Wie chinesische Autobauer über Spanien nach Europa kommen
Seit die EU chinesische Elektroautos mit Einfuhrzöllen belegt hat, suchen die Autobauer aus dem Reich der Mitte nach einem Weg, um ihre Fahrzeuge in Europa zu produzieren. Spanien bietet gute Voraussetzungen, um diesen Plan umzusetzen.
Wolfgang GomollWolfgangGomoll
4 min
Mit dem BYD Dolphin Surf entsteht in Ungarn bereits ein Modell des chinesischen E-Autobauers in Europa. Folgt ein Werk in Spanien?BYD
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Die normative Kraft des Faktischen lässt bisweilen wenig
Raum für Interpretationen. In China tobt ein unerbittlicher Kampf der
Automobilhersteller um Marktanteile. Der Grund sind Überkapazitäten und eine
schwache Nachfrage. Klar ist, dass nicht alle Hersteller im Reich der Mitte
diesen Wirtschaftsdarwinismus überleben werden. Um der Rabattschlacht Herr zu
werden, hat die chinesische Marktaufsicht SAMR (State Administration for Market
Regulation) Richtlinien entworfen, in denen festgelegt wird, dass Autos nicht
mehr unter Produktionskosten verkauft werden dürfen – weder durch Hersteller
noch durch Händler. Die Konsequenz aus diesen Parametern lautet für viele
chinesische Autobauer: Sie müssen neue, finanzkräftige Absatzmärkte
erschließen. Also Europa.
EU-Schutzzölle als industriepolitische Antwort
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Allerdings schwächelt auch auf dem Alten Kontinent der
Absatz. Um dem Worst-Case-Szenario, in dem die asiatische Konkurrenz die
hiesigen Automobilhersteller mit Dumpingpreisen unter Druck setzt, Einhalt zu
gebieten, hat die EU mit der Durchführungsverordnung (EU) 2024/2754 am 29.
Oktober 2024 Schutzzölle installiert. Bei der BYD Group sind es 17,0 Prozent,
bei der Geely Group 18,8 Prozent und bei der SAIC Group 35,3 Prozent. Sonst
gilt für Automobilhersteller, die kooperiert, also an der Untersuchung der EU
teilgenommen haben, ein Satz von 20,7 Prozent. Dazu mussten die Unternehmen
Fragebögen fristgerecht beantworten, Unterlagen offenlegen und Prüfungen
zulassen. Alle, die sich nicht in die Karten schauen lassen wollten, bekamen
35,3 Prozent aufgebrummt. Die unterschiedlichen Zollsätze resultieren aus den
von der EU ermittelten Subventionen.
„Wenn wir auf dem europäischen Markt langfristig erfolgreich sein wollen, ist eine lokale Produktion essenziell", sagt Wayne Wei, General Manager von GAC.GAC
Den chinesischen Herstellern war schnell klar, was sie tun
müssen, um in Europa erfolgreich zu sein. „Die Strafzölle bereiten uns
kurzfristig Kopfzerbrechen. Langfristig werden wir damit klarkommen. Wenn wir
auf dem europäischen Markt langfristig erfolgreich sein wollen, ist eine lokale
Produktion essenziell – unabhängig davon, ob es Strafzölle gibt oder nicht“,
erklärte Wayne Wei, General Manager von GAC, bereits Ende 2024. Also eine
Produktion in Europa installieren und damit zwei Fliegen mit einer Klappe
schlagen. Zum einen die Produktion lokalisieren und dadurch die
Lieferkettenrisiken sowie die Transportkosten geringhalten. Zum anderen dem
Abgaben-Ansinnen der EU ein Schnippchen schlagen.
Spanien als Einfallstor für den europäischen
Markteintritt
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Das Einfallstor für den Tigersprung nach Europa war schnell
gefunden: Spanien. Der südeuropäische Staat hat mit PERTE VEC (Vehículo
Eléctrico y Conectado) ein Förderprogramm ins Leben gerufen, um die
Elektromobilitätsindustrie ins Land zu locken. Damit das auch gelingt, bietet
die spanische Regierung zwei finanzielle Angebote, die auch kombiniert werden
können: direkte Zuschüsse (subvención) und rückzahlbare, staatlich gestützte
Darlehen (préstamo). Interessant ist dabei, dass Spanien PERTE VEC über seinen nationalen
Aufbau- und Resilienzplan umsetzt – finanziert aus dem EU-Wiederaufbauprogramm
NextGenerationEU. Konkret über die Aufbau- und Resilienzfazilität (Recovery and
Resilience Facility / RRF), das zentrale Instrument für Zuschüsse und Darlehen.
Der VW-Konzern griff beherzt in diesen Fördertopf und
liefert so die Blaupause für die chinesischen Konkurrenten. Im Rahmen der
Seat-Strategie „Future: Fast Forward“ werden der Umbau der Fabrik in Martorell
zur E-Produktion sowie die Industrialisierung von Batterieprojekten mit
PERTE-Mitteln gefördert – eben genau als Mix aus Zuschüssen und teils staatlich
gestützten Darlehen. Parallel dazu wird die PowerCo-Gigafactory in Sagunt
ebenfalls aus PERTE-Mitteln unterstützt. Der Zuschuss wurde dabei offenbar von 98
auf 152 Millionen Euro erhöht.
„Spanien positioniert sich derzeit erfolgreich als
Best-Cost-Country Westeuropas. Für chinesische OEM ist Spanien derzeit der
ideale Kompromiss: Die Lohnkosten sind signifikant niedriger als in Deutschland
– das industrielle Ökosystem ist jedoch voll entwickelt“, erklärt Peter Fintl
von der Unternehmensberatung Capgemini und umreißt im gleichen Atemzug den Plan
der asiatischen Autobauer: „Die chinesischen Hersteller nutzen Spanien als
strategischen Flugzeugträger für ihre Europaoffensive. Der Plan ist clever. Man
nutzt bestehende Kapazitäten, etwa in Barcelona, minimiert so das
Investitionsrisiko und ist schneller am Markt als bei jedem Neubau.“
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SKD- und CKD-Montage als Einstieg in die europäische
Produktion
Wie das in der Praxis aussehen soll, zeigt Chery mit seinen
Tochtermarken Omoda und Jaecoo. Im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona soll die
Fertigung mit dem Partner Ebro in diesem Jahr anlaufen, zunächst als
SKD-/CKD-nahe Montage. Bald darauf soll der Schritt zur deutlich stärkeren
Lokalisierung folgen – mit mehr eigener Fertigungstiefe und ausgebauten Linien,
wie etwa einer Lackiererei oder dem Karosseriebau.
Das ist auch dringend notwendig, um die Zollwächter in
Brüssel zu beruhigen. „Das größte Risiko liegt nicht in der Technik, sondern in
der operativen Integration. Eine Semi-knocked-down-Montage ist noch keine echte
Automobilproduktion. Wer Spanien nur als Werkstätte für chinesische Bausätze
sieht, wird vermutlich politischen Gegenwind aus Brüssel rasch spüren. Die
europäische Wertschöpfung muss real sein, sonst drohen Nachschärfungen bei den
‚Rules of Origin‘“, verdeutlicht Peter Fintl und spielt damit auf die
zollrechtliche Relevanz der Frage an, welches Land als Ursprung eines Produkts
gilt.
Eine Semi-knocked-down-Montage ist noch keine echte Automobilproduktion. Wer Spanien nur als Werkstätte für chinesische Bausätze sieht, wird vermutlich politischen Gegenwind aus Brüssel rasch spüren
Peter Fintl, Capgemini
Genau dieser Umstand könnte für den chinesischen
Staatskonzern BAIC zum Problem werden, der mit der wiederbelebten spanischen
Traditionsmarke Santana Motors zusammenarbeitet und in Linares (Andalusien) ab
Mitte dieses Jahres Fahrzeuge für Europa in SKD-Endmontage mit importierten
Baugruppen fertigen will. Neben zwei Santana-Modellen sollen fünf neue
BAIC-SUV-Modelle vom Band laufen. Damit wäre es nur ein kleiner Schritt, bis
dort auch MG-Autos produziert werden. Die Anzeichen deuten jedenfalls darauf hin.
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Stellantis, Leapmotor und CATL: Batterieproduktion als
Standortargument
Der B10 von Leapmotor könnte künftig in Saragossa vom Band laufen.Leapmotor
Auch andere Automobilhersteller aus dem Reich der Mitte
finden Gefallen am spanischen Modell. Stellantis und die Tochter Leapmotor
favorisieren Saragossa/Figueruelas als Produktionsstandort für den Leapmotor
B10. Laut Ding Yongfei, Global Quality Director bei Leapmotor, soll die
Kapazität zunächst bei rund 40.000 Einheiten pro Jahr liegen. Weitere Modelle
sind geplant. Dabei soll es nicht bleiben. Der franko-amerikanische
Multimarkenkonzern hat mit dem chinesischen Batteriehersteller CATL bereits im
Dezember 2024 ein Joint Venture angekündigt, um am gleichen Standort eine
LFP-Batterie-Produktion (Lithium-Eisenphosphat) aufzubauen. Geplant sind Zellen
und Module mit einer Jahreskapazität von bis zu 50 GWh und Investitionen von
4,1 Milliarden Euro. Der Produktionsstart ist bis Ende 2026 angepeilt.
Angesichts der ambitionierten Ziele in Europa
hat auch BYD ein Auge auf den Standort Spanien geworfen. Allerdings dürfte
angesichts der alles andere als rosigen Geschäftszahlen ein drittes Werk nach
denen in Szeged (Ungarn) und in Manisa (Türkei / geplanter Produktionsstart
Ende 2026) zwar gewünscht, aber aktuell nicht ganz oben auf der
Prioritätenliste stehen. Die Realität diktiert das Tempo der Expansion: Statt
wie geplant 150.000 Einheiten sind in Ungarn in diesem Jahr nur 10.000
Fahrzeuge vorgesehen. Ähnliches gilt für die Fabrik in der Türkei.
Grundsätzlich haben die BYD-Manager Spanien als drittes Werk nicht
abgeschrieben, aber es dürfte in diesem Jahr mit dem euro-asiatischen
Fertigungsdreiklang noch nichts werden.