„Bratislava wird ein weiteres Fahrzeugprojekt brauchen"
Die Slowakei beherbergt das wohl vielseitigste Werk des VW-Konzerns. Hier wird sich mit dem E-Cayenne entscheiden, ob Porsches Zukunft am Ende doch noch elektrisch werden kann. Im Interview gewährt Werkleiter Wolfram Kirchert tiefe Einblicke in den Arbeitsalltag in Bratislava.
Wolfram Kircherts Karriere ist eng mit Porsche verbunden. In Bratislava wird nun der lang ersehnte elektrische Cayenne gebaut.Volkswagen
Anzeige
Herr Kirchert, Ihre Vita ist eng mit Porsche verbunden.
Welche Erfahrungen aus mehr als 25 Jahren haben Sie am stärksten geprägt?
Ich war mehr als 25 Jahren in der Porsche-Welt unterwegs und habe dort sehr
unterschiedliche Funktionen ausgeübt. Viele Jahre war ich in der Baureihe als
Vertreter der Produktion tätig. Später bin ich in die Planungssteuerung
gewechselt. Zuletzt war ich für die Markenplanung von Porsche verantwortlich
und damit für die planerische Betreuung aller Produkte und Standorte über sämtliche
Gewerke hinweg. Dieses Rüstzeug hilft mir bis heute: zum einen die tiefen
Kenntnisse des Produktentstehungsprozesses, zum anderen das planerische Denken.
Ich sage immer: einmal Planer, immer Planer. Strukturiertes Arbeiten, saubere
Situationsbeschreibungen und belastbare Analysen, bevor man Maßnahmen umsetzt,
sind für mich auch im Alltag entscheidend. Hinzu kommt die gute Kenntnis der
Porsche-Organisation, die uns hier in Bratislava als Auftragnehmer für die
Fertigung des Porsche Cayenne ebenfalls hilft.
Anzeige
Sie führen heute einen Standort mit einer
außergewöhnlichen Marken- und Modellvielfalt. Wie würden Sie Ihren Führungsstil
beschreiben? Und wie gelingt es Ihnen, trotz dieser Größe und Verantwortung nah
an den Mitarbeitenden zu bleiben?
Ich bin in einer Doppelrolle unterwegs. Einerseits trage ich
als CEO unternehmerische Verantwortung, also für Board-Themen, Finanzen, HR und
gemeinsame strategische Entscheidungen auf Vorstandsebene. Andererseits bin ich
in der Technik und als Werkleiter sehr nah am operativen Tagesgeschäft. Deshalb bin ich täglich in den Frührunden, in denen wir
Fertigungsfortschritte, Probleme und Auditergebnisse besprechen. So bleibe ich
trotz der strategischen Themen nah am Puls des Werks und an den Projekten. Meinen Führungsstil würde ich als kooperativ, aber klar
strukturiert beschreiben. Wenn jemand zu mir kommt und von mir eine
Entscheidung benötigt, erwarte ich zunächst eine saubere Analyse: Was ist die
Ursache, was sind die Alternativen, welche Maßnahmen sind möglich? Auf dieser
Basis treffen wir dann gemeinsame Entscheidungen. Ich binde Mitarbeitende also
bewusst in die Entscheidungsfindung ein. In der Slowakei kommen Kolleginnen und Kollegen oft schon
mit einem Lösungsvorschlag. Das hat Vorteile, weil bereits analysiert wurde,
aber man muss trotzdem Alternativen aufzeigen. Genau das versuche ich
einzufordern: nicht nur Weg A, sondern auch B und C mitdenken. Gleichzeitig
habe ich die Organisation hier als extrem schlagkräftig erlebt. Probleme werden
schnell benannt, analysiert und abgearbeitet. Die Performance ist sehr hoch.
Sie haben mehrfach angesprochen, dass viele Mitarbeitende
aus unterschiedlichen Herkunftsstaaten kommen, weil der Fachkräftemarkt in der
Slowakei angespannt ist. Wie groß ist diese Herausforderung im Alltag?
Anzeige
Wir flankieren
das mit Qualifizierungs- und Integrationsmaßnahmen, von Sprachkursen bis zum
Einsatz von Übersetzern an der Linie, die zwischen den im Arbeitsumfeld häufig
genutzten Herkunftssprachen und dem Slowakischen vermitteln. Organisiert wird das über unsere
Industrial-Engineering-Struktur mit den Trainingscentern, wo wir sehr
ausdifferenzierte Programme aufgebaut haben. Ergänzt wird das durch die
Personalabteilung, die unsere Kolleginnen und Kollegen von Beginn an begleitet
– etwa bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen, dem Kontakt mit der Ausländerbehörde
und allen administrativen Fragen rund um die Arbeitserlaubnis. Wenn ich auf mein direktes Führungsteam schaue, ist dieses
klar slowakisch geprägt. In meinem Bereich arbeiten insgesamt nur eine Handvoll
von Expats. Die Führung des Standorts liegt also überwiegend in den Händen erfahrener
slowakischer Kolleginnen und Kollegen.
Im Karosseriebau mussten wir allerdings grundlegend neu ansetzen. Durch die neue Elektroplattform ist der Unterbau komplett anders als bei einem Verbrenner.
Wolfram Kirchert
Der elektrische Cayenne ist inzwischen in der Serie, aber
noch im Hochlauf. Wie würden Sie die aktuelle Phase beschreiben? Und was
bedeutet dieses Projekt für den Standort Bratislava?
In der aktuellen Phase liegt der Fokus naturgemäß auf der
weiteren Stabilisierung und Feinjustierung der Prozesse. Wir steigern
die wöchentliche Ausbringung Schritt für Schritt. Über die Bedeutung des Produkts für uns als Werk muss man
nicht lange sprechen. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit Porsche ein perfektes Produkt
in den Markt zu bringen. Für die Mannschaft im Werk ist der Cayenne ebenfalls enorm
wichtig. Die Teams brennen für das Projekt, weil es etwas Besonderes ist, große
Premiumfahrzeuge zu bauen. Gleichzeitig ist der elektrische Cayenne für uns der
Startschuss in Elektromobilität und damit ein Anker für die Zukunft des
Standorts.
Anzeige
Sie haben den Hochlauf des elektrischen Cayenne bereits
angesprochen. Welche strukturellen Veränderungen im Werk waren dafür notwendig?
Und wo lagen die größten industriellen Herausforderungen?
Ein großer Vorteil ist, dass wir keine Entweder-oder-Entscheidung
treffen mussten. Der Verbrenner läuft nicht aus, sondern es wird ein
Parallelangebot geben. Das gibt uns mehr Flexibilität, um auf
Nachfrageschwankungen zwischen Verbrenner, Hybrid und vollelektrischem Antrieb
zu reagieren. Deshalb war unser Ziel, den elektrischen Cayenne in bestehende
Fertigungsstrukturen zu integrieren, wo immer das möglich war. Im Karosseriebau mussten wir allerdings grundlegend neu
ansetzen. Durch die neue Elektroplattform ist der Unterbau komplett anders als
bei einem Verbrenner. Deshalb brauchten wir eine neue Unterbaulinie, die wir in
einer neuen Halle aufgebaut haben. Auch zusätzliche Flächen für spezifische
Anbauteile waren notwendig. Ab dem Aufbau – also dort, wo Seitenteile, Dach, Kotflügel,
Türen und Klappen gefügt werden – konnten wir in bestehende Strukturen
integrieren. Dabei haben wir viele neue Technologien eingebracht, unter anderem
fahrerlose Transportsysteme in der Logistik und mehr als 50 neue FTS-Routenzüge
im Karosseriebau. Auch das Presswerk war betroffen. Uns war wichtig,
geometriebildende Aluminium-Anbauteile möglichst im eigenen Haus zu pressen, um
eine hohe Qualität sicherzustellen. Dafür haben wir 14 neue Werkzeugsätze für
den Cayenne eingerichtet und das Presswerk um rund 2.200 Quadratmeter
erweitert, um zusätzliche Werkzeugsätze unterbringen und Wechsel von Werkzeugen
effizient organisieren zu können.
Bratislava gilt heute als Standort für große SUVs und für
Modelle wie Passat und Superb. Ist das die Rolle, auf die sich das Werk auf
Dauer fokussiert? Oder sehen Sie den Standort perspektivisch auch in anderen
Segmenten – unabhängig vom Antrieb?
Zunächst einmal sind wir sehr froh, mit dem elektrischen
Cayenne ein zusätzliches Standbein gewonnen zu haben, das uns in Porsche-Segment
eine solide Auslastung sichert. Im Audi-Bereich haben wir mit dem vorgesehenen
Produktportfolio auch Planungssicherheit. Insofern ist Bratislava im Konzern
klar als Standort für große SUVs positioniert. Mit Blick in die weitere Zukunft ist aber klar: Der Standort
wird irgendwann ein weiteres Fahrzeugprojekt brauchen, um auf dem Weg ins
vollelektrische Zeitalter noch mehr Flexibilität zu gewinnen. Wir arbeiten
aktiv an der Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit und unseres Kostenprofils,
um auch zukünftig bei Standort-Entscheidungen innerhalb des Konzerns attraktiv
positioniert zu sein.
Anzeige
Im Volkswagen-Produktionsnetzwerk ist seit einiger Zeit
viel von Regionalisierung die Rede. Bratislava soll dabei gemeinsam mit
Tschechien und Indien eine neue Region bilden. Was verspricht man sich konkret
davon?
Wir haben in der Vergangenheit bereits positive Erfahrungen
in der projektbezogenen Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern
gesammelt, etwa beim Projekt BETA+ von Volkswagen und Skoda. Und auch mit den
Kollegen bei Audi in Győr stehen wir schon immer in engem Austausch. Die
Voraussetzungen, beispielsweise bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen oder
aber beim Lohnkostenniveau, sind in beiden Ländern zuweilen sehr ähnlich. Künftig wollen wir das volle Potenzial aus der
Zusammenarbeit in der Brand Group Core heben - etwa in der Planung, in
Pilothallennetzwerken und im Anlaufmanagement, im Industrial Engineering,
perspektivisch auch in Logistik, Disposition und Qualitätssicherung.
Viele Werke profilieren sich über Lean-Kompetenz oder
besondere Shopfloor-Stärken. Was ist aus Ihrer Sicht das eigentliche Faustpfand
von Bratislava? Wodurch unterscheidet sich Ihr Werk im Konzern?
Anzeige
Ein wesentlicher Punkt ist unsere Erfahrung als
Mehrmarkenwerk. Dahinter steht eine klare industrielle Logik. Besonders gut
lässt sich das an der sogenannten BETA+-Familie zeigen.
Was genau versteht man unter BETA+?
Dazu gehören bei uns der VW Passat und der Skoda Superb. Es
sind Schwestermodelle, die sich eine technische Plattform teilen. Im Projekt
wurde seinerzeit entschieden, die Fertigung gemeinsam in Bratislava zu bündeln.
Gleichzeitig wurden aber auch Entwicklung und Beschaffung in einer
übergreifenden Logik organisiert: Die Plattform kommt von VW, die
Hutentwicklung und die Beschaffungsverantwortung für alle drei Fahrzeuge – also
Limousine und Kombi des Superb sowie den Passat Variant – lagen bei Skoda. Dadurch konnten über die gesamte Projektlaufzeit erhebliche
Synergien gehoben werden, nicht nur in der Produktion, sondern auch in
Entwicklung und Beschaffung. Über alle Ressorts hinweg lag das Potenzial
gegenüber einer getrennten Projektabwicklung bei rund 600 Millionen Euro. Genau
darin liegt der industrielle Sinn solcher Mehrmarkenkonzepte. Ich bin überzeugt, dass der Konzern künftig noch stärker von
markenorientierten zu plattformorientierten Werkbelegungen übergehen wird. Das
sieht am auch bei der gerade in Spanien anlaufenden Electric Urban Car Family
im Segment ab 25000 Euro. Produkte mit gemeinsamer technischer Basis gehören
auch gemeinsam in die Fertigung, unabhängig davon, welches Emblem auf dem
Fahrzeug steht. Und Bratislava ist dafür ein Vorzeigewerk, weil wir dieses
Prinzip seit mehr als 20 Jahren leben.
Anzeige
Und was bedeutet das konkret für die Wettbewerbsfähigkeit
des Standorts?
Wir sehen bei den Marken unterschiedliche Prozessentscheidungen und technische
Lösungen und können uns nach dem Best-Practice-Prinzip die jeweils beste Lösung
für unseren Standort herausgreifen. Daraus entsteht ein hoher
Standardisierungsdruck. Unterschiede lassen wir nur dort zu, wo sie wirklich
zwingend sind. Wo gleiche Teile und gleiche Prozesse möglich sind, fordern wir
konsequent Gleichheit ein. Gerade wenn unterschiedliche Marken auf einer Linie laufen,
ist Konzeptgleichheit entscheidend. Diesen Punkt haben wir bei uns am Standort
früh erkannt und sind deshalb heute sehr gut aufgestellt.
Ich bin überzeugt, dass der Konzern künftig noch stärker von markenorientierten zu plattformorientierten Werkbelegungen übergehen wird.
Wolfram Kirchert
Wenn in Bratislava große SUVs und Volumenmodelle parallel
vom Band laufen, ist das in der Steuerung extrem komplex. Wie organisieren Sie
diesen Mix im Alltag? Und wo liegen die typischen Engpässe?
Die Bildung unseres Produktionsprogramms ist tatsächlich
hochkomplex. Gesteuert wird es von einem sehr starken Team in Logistik und
Produktionssteuerung. Unser Produktionsleitstand erinnert an ein
Kontrollzentrum: Dort laufen auf einer großen Monitorwand in Echtzeit sämtliche
Fahrzeugflüsse und Systemzustände zusammen. Das Rückgrat ist unser
Fertigungsinformationssystem, das die gesamte Karossen- und Fahrzeugsteuerung
durch die Fabrik abbildet. Wir legen für jeden Monat ein Produktionsprogramm fest, das
wir auch in die Vorschau für die Supply Chain überführen. Unser Ziel ist es, größtmögliche
Stabilität zu schaffen, damit möglichst wenig Unruhe in die Lieferkette kommt.
Auf dieser Basis entsteht dann das Tagesprogramm. Die Herausforderung liegt darin, dass wir täglich mehr als
80 Sequenzbedingungen berücksichtigen müssen, um ein baubares Programm zu
erstellen. Dazu zählen Linienbelegungen, Taktungen, technische Kapazitäten,
Ausstattungsvarianten und Ländervarianten. Am Ende muss daraus eine stabile
Perlenkette entstehen, die wir möglichst störungsfrei fahren. Eingriffe in das Programm lassen sich trotzdem nicht
ausschließen. Entscheidend ist, wie stabil man das System insgesamt trotzdem
hält. Bei den wichtigsten Kennzahlen – etwa der Wochentermintreue und der
sogenannten Schleppe überfälliger Fahrzeuge – gehören wir konzernweit zur
Spitzengruppe.
Gibt es im Produktionsnetzwerk bestimmte Werke, mit denen
Bratislava besonders eng zusammenarbeitet – gerade mit Blick auf
Regionalisierung, Produktnähe oder ähnliche Rahmenbedingungen?
In den vergangenen zwei Jahren haben wir sehr eng mit den
Kollegen bei Porsche Leipzig zusammengearbeitet, weil dort ein ähnliches
Produktportfolio gefertigt wird und weil Leipzig mit dem Anlauf des
elektrischen Macan früh Erfahrung mit neuen Elektronikplattformen gesammelt
hat. Gerade beim Kompetenzaufbau für neue Elektronikarchitekturen war das sehr
hilfreich. Beim Produktionssystem wiederum ist die iberische Halbinsel
für uns ein wichtiger Referenzraum, weil die Rahmenbedingungen dort sehr
ähnlich sind. Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit Skoda. Der Austausch
ist also mal produktbezogen, mal technologiebezogen, mal von den
Standortbedingungen her motiviert. Insgesamt sind wir aber im gesamten
Produktionsnetzwerk – sowohl innerhalb der Markengruppe Core als auch mit den
Premium-Marken – sehr eng vernetzt. Best Practices werden regelmäßig und sehr
systematisch ausgetauscht.
Automatisierung ist das eine große Thema, KI das andere.
Welche Rolle spielt KI für Bratislava bereits heute? Und wo sehen Sie ganz
konkrete Anwendungen im Werk?
KI und Digitalisierung beschäftigen uns genauso intensiv wie
alle anderen Werke. Gleichzeitig gilt: Es ergibt keinen Sinn, dass jedes Werk
seine eigenen Tools entwickelt. Deshalb setzen wir stark auf konzernweite Best
Practices und Rollouts. Wenn es irgendwo eine sinnvolle Anwendung gibt, dann
schauen wir sehr genau, ob wir diese übernehmen können. Ein besonders wichtiges Feld sind kamerabasierte Systeme.
Wir haben zuletzt ein größeres Projekt in der Fahrwerks- und Aggregatemontage
umgesetzt, bei dem kontrolliert wird, ob Leitungen richtig verlegt sind und
alle Komponenten korrekt verbaut wurden. Mit solchen Lösungen reduzieren wir
manuelle Prüfaufwände deutlich. Der Vorteil ist, dass wir inzwischen ein eigenes
Kompetenzteam aufgebaut haben, das diese Systeme selbst programmieren und
anlernen kann. Die Hardware ist oft gar nicht mehr der entscheidende
Kostenfaktor. Es geht vielmehr um das Training der Systeme, die Erkennung von
Anomalien und die kontinuierliche Optimierung. Ähnliche Anwendungen nutzen wir
auch bei der Kontrolle der Fahrzeugidentnummern. Zudem arbeiten wir intensiv an Predictive Maintenance. Wir
analysieren große Mengen an Anlagen- und Prozessdaten, um Anomalien früh zu
erkennen und Ausfälle möglichst zu vermeiden. Und das beschränkt sich nicht auf
die Produktion: Auch in Personal, Finanzen und Verwaltung treiben wir
papierlose, digitalisierte Prozesse konsequent voran.
Mit neuen Technologien verändert sich auch das
Anforderungsprofil der Beschäftigten. Welche Qualifikationen werden künftig
entscheidend? Und wie fördern Sie Mitarbeitende, die solche Entwicklungen
selbst vorantreiben wollen?
Mit den neuen Elektronikarchitekturen und
Inbetriebnahmeprozessen wächst vor allem der Bedarf in Softwareanalyse und
Elektrotechnik. Deshalb arbeiten wir in der Slowakei eng mit der Dualen
Akademie und mit Universitäten zusammen, um die richtigen Ausbildungsprofile
für die Zukunft zu definieren. Es geht klar weg vom reinen Mechaniker und
stärker hin zu Mechatronik und Elektrik. Gleichzeitig qualifizieren wir auch unsere Stammbelegschaft intensiv
weiter. Für den elektrischen Cayenne haben wir umfangreiche Schulungsprogramme
aufgebaut, vor allem zu Batterietechnologie, Hoch-Volt und den dazugehörigen
Sicherheitskonzepten. Ein weiterer Punkt ist die Förderung intrinsisch motivierter
Menschen im Unternehmen. Solche Kolleginnen und Kollegen gibt es überall – man
muss ihnen nur den richtigen Rahmen geben.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Ein gutes Beispiel ist der 3D-Druck. Als ich kam, gab es an
vielen Stellen im Werk einzelne Initiativen mit unterschiedlichen Druckern und
ohne gemeinsamen Rahmen. Wir haben daraus ein standortweites Netzwerk gemacht.
Die Drucker bleiben zwar dezentral in Qualitätssicherung, Pilothalle oder
Fertigung, sind aber organisatorisch miteinander verbunden. Zugleich haben wir den Bestand harmonisiert und ein internes
Auftragswesen aufgebaut. Wer im Werk ein Teil oder Hilfsmittel benötigt, kann
anfragen, ob es per 3D-Druck hergestellt werden kann, bevor man es für viel
Geld extern beschafft. Dann prüft das Netzwerk, wo freie Kapazitäten bestehen,
und welcher Drucker geeignet ist. So entsteht ein Kompetenznetzwerk aus Leuten, die sich mit
neuen Materialien und komplexeren Bauteilen beschäftigen und voneinander
lernen. Gleichzeitig nutzen wir die vorhandenen Ressourcen deutlich besser. Die
Auslastung unserer Druckerflotte ist inzwischen sehr hoch, und wir sparen damit
jährlich fünfstellige Summen. Ein ähnliches Prinzip verfolgen wir bei der
Bot-Programmierung. Wenn einzelne Mitarbeitende gute Lösungen entwickelt haben,
bringen sie dieses Wissen in Schulungen weiter ins Unternehmen. Genau diesen
Nährboden wollen wir schaffen: gute Leute vernetzen, ihnen Raum geben und aus
Einzelinitiativen echte Kompetenzfelder machen.
Zuletzt haben wir in Vorbereitung auf die neuen Modelle viel investiert. Das schlägt sich natürlich erstmal in den Kosten nieder.
Wolfram Kirchert
Bratislava gilt heute als sehr stabiler und wichtiger
Standort im Produktionsnetzwerk. Was sind aus Ihrer Sicht die entscheidenden
Hebel, damit das so bleibt?
Die eigentliche Herausforderung liegt in der
Wettbewerbsfähigkeit. Auch bei uns steigen Lohnkosten und Sachgemeinkosten,
hinzu kommen staatliche Konsolidierungsmaßnahmen in der Slowakei, etwa
zusätzliche Abgaben und Transaktionssteuern. Vieles davon können wir nicht
beeinflussen. Was wir sehr wohl beeinflussen können, ist, wie effizient wir
unsere Fahrzeuge produzieren. Wir arbeiten kontinuierlich an der Optimierung unserer
Kostenstruktur. Dazu gehören schlankere indirekte Bereiche, ebenso wie weitere
Automatisierung, Digitalisierung und der gezielte Einsatz von KI. Am Ende zählt
immer die Entwicklung der Fabrikkosten. Zuletzt haben wir in Vorbereitung auf
die neuen Modelle viel investiert. Das schlägt sich natürlich erstmal in den
Kosten nieder. Umso wichtiger ist es, dass die bestehende Produktion maximal
effizient ist.
Zum Schluss noch ein Thema aus der Logistikperspektive:
Spüren Sie die geopolitischen Spannungen rund um den Nahen Osten bereits im
Werk? Und welche Lehren hat Bratislava aus den jüngsten Krisen für die
Resilienz der Supply Chain gezogen?
Das ist ein Thema, das alle Standorte im Konzern betrifft. Die
vergangenen Jahre haben sehr deutlich gezeigt, wie fragil Lieferketten unter
geopolitischem Druck sein können. Grundsätzlich setzen wir stark auf resiliente, möglichst
lokale Lieferantennetzwerke. Rund 30 Prozent unseres Sourcings kommen bereits
aus der Slowakei. Das senkt nicht nur den Transportaufwand, sondern macht auch robuster,
weil wir etwas unabhängiger von globalen Spannungen sind. Wichtig ist auch die enge Anbindung an die Konzernsteuerung.
In Engpasslagen übernimmt die Volkswagen-Konzernlogistik die Koordination
zwischen den Marken. Hinzu kommt der operative Support für Lieferanten: Unsere
Teams unterstützen kritische Zulieferer auch vor Ort, sei es logistisch,
qualitativ oder bei Industrialisierungsprozessen. So versuchen wir, Engpässe früh
zu erkennen und Stabilität aktiv mit abzusichern.