Status Quo, Trends und Herausforderungen

Wie sich die Fahrzeugmontage strukturell neu automatisiert

Die Automatisierung der Fahrzeugmontage gewinnt an Bedeutung. Flexible Linien, KI-gestützte Prozesse und smartes Tooling helfen OEMs, Variantenvielfalt, Kostendruck und Fachkräftemangel zu bewältigen. Ein Überblick.

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Selbst in einer hochautomatisierten Montage wie im BMW-Werk Debrecen erfolgen noch Arbeiten von Hand.

Die Produktion eines Fahrzeugs folgt einer klaren Logik, auch im Zusammenspiel von Automatisierung und menschlicher Arbeit. Im Presswerk und im Karosseriebau dominieren hochautomatisierte Prozesse, in denen Mitarbeitende vor allem überwachende, steuernde und instandhaltende Aufgaben übernehmen. Auch die Lackiererei ist heute weitgehend robotisiert. Menschen sind dort meist in Randprozesse wie der Vorbereitung, Qualitätssicherung oder bei Sonderfällen eingebunden.

Mit dem Übergang in die Montage verändert sich dieses Bild grundlegend. Je näher das Fahrzeug seiner finalen Konfiguration kommt, desto stärker steigt der menschliche Anteil an den Prozessen. Variantenvielfalt, manuelle Fügeaufgaben, Qualitätsentscheidungen und ergonomisch anspruchsvolle Tätigkeiten machen die Montage bis heute zum personalintensivsten Bereich der Fahrzeugproduktion.

Automatisierungsgrad liegt zwischen 20 und 35 Prozent

Gleichzeitig ist die Montage jener Bereich, in dem Automatisierung lange Zeit am wenigsten schnell vorankam. Nicht fehlende Technik war dafür ausschlaggebend, sondern die Rahmenbedingungen: häufige Produktänderungen, komplexe Lagebezüge, eine enge Abhängigkeit von Materialbereitstellung und Qualitätssicherung sowie die unmittelbaren Auswirkungen von Abweichungen auf Takt, Durchlaufzeit und Ausbringung.

Diese strukturelle Zurückhaltung spiegelt sich auch im Automatisierungsgrad wider. „Der Automatisierungsgrad in der Endmontage liegt in Westeuropa heute je nach Werk und Produkt zwischen 20 und 35 Prozent und damit deutlich unter dem Niveau von Karosseriebau und Lackiererei“, ordnet Werner Geiger, Geschäftsführer der Agamus Consult, ein. Innerhalb der Endmontage seien vor allem Bereiche mit schweren oder stark standardisierten Tätigkeiten automatisiert, etwa die sogenannte Hochzeit des Antriebsstrangs, Prüfstände und Tests sowie die Verglasung.

Diese Ausgangslage hat sich in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt. Der Kostendruck steigt, während Volumina und Modellmix immer schwerer planbar werden. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel. Schichtbetrieb und körperlich belastende Tätigkeiten sind von Natur aus nicht jedermanns Sache. Hinzu kommt die Parallelfertigung unterschiedlicher Antriebskonzepte. Verbrenner-, Hybrid- und Elektrofahrzeuge laufen zunehmend über dieselben Montagelinien, allerdings mit unterschiedlichen Bauraumkonzepten, Prozessfolgen und Qualitätsanforderungen.

Der Kostendruck bremst die Automatisierung

Aus strategischer Sicht bremst in Westeuropa vor allem der Kostendruck den weiteren Ausbau der Montageautomatisierung, ergänzt Pedro Pacheco, Vice President Analyst bei Gartner. Ihm zufolge arbeiten Werke bereits mit Überkapazitäten und sehen deshalb kurzfristig keinen wirtschaftlichen Zwang, zusätzliche Automatisierung zu installieren. Deutlich dynamischer entwickle sich die Lage hingegen in China sowie bei neuen Marktteilnehmern und einzelnen Greenfield-Projekten etablierter OEMs. Dort werde Automatisierung als strategisches Zukunftsthema verstanden und entsprechend konsequent vorangetrieben.

Automatisierung wird in diesem Umfeld weniger als Mittel zur maximalen Effizienz verstanden, sondern als Instrument zur Stabilisierung und Beherrschung der Montage. OEMs und Zulieferer setzen auf Lösungen, die sich in bestehende Linien integrieren lassen, Variantenwechsel softwareseitig abbilden und schrittweise ausbauen lassen. Dabei bleibt der tatsächliche Automatisierungsgrad in der Endmontage vergleichsweise niedrig und steigt bislang eher inkrementell als sprunghaft, insbesondere im Vergleich zu Karosseriebau und Lackiererei. Montageautomatisierung entwickelt sich damit von einer punktuellen Maßnahme zu einem strukturellen Gestaltungsprinzip.

Flexible Montagelinien ohne Festlegung als Ziel

Ein zentrales Ziel moderner Montageautomatisierung ist es, Produktionslinien von einer festen Produktlogik zu entkoppeln. Statt Linien für einzelne Modelle oder Antriebsarten auszulegen, werden Prozesse so gestaltet, dass sie innerhalb eines definierten Variantenraums flexibel bleiben. In der Praxis stößt dieser Ansatz jedoch dort an Grenzen, wo das klassische Fließbandprinzip die stabile Beherrschung der OEE erschwert und Störungen automatisierter Stationen unmittelbare Auswirkungen auf große Teile der Linie haben. Automatisierung kann gezielt dort eingesetzt werden, wo sie Wiederholgenauigkeit, Prozessstabilität und Ergonomie verbessert. Wo Varianz unnötig verkompliziert, bringt sie keinen Mehrwert.

Ein prägnantes Beispiel ist die automatisierte Hochzeit im VW-Werk Emden. Der Fügevorgang zwischen Karosserie und Antriebsstrang ist dort vollständig automatisiert und elektronisch gesteuert. Das System erkennt das ankommende Fahrzeug und passt Greifpunkte, Bewegungsprofile und Fügestrategien automatisch an. Unterschiedliche Fahrwerks- und Batterievarianten lassen sich so ohne manuelle Umrüstung auf derselben Linie verarbeiten.

Modularität schafft Investitionssicherheit

Solche Anwendungen stehen für einen grundlegenden Wandel. Statt durchgehender Vollautomatisierung entstehen modulare Automatisierungsstationen mit klar abgegrenzten Aufgaben. Diese Inseln lassen sich in bestehende Linien integrieren, pilotieren und bei Bedarf erweitern oder neu konfigurieren. Für OEMs bedeutet das mehr Investitionssicherheit in einem Umfeld unsicherer Absatzprognosen.

„Treiber dieser Entwicklung sind vor allem flexible, modulare Automatisierungskonzepte, die sich durch digitale Inbetriebnahme, Simulation und digitale Zwillinge besser absichern lassen und damit das Investitionsrisiko senken“, erklärt Marktexperte Geiger. Gleichzeitig spiele die Anlagenverfügbarkeit eine zentrale Rolle. „Fällt eine vollautomatisierte Station aus, stehen im Zweifel nicht nur ein Prozess, sondern große Teile der Linie inklusive der Mitarbeitenden.“

Entscheidend ist dabei auch die Prozessgestaltung. Automatisierungsfreundliche Montage erfordert klare Lagebezüge, definierte Fügepunkte und eine bewusste Bündelung von Varianten. Je früher Produkt- und Prozessdesign auf Automatisierung ausgelegt werden, desto geringer ist der spätere Integrationsaufwand. Grenzen sieht Geiger dort, wo Kosten-Nutzen-Verhältnisse nicht aufgehen, die Variantenvielfalt zu hoch ist oder feinfühlige Tätigkeiten gefragt sind. Auch das klassische Fließbandprinzip erschwere in vielen Fällen die Beherrschung der OEE.

KI-gestützte Sequenzierung und Entscheidungslogik an der Station

Mit wachsender Variantenvielfalt steigt die Komplexität an den einzelnen Montagearbeitsplätzen. Welche Teile werden wann benötigt? In welcher Reihenfolge sollten Arbeitsschritte erfolgen, um Taktzeit, Qualität und Ergonomie zu optimieren? Klassische, statisch geplante Sequenzen stoßen hier an ihre Grenzen. Künstliche Intelligenz gewinnt deshalb in der Montage an Bedeutung, weniger als autonomes System, sondern als datenbasierte Entscheidungslogik. KI-gestützte Anwendungen analysieren Prozess-, Qualitäts- und Werkzeugdaten in Echtzeit und unterstützen die Ablaufsteuerung direkt an der Station. Entscheidungen über Reihenfolgen, Nacharbeit oder das Überspringen einzelner Schritte lassen sich so situativ treffen.

Ein Anwendungsfeld ist die KI-gestützte Qualitätsprüfung in der Montage. BMW setzt in mehreren Werken KI ein, um Abweichungen frühzeitig zu erkennen und automatisiert zu bewerten. Die Entscheidung, ob ein Fahrzeug weiterläuft oder in eine Nacharbeit geht, beeinflusst unmittelbar die weitere Prozessfolge. „KI hilft in der Montage heute vor allem dort, wo Prozesse stabil sind und qualitativ hochwertige Daten vorliegen, etwa in der kamerabasierten Qualitätsprüfung oder bei der Auswertung von Schraubdaten“, sagt Geiger. In der Praxis gehe es dabei überwiegend um Unterstützung, etwa um Anomalien schneller zu erkennen und zu priorisieren, nicht darum, dass KI die Montage eigenständig steuert.

Marktkenner Pacheco warnt vor überzogenen Erwartungen. Autonome Maschinen, Roboter oder AGVs, die in Echtzeit durch ein vorausschauendes System gesteuert werden, seien zwar ein mögliches Zukunftsbild, würden heute jedoch häufig überschätzt. Ohne standardisierte Prozesse und saubere Daten werde von KI oft ein Wunder erwartet, „obwohl man erst das Gehen lernen muss, bevor man rennt.“ Voraussetzung für den sinnvollen KI-Einsatz bleibt daher eine belastbare Datenbasis. Werkzeugkurven, Bild- und Sensordaten, Prozesszeiten und Material-IDs müssen sauber erfasst und rückverfolgbar sein. Ebenso wichtig ist Governance. Welche Entscheidungen darf das System autonom treffen, welche erfordern menschliche Freigabe? In der Montage entscheidet nicht die Komplexität des Modells, sondern die Stabilität des Ergebnisses.

Kosteneffiziente Automatisierung statt Großinvestition

Neben der technologischen Entwicklung verändert sich auch der wirtschaftliche Ansatz der Montageautomatisierung. Großprojekte mit hohen Investitionsvolumina und langen Amortisationszeiten passen immer seltener zu volatilen Märkten. Viele OEMs und Zulieferer setzen daher auf inkrementelle Automatisierung. Dieser Ansatz prägt vor allem etablierte Werke in Europa und Nordamerika, während neue Marktteilnehmer und mehrere chinesische OEMs bewusst deutlich stärker auf umfassende Automatisierung setzen.

Einzelne Prozesse werden automatisiert, im laufenden Betrieb erprobt und bei Erfolg skaliert. Kollaborative Roboter, autonome mobile Roboter und standardisierte Automatisierungsmodule ermöglichen einen vergleichsweise niedrigen Einstieg. Automatisierung wird damit zu einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess statt zu einem einmaligen Umbau.

„Wir beobachten klar einen Wandel weg von großen, stark spezialisierten Automatisierungsprojekten hin zu modularen und inkrementellen Lösungen“, bestätigt Geiger. Treiber seien unter anderem die steigende Volatilität der Märkte, das Risiko von Sunk Costs und die bessere Möglichkeit, Anlagenkonzepte über Modellgenerationen hinweg weiterzuverwenden. Auch Flächenproduktivität und Risikominimierung spielten eine zunehmende Rolle, da sich Störungen in hochautomatisierten Linien schnell fortpflanzen können.

Brownfield-Ansatz mit schrittweiser Automatisierung

Ford verfolgt in der Montage beispielsweise konsequent einen Brownfield-Ansatz und integriert Automatisierung schrittweise in bestehende Linien, etwa durch mobile Robotik und modulare Assistenzsysteme. Auch bei Zulieferern zeigt sich dieser pragmatische Ansatz. ContiTech hat im Werk Hannover-Vahrenwald eine automatisierte Fertigungszelle aufgebaut, die mehrere Prozessschritte kombiniert, während eine manuelle Sicht- und Maßkontrolle bewusst erhalten bleibt.

Pacheco weist allerdings darauf hin, dass dieser Trend nicht global einheitlich verläuft. Während finanzielle Engpässe und Überkapazitäten bei vielen etablierten OEMs in Europa und Nordamerika zu Zurückhaltung führten, setzten neue Marktteilnehmer und zahlreiche chinesische Hersteller weiterhin konsequent auf Automatisierung. Gartner rechnet damit, dass mindestens ein OEM noch vor Ende dieses Jahrzehnts eine vollständig automatisierte Montagelinie realisieren wird.

Smart Tooling als Enabler für Variantenvielfalt

Neben Robotik und IT rückt das Werkzeug selbst stärker in den Fokus. Intelligentes Tooling erkennt automatisch, welches Fahrzeug oder welche Variante bearbeitet wird, und passt Parameter wie Drehmoment, Programme oder Positionen selbstständig an. Das reduziert Fehler und verkürzt Changeovers. Im Volkswagen-Werk Emden kommen höhenverstellbare Gehänge zum Einsatz, die ihre Arbeitshöhe automatisch an das jeweilige Fahrzeug anpassen und über Transponder mit der Liniensteuerung kommunizieren. Auch bei Forvia Hella ist Smart Tooling Teil eines übergreifenden Produktionssystems. Werkzeug-, Prozess- und Qualitätsdaten fließen zusammen und ermöglichen schnelle, datenbasierte Entscheidungen in der Montage.

„Besonders gut für Automatisierung eignen sich heute Bereiche wie Powertrain-Montage, Hochzeit, Qualitätsprüfung und Fahrzeug-Inbetriebnahmen sowie Tätigkeiten mit gleicher Take Rate, etwa das Montieren von Rädern, Sitzen oder Verglasung“, sagt Geiger. Auch ergonomisch belastende Tätigkeiten seien prädestiniert für Automatisierung. Gleichzeitig würden bislang schwach automatisierte Bereiche wie der Kabelbaum prozentual stärker zulegen, nicht zuletzt durch veränderte Produktarchitekturen wie Distributed Assembly.

Der Mensch als Mittelpunkt der Automatisierung

Auch wenn die Phrase kaum abgedroschener sein könnte, steht der Mensch in der Montage trotz zunehmender Automatisierung tatsächlich im Mittelpunkt. Allerdings verschiebt sich seine Rolle. Statt repetitiver, ergonomisch belastender Tätigkeiten übernehmen die Werker zunehmend Überwachungs-, Steuerungs- und Problemlösungsaufgaben. Automatisierung kann entlasten und stabilisieren, nicht verdrängen. Von elementarer Bedeutung ist dabei die Akzeptanz auf dem Shopfloor. Systeme müssen transparent sein, klaren Nutzen stiften und sich nahtlos in bestehende Abläufe integrieren. Gerade bei KI-gestützten Entscheidungen ist Nachvollziehbarkeit zentral. Verantwortung darf nicht verschwimmen.

Aus strategischer Sicht kommen weitere Faktoren hinzu, betont Pacheco. Unternehmen müssten kulturell bereit sein, radikale Veränderungen in der Fertigung zuzulassen, gleichzeitig aber mit gewachsenen IT- und OT-Strukturen umgehen. Zudem sei Fahrzeugdesign ein zentraler Hebel. Wer sich der 100-Prozent-Automatisierung annähern wolle, müsse Produkte so auslegen, dass sie robotisch montierbar sind. Gerade in Europa spiele darüber hinaus die gesellschaftliche und politische Dimension eine Rolle. „Unternehmen brauchen überzeugende Konzepte, wie steigende Automatisierung nicht automatisch mit Arbeitsplatzverlust gleichgesetzt wird.“

Viele Werke reagieren darauf mit neuen Organisationsmodellen. Interdisziplinäre Teams aus Produktion, Instandhaltung, IT und Engineering entwickeln Automatisierungslösungen iterativ weiter. „Neue Automatisierung erfordert neue Rollenbilder“, sagt Geiger. Als Beispiel nennt er Mitarbeitende aus Montage oder Spritzguss, die zu mobilen Anlagenführern qualifiziert werden und heute ganze Flotten von AGVs betreuen.

Montageautomatisierung als Systemdesign

Die Automatisierung der Fahrzeugmontage entwickelt sich von einer punktuellen Maßnahme zu einem ganzheitlichen Systemdesign. Flexible Automatisierungsstationen, KI-gestützte Entscheidungslogik, kosteneffiziente Robotik und smartes Tooling ermöglichen es, Montageprozesse schrittweise zu stabilisieren und an neue Varianten anzupassen. „So wie ein Auto vier Räder braucht, benötigt erfolgreiche Montageautomatisierung alle zentralen Stellhebel gleichzeitig“, fasst Geiger zusammen. Technologie, Prozessdesign, Qualifikation und Organisation müssten zusammengedacht werden. In allen Phasen von Plan, Build und Run sei eine ganzheitliche Sicht notwendig, denn die Summe von Einzeloptima war noch nie das Gesamtoptimum.

Entscheidend bleibt die Balance: Standardisierung dort, wo sie Qualität und Taktstabilität bringt, und Flexibilität dort, wo Varianz unvermeidbar ist. Assembly Automation wird damit zu einem zentralen Hebel für Wettbewerbsfähigkeit, nicht weil sie maximal automatisiert, sondern weil sie Montage in einem volatilen Umfeld beherrschbar macht.