Chinesische OEMs wollen ihre Auslandsproduktion bis 2030 deutlich ankurbeln. Neue Werke und Partnerschaften treiben die Expansion voran, die auf einen Markt trifft, den deutsche Hersteller zuletzt noch mitgeprägt haben, wie aktuelle Zahlen zeigen.
Chinesische Automobilhersteller treiben den Ausbau ihrer Auslandsproduktion massiv voran und setzen verstärkt auf eigene Werke und Partnerschaften weltweit. Bis 2030 soll die Produktion außerhalb Chinas deutlich steigen und den globalen Wettbewerb spürbar verändern.KI
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Chinesische Automobilhersteller und Zulieferer wollen die internationalen Märkte zu einem zentralen Ergebnistreiber machen. Laut einem neuen Report von AlixPartners soll die Produktion im Ausland bis 2030 von 1,2 Millionen auf 3,4 Millionen Fahrzeuge steigen. Im Mittelpunkt steht dabei der Aufbau lokaler Produktionsstrukturen in wichtigen Absatzregionen. Hintergrund dieser Entwicklung sind vor allem die Überkapazitäten im chinesischen Heimatmarkt und der anhaltende Preisdruck. Gleichzeitig wollen die Unternehmen geopolitische Risiken breiter streuen und ihre Position in Regionen mit stabilerer Nachfrage absichern.
Welche Regionen stehen im Fokus der Expansion der chinesischen OEMs?
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Der Report nennt Europa und Lateinamerika als wichtige Schauplätze der nächsten Ausbaustufe. Chinesische Automobilhersteller planen demnach Produktionsstätten in mindestens 16 Ländern außerhalb Chinas. Bereits heute haben chinesische Marken in Lateinamerika rund ein Fünftel des gesamten Automobilmarktes erreicht und stellen dort mehr als die Hälfte des BEV-Absatzes. Darüber hinaus gelten Südamerika und Australien als kurzfristige Expansionsräume. In Europa wird vor allem Südeuropa als strategischer Brückenkopf eingeordnet. Dort sehen die Autoren des Reports vergleichsweise günstige Voraussetzungen für den weiteren Marktausbau.
Neue Strategie aus Fernost für internationale Märkte
Nach Einschätzung von AlixPartners entwickelt sich das internationale Modell chinesischer OEMs von einer reinen Exportstrategie hin zu einer breiter angelegten Internationalisierung. Dazu gehören eigene Werke im Ausland, lokale Händler- und Servicenetze, Auftragsfertigung sowie Joint Ventures. Diese Struktur soll helfen, Zölle zu umgehen, die Marktbearbeitung zu beschleunigen und näher an den jeweiligen Zielmärkten zu produzieren. Genannt werden unter anderem Standorte in Ungarn, der Türkei und Thailand sowie geplante Aktivitäten in Nord- und Südamerika.
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Welche Rolle spielen Partnerschaften beim Marktausbau?
Partnerschaften sind ein zentraler Bestandteil der Expansion. Sie reichen von Kooperationen mit Mobilitätsplattformen bis zu Vereinbarungen mit etablierten westlichen Herstellern. Im Report werden unter anderem BYD mit Uber, Zeekr mit Waymo, Stellantis mit Leapmotor sowie Renault mit Geely genannt. Für viele Zulieferer und Hersteller außerhalb Chinas entsteht daraus zusätzlicher Anpassungsdruck. Laut AlixPartners stehen sie vor der Entscheidung, entweder Geschäftsmöglichkeiten mit chinesischen Unternehmen zu suchen oder ihre eigene Kostenstruktur und Entwicklungslogik schneller zu verändern.
Der Report verweist auf mehrere Faktoren, mit denen chinesische Hersteller im internationalen Wettbewerb auftreten: niedrige Kosten, kurze Produktzyklen und Fortschritte bei intelligenten Fahrzeugfunktionen. Gleichzeitig sinken im chinesischen Heimatmarkt die Preise weiter. In den vergangenen zwei Jahren seien die Fahrzeugpreise dort um rund ein Fünftel gefallen. Damit steigt der Druck, neue Ertragsquellen außerhalb Chinas zu erschließen. Für internationale Wettbewerber bedeutet das, dass sich der Wettbewerb neben dem Preis auch stärker über Entwicklungsdauer, Funktionsumfang und Marktnähe entscheidet.
Deutsche Hersteller prägen den europäischen E-Auto-Markt weiter
Die Expansionspläne chinesischer OEMs treffen auf einen europäischen Markt, der derzeit noch stark von deutschen Herstellern geprägt ist. Nach Angaben des VDA stammt rund jedes zweite neu zugelassene E-Auto in Europa von einem deutschen Hersteller. Auch insgesamt haben deutsche OEMs ihre Marktanteile bei batterieelektrischen Fahrzeugen 2025 in Europa weiter ausgebaut. In der EU wurden im vergangenen Jahr mehr als 1,5 Millionen E-Autos deutscher Hersteller neu zugelassen.
Deutsche Hersteller haben ihre Position im E-Auto-Markt 2025 vor allem in Europa weiter ausgebaut und erreichen dort bei Elektroautos teils höhere Marktanteile als im Gesamtmarkt. Nach VDA-Angaben stammt inzwischen rund jedes zweite neu zugelassene E-Auto in Europa von einem deutschen Hersteller.VDA
Hinzu kommt die Bedeutung Deutschlands als Produktionsstandort. Nach VDA-Angaben ist Deutschland weltweit der zweitgrößte Produktionsstandort für E-Autos nach China und innerhalb Europas die wichtigste Fertigungsbasis. Damit stützen sich die Marktanteile deutscher Hersteller in Europa nicht nur auf den Vertrieb, sondern auch auf eine ausgeprägte industrielle Basis. Für den Wettbewerb in Europa ist das relevant, weil zusätzliche Werke chinesischer Hersteller künftig auf bestehende Produktionsstrukturen und etablierte Markenpositionen treffen.
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VDA sieht Fortschritte, verweist aber auf Standortprobleme
Der VDA wertet die aktuellen Zahlen als Beleg dafür, dass deutsche Hersteller bei der Umstellung auf Elektromobilität in wichtigen Märkten vorangekommen sind. Zugleich verbindet der Verband diese Entwicklung mit Kritik an den Rahmenbedingungen am Standort Deutschland. VDA-Präsidentin Hildegard Müller verweist in diesem Zusammenhang unter anderem auf hohe Energiepreise, Defizite bei der Ladeinfrastruktur und die aus Sicht des Verbands unzureichende internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. „Unsere Unternehmen – Hersteller sowie Zulieferer – sind global aufgestellt, investieren hohe Summen und stellen sich den Herausforderungen. Wir bauen jetzt und in Zukunft mit die besten Autos der Welt – die Frage ist nur zunehmend, welche Rolle der deutsche Standort dabei noch einnehmen kann. Deswegen sprechen wir immer wieder mit Nachdruck die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts an sowie die fehlenden Rahmenbedingungen, beispielsweise bei Ladeinfrastruktur oder den Energiepreisen. Wir wollen die Erfolgsgeschichte auch hierzulande schreiben – und das wird nur funktionieren, wenn diese Herausforderungen erkannt und offensiv angegangen werden", so Müller im Wortlaut.