Wo Stellantis alte Motoren und Batterien wiederbelebt
Im Turiner Stadtteil Mirafiori bekommt eine zweite Chance, was anderswo längst abgeschrieben ist: Stellantis eröffnet am Fiat-Standort einen Reparatur- und Recycling-Hub und feiert zugleich das Revival für einen schon eingemotteten Antrieb.
Peter WeißenbergPeterWeißenbergSP-X
3 min
Auf geht´s ans Ausschlachten - alle Airbags sind schon vorher zum kontrollierten Platzen gebracht.Fiat
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Tot. Aus. Ende. Einmal zu heftig den zwölf Jahre alten Opel
Corsa auf Hochtouren gebracht – dann ein brutaler Ruck und dieses grausige
Geräusch: quiekend wie ein angeschossenes Wildschwein, gefolgt von weißem Rauch
und Ölgestank aus der Motorhaube. Ein Kolbenfresser hat der Maschine den Rest
gegeben. Ein neuer Motor für das geliebte alte Schätzchen würde 6.000 Euro
kosten; das bedeutet also Totalschaden.
Oder nicht? Für das Fahrzeug aus dem Stellantis-Konzern
bietet der Hersteller nämlich auch ein Aggregat für weniger als 1.500 Euro an.
Mit voller Garantie. So fährt der Kleinwagen noch ein paar Jahre länger am
Schrottplatz vorbei.
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Werk Mirafiori: Kreislaufwirtschaft im großen Stil
Willkommen in der Kreislaufwirtschaft. Bei der Aufbereitung
gebrauchter Teile nach Hersteller-Richtlinien hat der französisch-italienische
Konzern Großes vor. Im fast 90 Jahre alten Werk Mirafiori – zu deutsch: „Schau
die Blumen an“ –, da blüht die Zukunft von Wiederaufbereitung, Reparatur oder
Recycling bereits im Industriemaßstab. Und die Teile aus Turin kann der Kunde
im Internet oder über seine Werkstatt kaufen.
An der Geburtsstätte italienischer Ikonen wie Fiat Topolino,
500 oder Panda zerlegt, reinigt und verwertet Stellantis jetzt Altteile aus den
Modellen des eigenen Konzerns. In Spitzenzeiten rollten einst 700.000 Fahrzeuge
pro Jahr aus dem Werk. Heute sind es nur noch 100.000 Cinquecento in guten
zwölf Monaten. Entsprechend viel Platz ist auf den über zwei Millionen
Quadratmetern für den „SUSTAINera Circular Economy Hub“. Standort-Chef
Stanislao Monfreda beschreibt das Ziel: „Teile und Fahrzeuge so lange wie
möglich im Einsatz halten – und wenn das nicht mehr geht, die Materialien
zurück in den Produktionskreislauf führen.“
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Remanufacturing am Fließband
Der Hub startete mit vier Hauptaktivitäten:
Wiederaufbereitung von Motoren, Getrieben und Hochvoltbatterien,
Fahrzeugaufbereitung, Fahrzeugverwertung sowie ein Sortiercenter für Altteile.
Beim Remanufacturing werden verschlissene oder defekte Bauteile vollständig
zerlegt, gereinigt und nach Originalspezifikationen wieder aufgebaut. Mit allen
Garantien eines Neuteils, nur meist 30 bis 50 Prozent billiger.
Dazu zerlegen die Mitarbeitenden die alten Opel, Fiat,
Citroen oder Lancia wie im Takt eines Fließbandes. Erst kommen alle
Flüssigkeiten raus, dann Teile mit elektrischer Spannung. In einer Extra-Kammer
bringen Experten alle Airbags kontrolliert zur Sprengung. Danach schlabbern sie
wie Vorhänge überall im Auto herum. Anschließend wird zerlegt: vom Kotflügel
bis zur Heckleuchte, vom Panoramadach bis zum Katalysator.
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Sind Motor und Getriebe intakt und weiter nutzbar? Dann
gehen sie nach Funktionscheck und Reinigung wieder an die Werkstätten. Müssen
Pleuel, Kolben, Blöcke oder Zahnräder getauscht werden? Dann geht's in das
Remanufacturing. Bis zu 80.000 Motoren erhalten so pro Jahr ihr zweites Leben
als neuwertiges Ersatzteil mit neuer Produktionsnummer und Garantie.
Wiederverwendbare alte Teile ohne Reparaturaufwand wie Kotflügel, Rückspiegel,
Klimaanlagen oder Motorhauben sind sogar bis zu 70 Prozent billiger als Neuware.
Mit zwei Jahren Garantie wollen sich die Stellantis-Strategen aber von
Schrottplatz-Ware aus dem Web abheben.
Über Altfahrzeuge wieder den Kunden erreichen
Auch Wettbewerber wie Renault oder Toyota verfolgen ähnliche
Ansätze, Tendenz stark steigend. Denn europäische Regularien zwingen die
Hersteller ohnehin, Altfahrzeuge wiederzuverwerten. Und überdies kommen die
Autofirmen so auch wieder mit Kunden und Geschäft, die sonst schon lange keinen
Verkaufstempel der Marken mehr aufgesucht haben. Die Werkstatt ums Eck ist für
betagte Autos meist die günstigere Adresse.
Aus alt mach neu - vom Kotflügel bs zum Motor werden in Mirafiori gebrauchte Teile wieder zu Neuwagenqualität mit voller Garantie aufbereitet.Fiat
Die 600 Mitarbeiter in Mirafiori sollen bis 2030 schon mehr
als acht Millionen Teile aus dem Sortiercenter bekommen. Derzeit sind es 2,5
Millionen. Die aufbereiteten Bauteile verkauft Stellantis unter der Marke
SUSTAINera. Seit März vertreibt der Konzern Gebrauchtteile aus dem
Mirafiori-Verwertungszentrum sogar über eBay-Shops, aber auch über die eigene
Plattform b-parts.com. Die aufbereiteten Teile werden dazu schon im Werk vor
einer weißen Wand wie Models bei der Fashion Week fotografiert und direkt auf die
Verkaufsplattform eingestellt. Auch mit Amazon steht der Konzern schon in
Kontakt, um Teile zu verkaufen. Insgesamt sind in Europa schon zwölf Millionen
Gebrauchtteile zu kaufen.
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Der Hub belegt eine Gesamtfläche von 73.000 Quadratmetern,
davon wurden 55.000 Quadratmeter aus einem teilweise ungenutzten Gebäude
zurückgewonnen. Kreislaufwirtschaft beginnt übrigens schon beim Bau des
Kreislaufzentrums selbst. Dazu recycelte das Unternehmen mehr als 5.000 Tonnen
Metall aus veralteten Anlagen. „Der Einsatz von wiederverwendeten Maschinen
sparte 55 Prozent der Kosten für neue Ausrüstung“, erklärt Monfreda. Die
Investitionssumme betrug 40 Millionen Euro. In Brasilien und Marokko hat der
Konzern bereits zwei weitere derartige Zentren aufgebaut – und plant in den
USA, Indien und Frankreich schon die nächsten.
Neues Leben fürs alte E-Auto
Besonders im Fokus steht in Italien die Wiederverwertung von
Elektrobatterien. Stellantis kooperiert dabei mit einem spezialisierten Partner
für die Vorbehandlung beim Recyclingprozess von EV-Batterien, um Kobalt, Nickel
und Lithium aus Altfahrzeugen und Fabrikationsabfällen zurückzugewinnen. Kobalt
und Lithium sind teuer und strategisch knapp – wer sie zurückgewinnen kann,
sichert sich einen erheblichen Vorteil in der Lieferkette.
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Und Remanufacturing von Batterien aus beschädigten Altautos
könnte eines Tages sogar einem 15 Jahre alten Stromer mit schlappen Akkus
ungeahnte neue Kräfte verleihen; mit der deutlich stärkeren Batterie aus einem
verunglückten Modell jüngeren Baujahres bekäme das betagte Elektroauto mehr
Reichweite, kürzere Ladezeiten und eine PS-Spritze. Mirafiori macht´s
möglich.