Kommt die deutsche Autoindustrie beim „China Speed” mit?
Das hohe Entwicklungstempo der chinesischen Hersteller wirbelt die deutsche Automobilindustrie nachhaltig durcheinander. Vor allem die Zulieferer müssen sich an ein neues Rollenverständnis gewöhnen.
BMW hat bei der Entwicklung der Fahrzeugarchitektur der Neuen Klasse bereits auf die Entwicklungstube gedrückt – und man nimmt bei Software und Antrieb deutlich mehr in die eigene Hand.BMW
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Die Transformation der Automobilindustrie. Das war einmal.
Ein weiteres Schlagwort macht jetzt bei Zulieferern und OEMs die Runde: „China
Speed.“ Gemeint ist das rasant gestiegene Entwicklungstempo. Fast scheint es
so, als ob manche den Untergang des automotiven Abendlandes befürchten, wenn
man dem Takt, den das Reich der Mitte vorgibt, nicht folgt. So weit wird es
wohl nicht kommen, aber Fakt ist, dass sich die deutsche Automobilindustrie von
traditionellen Entwicklungszyklen verabschieden muss. Wie stark die
chinesischen Hersteller die Zügel anziehen, zeigt Chery. Bei der
Europa-Anpassung des Omoda 5 wurden in nur rund sechs Wochen Lenkung, Traktionskontrolle,
Bremsen, Dämpfer und Reifen überarbeitet. Das ist rasant.
Chinas Hersteller denken das Auto von Anfang an anders
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Der Tritt auf das R&D-Gaspedal betrifft nicht nur einen
Bereich des Autos, sondern das Fahrzeug als Ganzes. „Chinesische Hersteller
denken von Anfang an in Minimum Viable Products, bringen Systeme früher auf die
Straße und entwickeln sie dann weiter – das erhöht den Druck auf Zulieferer,
nicht mehr nur Bauteile, sondern ganze Funktionsverbünde in sehr kurzen Zyklen
zu aktualisieren. Genau darin liegt die eigentliche Zäsur: Wer weiter in
klassischen, linearen Tier-1-Prozessen mit fixen Vorgaben und stabilen Zyklen
denkt, kann da nicht mehr mithalten“, erklärt Martin Geißler von der
Unternehmensberatung Argon & Co.
EV-Startup Nio setzte bei der Fahrwerkentwicklung auf deutsches Knowhow.Christian Petersen-Clausen
Die Unternehmenskultur scheint tatsächlich ein Unterschied
zwischen Deutschland und den Asiaten zu sein. In den hiesigen
Entwicklungsabteilungen hat man es sich zu lange in der Wohlfühloase bequem
gemacht. Frei nach dem Motto: „Es ist bislang immer noch gut gegangen.“
Schließlich hat man auch die Attacke der japanischen und koreanischen Autobauer
gut überstanden. Prozesse waren wichtiger als das Tempo und die Flexibilität.
Anstatt Entscheidungen zu treffen, verschanzen sich viele Ingenieure hinter der
Befehlskette. Solange die Kassen klingelten, sah man in den Chefetagen wenig
Grund, an diesem Habitus etwas zu verändern.
Doch das ist Vergangenheit. Der Gegenwind kommt ausgerechnet
aus China, jenem Land, das jahrelang für positive Bilanzen sorgte. Aus den
ehemaligen Schülern sind mittlerweile die Meister geworden. Zumindest wenn es
um die Straffung und die Effizienz der Entwicklungsprozesse geht. „Wenn man die
Entwickler nicht frei denken lässt, kommt keine Innovation“, erklärt Zhang
Juehui, der viele Jahre beim SAIC-Joint-Venture mit VW beteiligt war, und
ergänzt: „Wir setzen viel auf Simulationen, arbeiten Tag und Nacht und wenn wir
einen Fehler finden, ändern wir das sofort!“ Dabei betont der Techniker, dass
sicherheitsrelevante Systeme immer eine Sonderrolle spielen und nicht auf dem
Altar der Entwicklungsgeschwindigkeit geopfert werden dürfen.
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OEMs und Zulieferer mit neuer Entwicklungslogik
Bei den deutschen Zulieferern ist dieser neue Ansatz
mittlerweile angekommen. So hat ZF die Software-Entwicklung für die
Hinterachssteuerung AKC von zwei Jahren auf ein Jahr verkürzt und den neuen
Range Extender in nur 15 Monaten entwickelt. Früher dauerte das doppelt so
lang. „Wir müssen manuelle Tätigkeiten drastisch verringern, Fehler früh finden
und die Release-Zyklen von Wochen auf Tage beziehungsweise Stunden verkürzen“,
sagt Christian Müller, Leiter des Global Software Centers bei ZF.
Im VW-Konzern zieht man ebenfalls das Tempo an. „Die
Verkürzung der Entwicklungszyklen zwingt OEMs dazu, ihre Entwicklungslogik
grundlegend zu verändern. Bei Volkswagen bedeutet das eine stärkere
Parallelisierung von Entwicklungsschritten, eine frühere Systemintegration
sowie eine klare Trennung zwischen Plattform-, System- und Applikationsebene“,
sagt Veronica Lehr, Leiterin Entwicklung Fahrassistenzsysteme bei Volkswagen.
Die deutschen Automobilbauer versuchen einen schwierigen
Spagat: Sie wollen mit der Geschwindigkeit der Wettbewerber mithalten, ohne
dabei ihre alten Stärken aufzugeben. Diese Strategie ist quasi ein Muss. Denn
das saubere Applizieren der Systeme ist nach wie vor eine Stärke der Autobauer
zwischen München und Wolfsburg. Nach wie vor offenbaren chinesische Autos
Schwächen – vor allem bei der Agilität und der Fahrwerksabstimmung. Audi
beschreibt, wie das konkret aussehen soll: „Die Kernkompetenz des Applizierens
und Integrierens bleibt als OEM unser USP. Das Knowhow zur Systemintegration
ins Fahrzeug und den Interdependenzen der verschiedenen Domänen liegt klar bei
uns. Wir bauen dort gezielt weiter Knowhow auf und gehen in die
Eigenentwicklung, wo wir uns als Audi von unseren Wettbewerbern
differenzieren.“
Ähnlich agiert auch Mercedes: „Vor dem Hintergrund weltweit
verkürzter Innovationszyklen treiben wir die Digitalisierung und Lokalisierung
unserer Prozesse gezielt voran, um Effizienz und Geschwindigkeit weiter zu
steigern – bei unverändert hohen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen.“
Hersteller warten nicht auf Marktbereinigung
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Auch hier drängt die Zeit. Denn die chinesischen Manager
haben diese Schwäche bereits analysiert und setzen alles daran, sie
auszumerzen. Das Muster ist bekannt: Man kauft sich das Wissen deutscher
Ingenieure teuer ein. Techniker berichten von Angeboten, die das aktuelle
Gehalt verdoppeln. Wie lange dieses wirtschaftliche Vabanque-Spiel von BYD,
Great Wall Motor & Co. noch gut geht, steht in den Sternen. Denn auch in
China sind die Geldhähne nicht unbegrenzt geöffnet. Wenn sich die teuer
erkaufte Kompetenz in Europa und auf dem Heimatmarkt nicht bald in Verkäufen
auszahlt, dürfte es für einige Akteure eng werden. Im Reich der Mitte rechnet
man ohnehin mit einer Konsolidierung des Automobilmarktes.
Die deutschen Automobilhersteller wollen sich darauf nicht
verlassen. Um sich fit für den harten weltweiten Wettbewerb zu machen, nehmen
die OEMs möglichst viel in die eigene Hand. Das hat man sich bei Konkurrenten
wie BYD abgeschaut. Diese vertikale Integration verändert auch das Verhältnis
von Zulieferern zu OEMs. „Bislang haben wir Zulieferer mit ins Boot genommen
und die konnten dann das Knowhow an Konkurrenten weiterverkaufen. Das ist
vorbei“, erklärt der Leiter des Bereichs Fahrerlebnis bei BMW, Mihiar Ayoubi.
Die Münchner setzen diesen Ansatz bei der Neuen Klasse um.
„Die Wertschöpfungskette der Zukunft ist regionaler, selektiver und
softwarelastiger. Man sieht es deutlich: OEMs wollen Kernbereiche wie Software,
E/E-Architektur, Batteriekompetenz oder Datenzugang strenger kontrollieren.
Zulieferer kommen dort zum Zuge, wo sie einen wirklichen Vorsprung liefern. Das
bringt die „Bauchladen-Lieferanten“ unter Druck“, weiß Peter Fintl von der
Unternehmensberatung Capgemini.
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„China Speed“ geht nur mit schlankeren Strukturen
Wohin die Reise geht, sieht man bei Bosch. Der schwäbische
Zulieferer setzt nach wie vor auf China als Wachstumsmotor. Schon im Mai 2025
meldete der Konzern, dass in China mehr als 65 Prozent der neuen
Mobility-Aufträge aus den Zukunftsfeldern E-Antrieb und softwaredefinierte
Fahrzeuge kamen. Auch die Akquise läuft auf vollen Touren. Bosch hat in China
neue ADAS-Kunden wie BAIC, Dongfeng und Jetour gewonnen, brachte dort ein
AI-Cockpit in Serie und startete Steer-by-Wire-Projekte mit chinesischen Herstellern.
Doch das Abschneiden der alten Entwicklungszöpfe kombiniert mit dem harten
Wettbewerb, führt zu drastischen Einschnitten.
Bosch will das neue KI-Cockpit in chinesischen Modellen in Serie bringen.Bosch
Bosch hat in Deutschland bis 2030 insgesamt rund 22.000
Stellenabbauten angekündigt, überwiegend in der Mobilitätssparte (Mobility
Solutions), und begründete diesen Schritt mit schwacher Nachfrage, hohen Kosten
und Wettbewerbsdruck. Im Klartext heißt das: Das China-Tempo drückt in
Deutschland auf Marge und Beschäftigung, während das Wachstums- und
Innovationstempo nach China wandert.
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Bei anderen Zulieferern schaut es nicht besser aus. ZF
übergibt das ADAS-Geschäft voraussichtlich im zweiten Halbjahr an Harman und
erfährt am eigenen Leib, wie stark sich der Entwicklungsdruck aus China
auswirkt. Der Friedrichshafener Zulieferer arbeitet unter anderem mit Nio
(Steer by Wire, Hinterachslenkung). Der erhoffte Befreiungsschlag lässt noch
auf sich warten. Am 23. Januar 2026 warnte ZF vor hohen Belastungen aus der E‑Mobility‑Neuausrichtung
und einer voraussichtlichen Einmalbelastung von 1,5 bis 1,7 Milliarden Euro für
das Geschäftsjahr 2025 auf unprofitabel werdende Elektromobilitätsprojekte.
Auch Schaeffler und Continental stehen unter Druck.
Die Hoffnung auf bessere Zeiten
Das zeigt: Der „China Speed” wirkt sich inzwischen in drei
Bereichen auf deutsche Zulieferer und OEMs aus. Erstens zwingt er sie,
Entwicklung nach China zu verlagern, damit sie bei Software, ADAS und
Elektroantrieb überhaupt noch mithalten können. Zweitens drückt er in Deutschland
auf die Marge und damit auf die Beschäftigung, weil Validierungszeiten kürzer
und Preisschlachten härter werden. Man kann sich den Entwicklungswasserkopf
schlichtweg nicht mehr leisten. Drittens erhöht er die Abhängigkeit von
chinesischen Partnern, Plattformen und Lieferketten. Das könnte sich noch fatal
auswirken. Aber diese Veränderung bietet auch eine Chance: Wenn es gelingt, den
„China Speed“ aufzunehmen und dabei „alte“ Stärken beizubehalten, brechen
wieder rosigere Zeiten an.