Sicht der entscheidende Vorteil
des Agenturmodells?
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Beim Agenturmodell wird der Vertrag nicht mehr zwischen
Händler und Kunde geschlossen, sondern zwischen Hersteller und Kunde. Die
Vertragsdaten gehen direkt an den Hersteller. Auch Informationen über
Probefahrten oder frühere Kontakte lassen sich besser zusammenführen. Wenn ein
Kunde beispielsweise bei einem Agenten in Würzburg und später bei einem Agenten
in Fulda eine Probefahrt macht, kann das System diese Informationen bündeln. Im
klassischen Vertragshandel hätten die beteiligten Händler voneinander oft
nichts gewusst. Das Ziel ist also eine bessere Customer Experience. Ein Agent
kann sich stärker auf Beratung und Betreuung konzentrieren, weil die Preise
feststehen. In einem Agenturmodell gilt häufig in einem ganzen Marktraum ein
einheitlicher Preis. Dadurch entfällt die klassische Preisverhandlung. Ich
halte das für einen relevanten Punkt. Ein Kunde kann im Vertragshandel zwar
einen guten Nachlass erzielen, vielleicht fünf, zehn oder auch einmal 15
Prozent. Aber er geht nicht zwingend zufrieden aus der Verhandlung heraus, weil
er immer denken muss, an anderer Stelle vielleicht noch zwei Prozentpunkte mehr
bekommen zu haben. Diese Verhandlungssituation ist für viele Kunden
unbefriedigend. Im Agenturmodell entfällt sie. Die zentrale Preissetzung und
die Bündelung von Kundendaten sind aus meiner Sicht die Kernargumente für das
Agenturmodell.
Vor einigen Jahren galt die Agentur fast als
Standardmodell der Zukunft. Warum rudern viele Hersteller heute zurück?
Der Wechsel in ein Agenturmodell ist einer der größten
Eingriffe in das automobile Vertriebssystem seit Jahrzehnten. Aufgaben, Kosten
und Risiken werden neu verteilt. Daraus ergibt sich automatisch die Frage, wie
die Partner fair vergütet werden. Hinzu kommt: Systeme und Prozesse müssen
umgestellt werden. Aufgaben, die früher stark beim Händler lagen, etwa die
Fahrzeugbestellung oder Disposition, wandern in einer echten Agentur zum
Hersteller. Das betrifft Organisation, IT-Systeme und operative Abläufe. Hersteller,
die diesen Weg gewählt haben, lernen hier noch stark. Vor etwa fünf Jahren gab
es einen regelrechten Hype um das Agenturmodell. Wir haben am IfA damals eine
Liste erstellt, welche Marken in die Agentur wechseln wollten. Diese Liste war
fast vollständig. Heute sind nur noch wenige Marken übrig.
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Sie unterscheiden zwischen echter und unechter Agentur.
Warum ist das so wichtig?
Weil echte und unechte Agenturmodelle deutlich zu
unterscheiden sind. Das klingt etwas formal, ist aber sehr relevant. Von einer
unechten Agentur würde ich Händlern abraten, weil dort nicht die volle
Übernahme von Aufgaben, Kosten und Risiken durch den Hersteller gegeben ist. In
der echten Agentur übernimmt der Hersteller deutlich mehr Verantwortung. Das
betrifft zum Beispiel Vorführ- und Ausstellungsfahrzeuge. Im klassischen
Vertragshandel liegen diese Fahrzeuge auf dem Deckel des Händlers. Im Agenturmodell
muss der Hersteller diese Kosten tragen. Das gilt auch für Kosten, die durch
Herstellervorgaben entstehen, etwa Corporate Identity, Beschilderung oder
Innenraumgestaltung. Dadurch verschieben sich viele Kosten in Richtung
Hersteller. Genau das passt derzeit nicht gut in eine Phase, in der Hersteller
stärker auf ihre Ausgaben achten müssen. Hinzu kommen gestiegene Kapitalkosten.
Ein Agenturmodell kostet zunächst viel Geld. Deshalb haben sich viele
Hersteller wieder davon verabschiedet. Das heißt nicht, dass das Modell kein
Potenzial hat. Aber nicht jeder Hersteller kann oder will diesen Weg aktuell
gehen.
Auch der Direktvertrieb wird stark diskutiert. Warum
bleibt er im Automobilgeschäft so schwierig?
Direktvertrieb ist aus Herstellersicht sehr attraktiv. Zum
einen lässt sich die Customer Journey ohne Bruch gestalten. Zum anderen
verkauft der Hersteller Fahrzeuge ohne Margen für weitere Akteure im
Vertriebssystem. Außerdem muss er Kundendaten nicht mit anderen Beteiligten
teilen. In der Praxis ist das aber schwierig. Wenn wir Polestar oder NIO
betrachten, sehen wir: Viele Ansätze haben bislang nicht den gewünschten Erfolg
gebracht. Auch etablierte Hersteller haben Direktvertrieb versucht. Im Grunde ist
bis heute nur Tesla als großes Gegenbeispiel erfolgreich. Die Gründe sind
vielfältig. Es kann an der Umsetzung liegen, am Unternehmen, am Produkt oder am
Kunden. Wahrscheinlich ist es eine Mischung. Ein Auto ist ein hochkomplexes,
oft emotionales und sehr teures Produkt. Hinzu kommt die Nutzungsphase mit
Wartung und Service. Das unterscheidet ein Auto deutlich von vielen
Konsumgütern. Man kauft es nicht einfach einmal und hat danach keinen Kontakt
mehr zum Anbieter.
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Ist Direktvertrieb besonders für neue Marken ein Problem?
Gerade für neue Marken ist er besonders anspruchsvoll. Unter
einer Mercedes C-Klasse oder einem VW Golf können sich Kunden etwas vorstellen.
Interessanterweise nennen wir hier oft sogar Modelle und nicht nur Marken. Das
zeigt, wie stark Bekanntheit im Automobilbereich auf Modellebene wirkt. Wenn
eine völlig neue Marke mit einem unbekannten Modell in den Markt kommt, fehlt
dieser Vertrauensvorschuss. Kunden haben keine Erfahrung mit Marke oder
Produkt. Sie wissen nicht, wie sie das Fahrzeug einordnen sollen. Das erschwert
Direktvertrieb erheblich. Trotzdem wird es weiter Versuche geben, weil die
Vertriebskosten attraktiv sind. Denkbar ist auch, dass etablierte Hersteller
Direktvertriebsoptionen zusätzlich zu bestehenden Händlerstrukturen anbieten.
Aber selbst dann bleiben physische Elemente wichtig: Ein Fahrzeug muss
übergeben werden, häufig gibt es ein Altfahrzeug, das in Zahlung genommen wird
und vor der Auslieferung sind Arbeiten in der Werkstatt notwendig. Das zeigt,
wie komplex Automobilvertrieb ist. Genau deshalb hat das Grundkonzept Autohaus
so lange Bestand.
Und welche Rolle spielt das Autohaus dann künftig?
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Ich schließe nicht aus, dass wir künftig mehr Formate sehen,
die nicht mehr klassisch Autohaus heißen, sondern Experience Center oder
Probefahrtzentrum. Dort könnten Beratung, Probefahrt und Produkterlebnis
stattfinden, während der Vertrag an anderer Stelle oder online geschlossen
wird. Ich glaube aber weiterhin, dass Menschen ein Auto vor dem Kauf erleben
möchten. Das hängt mit der Komplexität, dem Preis und der emotionalen
Komponente zusammen. Kunden wollen gut beraten werden und das Gefühl haben, die
richtige Entscheidung zu treffen. Dafür braucht es physische Orte, an denen
Fahrzeuge erlebt und Beratung angeboten werden kann. Ob der Vertrag dort mit
Kugelschreiber auf Papier unterschrieben wird, ist nicht entscheidend.
Vor einigen Jahren wurde viel über phygitale Showrooms
gesprochen. Ist diese Debatte eingeschlafen?
Jede Phase hat ihre Themen. Der Begriff Phygitalität
beschreibt aber weiterhin sehr gut, was der Autohandel leisten muss: Er muss
dem Kunden entlang der gesamten Customer Journey Wahlmöglichkeiten bieten. Vor
zehn Jahren war das neu. Heute setzen viele gute Händler solche Konzepte
bereits um. Ein guter Händler ermöglicht dem Kunden, selbst zu entscheiden, ob
er einzelne Schritte analog oder über verschiedene digitale Kanäle erledigen
möchte. Das betrifft Information, Kommunikation und Interaktion. Der Kunde
kennt solche Angebote aus anderen Branchen. Wenn der Händler sie nicht bietet,
wandert der Kunde zum Wettbewerber ab.
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Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bereits in
diesem Zusammenhang?
Im Autohandel wird KI vor allem in den frühen Phasen des
Kaufprozesses eine große Rolle spielen: Information, Markenfindung,
Modellfindung, Händlersuche. Dort hat KI bereits heute Einfluss. Ich sehe
aktuell nicht, dass ein humanoider Roboter beim Kunden klingelt und Autos
verkauft. Das ist noch weit weg. Aber Large Language Models werden bereits
genutzt, um Fahrzeuge zu suchen und Informationen zu generieren. Diese
Bedeutung wird weiter zunehmen. Vor einigen Jahren hieß es:
Suchmaschinenoptimierung ist entscheidend, damit ein Händler gefunden wird.
Künftig reicht es nicht mehr, von Suchmaschinen gefunden zu werden. Händler und
Hersteller müssen auch von KI-Modellen gefunden werden. Generative Engine
Optimization, also GEO, macht das Thema noch komplexer. Gerade kleinere Händler
haben diese Kompetenzen möglicherweise nicht im Haus. Größere Handelsgruppen
verfügen tendenziell über einen höheren Digitalisierungsgrad und mehr
Sichtbarkeit. Dadurch werden Interessenten stärker in ihre Kanäle gelenkt.
Ich sehe aktuell nicht, dass ein humanoider Roboter beim Kunden klingelt und Autos verkauft. Das ist noch weit weg.
Benedikt Maier, IfA
Viele chinesische Hersteller drängen nach
Europa. Setzen diese Anbieter eher auf Direktvertrieb oder auf klassische
Händlerstrukturen?
Die chinesischen Newcomer-Marken haben in den vergangenen
Jahren unterschiedliche Modelle erprobt – mit mäßigem Erfolg. Momentan sehen
wir im Markt, dass viele den klassischen Weg über Vertragspartner wählen. Die
Anbieter, die sich breiter aufstellen wollen, bauen flächendeckende
Händlernetze auf. BYD ist ein Beispiel dafür. Solche Verträge werden häufig mit
Händlern geschlossen, die seit Jahren erfolgreich Autohandel für andere Marken
betreiben. Oft kommt ein separater Servicevertrag hinzu. Das ist entscheidend.
Autos zu verkaufen ist das eine. Sie erfolgreich in den Markt zu bringen,
gelingt aber kaum ohne Werkstatt- und Servicenetz. Genau diesen Weg schlagen
chinesische Hersteller derzeit verstärkt ein, nachdem sie verschiedene andere
Ansätze ausprobiert haben.
Also haben etablierte Hersteller durch ihre gewachsenen
Vertriebs- und Servicenetze noch einen strukturellen Vorteil?
Ja, aber man sollte daraus keine falsche Sicherheit
ableiten. Etablierte Marken haben klare Vorteile bei Vertriebs- und
Servicestrukturen. Das gilt nicht nur für deutsche Hersteller, sondern auch für
bekannte japanische oder südkoreanische Marken. Sie verfügen über
jahrzehntelang gewachsene Strukturen, flächendeckende Netze, eingespielte
Zusammenarbeit mit dem Handel und Logistiksysteme im Hintergrund. Das müssen
chinesische Hersteller erst lernen. Aber sie lernen sehr schnell. Viele holen
sich Manager von etablierten Marken, um Märkte und Systeme aufzubauen. Zudem
gehen sie Partnerschaften mit etablierten Händlern ein. Dadurch werden ihre
Vertriebs- und Servicenetze stabiler. Etablierte Hersteller profitieren
außerdem von Bekanntheit und Vertrauen. Kunden wissen, wofür Mercedes-Benz,
Volkswagen, Toyota oder Hyundai stehen. Aber auch das ist ein Spiel auf Zeit.
In einigen Jahren werden mehr Verbraucher wissen, wofür BYD, MG, Changan oder
Geely stehen. Darauf dürfen sich etablierte Hersteller nicht ausruhen. Deutschland
könnte zwar wegen seiner eigenen Automobilindustrie und der starken
Verbundenheit vieler Kunden mit heimischen Marken ein Sondermarkt bleiben. Aber
auch hier werden chinesische Hersteller Marktanteile gewinnen. Diese Anteile
werden andere Anbieter abgeben müssen.
Zur Person:
Prof. Dr. Benedikt Maier, Jahrgang 1987, ist seit Oktober 2020 mit einer Professur für Automobildistribution und -vertrieb an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt betraut. Daneben verantwortet er in seiner Funktion als stellvertretender Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft zahlreiche Forschungsaktivitäten und Sonderprojekte.
Zusätzlich obliegt ihm die Koordination der berufsbegleitenden Studienprogramme an der ifa automotive business school und verantwortet als Partner in der ifa management GmbH diverse Beratungsmandate. Er ist Autor und Co-Autor einer Reihe von Veröffentlichungen bezüglich der Herausforderungen in unterschiedlichen Wertschöpfungsebenen der Automobilwirtschaft.