Nach erneutem Milliardenverlust

Lucid kündigt „operativen Neustart“ an

Lucid meldet für das zweite Quartal 2026 einen Verlust von über einer Milliarde Dollar. CEO Silvio Napoli kündigt ein „Operational Reset“ mit anvisierten 1,4 Milliarden Dollar Einsparungen an. Die Turbulenzen beim US-E-Autobauer ebben damit nicht ab.

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Ein Hoffnungsträger bei Lucid ist das Robotaxi. Das gemeinsame Programm mit Uber und Nuro soll neue Erlöse einbringen.

Der US-Elektroautohersteller Lucid Group hat seine Zahlen für das zweite Quartal vorgelegt und gleichzeitig ein umfassendes Restrukturierungsprogramm angekündigt. Unter dem Titel „Operational Reset“ will das Unternehmen den Cashflow verbessern, die Organisation verschlanken und die Kundenerfahrung verbessern. Damit setzt CEO Silvio Napoli, der das Unternehmen erst seit Anfang Juni 2026 führt, seine bereits bei Amtsantritt formulierten Prioritäten konsequent um.

1,4 Milliarden Dollar Einsparungen bis Jahresende

Kernstück des Programms ist ein Plan zur Verbesserung der Liquidität um 1,4 Milliarden US-Dollar im laufenden Jahr. Das Geld soll aus drei Bereichen kommen: rund 600 bis 800 Millionen Dollar durch den Abbau von Lagerbeständen, etwa 500 Millionen Dollar durch geringere Investitionsausgaben sowie rund 200 Millionen Dollar durch niedrigere Betriebskosten. In Letzteres fließen auch die bereits im Juni angekündigten Einsparungen von jährlich rund 158 Millionen Dollar ein, die aus dem Abbau von 18 Prozent der US-Belegschaft und der Streichung der zweiten Schicht im Werk AMP-1 in Arizona resultieren.

„Lucid verfügt über führende Technologie, überzeugende Produkte und hoch engagierte Mitarbeiter – doch Potenzial ist nicht gleich Leistung“, sagte Napoli. „Wir kehren zu den Grundlagen zurück, mit klarem Fokus auf Cash, Kunden und Kultur.“

Drei Prioritäten, halbierte Führungsebene

Das Reset-Programm gliedert sich in drei Schwerpunkte: „Cash & Cost“, „Customer & Quality“ sowie „Culture & Team“. Neben strikterer Kapitalallokation will Lucid die Wartezeiten im Service in diesem Jahr um ein Drittel senken und in Techniker sowie Kundenbetreuung investieren. Zugleich wird die Organisationsstruktur neu geordnet: Die Zahl der Entscheidungsträger, die direkt an den CEO berichten, wird halbiert, um Entscheidungswege zu verkürzen und Verantwortlichkeiten klarer zuzuordnen.

Lucid-Chairman Turqi Alnowaiser stellte sich hinter den Kurs des neuen Managements: „Silvio und sein Führungsteam transformieren das Unternehmen, und der Vorstand steht voll und ganz hinter ihren Maßnahmen.“ Die eingeleiteten Schritte sollten die operative Umsetzung stärken und Lucids Technologie- und Produktführerschaft in langfristigen Wert für Kunden und Aktionäre übersetzen, so Alnowaiser.

Robotaxis, AMP-2 und Midsize als Zugpferde

Als vier zentrale Projekte für Ressourcen und Kapital benennt Lucid neben dem Sparplan das Robotaxi-Programm mit Uber und Nuro, den Werksausbau AMP-2 in Saudi-Arabien sowie die Entwicklung einer neuen Mittelklasse-Plattform. Im Rahmen der Robotaxi-Kooperation testet eine Flotte von knapp 100 Fahrzeugen in der San Francisco Bay Area und in Houston; erste produktionsreife Lucid-Gravity-Fahrzeuge wurden bereits an Nuro ausgeliefert. Das Werk AMP-2 befindet sich nach Unternehmensangaben im Übergang von der Bauphase zur Industrialisierung, in der Fertigungsanlagen für Karosseriebau, Lackiererei und Endmontage installiert und in Betrieb genommen werden. Beim Mittelklasse-Programm laufen Prototypen und Antriebseinheiten durch Erprobung, Crashtests und Kältetests in Neuseeland.

Absatz wächst, Verlust bleibt hoch

Im zweiten Quartal produzierte Lucid 4.774 Fahrzeuge, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Produktion sei bewusst gedrosselt worden, um Lagerbestände abzubauen und Kapital freizusetzen, teilte das Unternehmen mit. Ausgeliefert wurden 3.953 Fahrzeuge, 19 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Der Umsatz stieg um 56 Prozent auf 405 Millionen US-Dollar.

Dem stehen weiterhin hohe Verluste gegenüber: Der Nettoverlust belief sich im zweiten Quartal auf rund 1,03 Milliarden Dollar, für das erste Halbjahr 2026 auf rund 2,06 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow lag im Quartal bei minus 1,48 Milliarden Dollar. Zum Quartalsende verfügte Lucid über eine Gesamtliquidität von 3,0 Milliarden Dollar; jüngst gesicherte Finanzierungen sollen zusammen mit den operativen Maßnahmen die Liquidität bis weit ins Jahr 2027 sichern.

Stellenabbau und Führungswechsel als Vorgeschichte

Das jetzt vorgestellte Reset-Programm folgt auf einen turbulenten Sommer bei Lucid. Bereits im Juni hatte das Unternehmen laut einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC den Abbau von rund 18 Prozent der US-Belegschaft sowie die Streichung der zweiten Schicht in Arizona angekündigt, verbunden mit einmaligen Kosten von etwa 32 Millionen Dollar für Abfindungen und Übergangsleistungen.

Parallel dazu verließ COO Marc Winterhoff, der zuvor als Interims-CEO fungiert hatte, das Unternehmen – seine Position wurde im Zuge der Neuausrichtung vollständig gestrichen. Zum 1. Juni übernahm der frühere Schindler-Chef Silvio Napoli den Vorstandsvorsitz. Die nun vorgelegten Quartalszahlen und das Operational-Reset-Programm zeigen, wie konsequent Napoli die bei seinem Amtsantritt angekündigte Kostendisziplin inzwischen umsetzt.